Wie lässt sich in Krisenzeiten schützendes, solidarisches und resilientes Verhalten wirksam mobilisieren?
POLICY BRIEF
POLICY BRIEF Special issue COVID-19, N°1 / 2020 | SOCIAL INNOVATION THROUGH LIFE COURSE RESEARCH

Wie lässt sich in Krisenzeiten schützendes, solidarisches und resilientes Verhalten wirksam mobilisieren?

Zusammenfassung des Kenntnisstandes und kurzer Ratgeber für öffentliches Handeln

Auteur·e(s): Guy Elcheroth

Zusammenfassung
  • Dieser Ratgeber richtet sich an alle Akteure, die an der Koordinierung des öffentlichen Handelns während der aktuellen Gesundheitskrise beteiligt sind.
  • Auf der Grundlage von 10 wissenschaftlichen Erkenntnissen enthält er 10 praktische Tipps zur Mobilisierung von 3 Arten von Sozialverhalten: Schutz, Solidarität und Resilienz.

>>> Wie lässt sich in Krisenzeiten schützendes, solidarisches und resilientes Verhalten wirksam mobilisieren? Ratgeber (PDF)

>>> 10 praktische Tipps auf der Grundlage von 10 wissenschaftlichen Erkenntnissen - Fact-sheet (PDF)

Kontext 

Um das Fortschreiten der Coronavirus-Pandemie einzudämmen, haben die Schweizer Behörden, wie die meisten europäischen Länder, die Bevölkerung zu einem sozial distanzierenden Verhalten aufgefordert und eine Reihe von gesundheitlichen Massnahmen ergriffen, um das gesellschaftliche Leben in der Schweiz zu verlangsamen. Am 20. März 2020 brachte Alain Berset die Vision des Bundesrates zum Ausdruck, dass der Erfolg dieser Massnahmen, die eine gesundheitliche Katastrophe vermeiden sollen, von der Fähigkeit abhängt eine wirksame, drastische, rasche und nachhaltige Verhaltensänderung in der gesamten Bevölkerung zu mobilisieren: «Was von nun an zählt, ist die Unterstützung dieser Massnahmen in der Bevölkerung, über mehrere Wochen hinaus.»

Die aktuelle Herausforderung besteht daher darin, dringlich öffentliches Handeln zu schaffen, das fähig ist, drei Arten von Sozialverhalten wirksam zu mobilisieren, von denen der Verlauf der Gesundheitskrise und ihre menschlichen Folgen abhängen werden:

  • Schutzverhalten, d.h. Einhaltung von Gesundheitsanweisungen und insbesondere soziale Distanzierung.
  • Solidarisches Verhalten, insbesondere die Unterstützung schutzbedürftiger Menschen und die Einsatzbereitschaft zur Aufrechterhaltung wesentlicher Dienste.
  • Resilientes Verhalten, um Folgeschäden zu verhindern, die durch eine belastende Situation oder durch unangemessene kollektive Reaktionen verursacht werden.

Das vorliegende Dokument hat zum Ziel, allen Akteuren, die an der Koordinierung des öffentlichen Handelns während der Gesundheitskrise beteiligt sind, bei ihrer schwierigen Aufgabe Unterstützung zu bieten, um diese drei Arten von Sozialverhalten wirksam zu mobilisieren. Es basiert auf einer aktuellen Durchsicht der internationalen Literatur in der Sozialpsychologie und verwandten Wissenschaften. Der erste Teil enthält eine Zehn-Punkte-Zusammenfassung der relevanten wissenschaftlichen Erkenntnisse, während der zweite Teil versucht, für jedes Ergebnis nützliche Ratschläge für die öffentliche Entscheidungsfindung im Kontext der aktuellen Krise abzuleiten.

 

Praktische Ratschläge

1. Sich darauf einstellen, dass sich alles schnell ändern kann

Wenn sich der Kontext und die sozialen Verhaltensweisen in beschleunigter und oft unvorhersehbarer Weise ändern, ist es von grundlegender Bedeutung, Handlungsspielraum zu bewahren, um Handlungen und Massnahmen kontinuierlich an die neue Situation anzupassen. Indem das Verständnis dafür geweckt wird, dass Anpassungen Zeichen der Reaktionsfähigkeit und nicht des Zögerns sind, trägt die Vermittlung des notwendigerweise evolutiven Charakters der ergriffenen Massnahmen dazu bei, die Bevölkerung vorzubereiten und, wenn alles sich sehr rasch ändert, eine gewisse Besonnenheit zu bewahren.

2. Konstruktives Verhalten in der Öffentlichkeit sichtbar machen

Die von den Behörden und Medien in den Vordergrund gestellten Verhaltensweisen beeinflussen die Wahrnehmung gesellschaftlicher Normen und bieten somit Orientierungspunkte, um eigenes Verhalten auszurichten. Aufrufe, das Verhalten zu ändern, indem man auf Fehlverhalten mit dem Finger zeigt, sind oft kontraproduktiv. Zum Beispiel verbreitet die blosse Botschaft, dass «junge Menschen den Empfehlungen nicht genug folgen» am ehesten den Eindruck, dass es für junge Menschen normal ist, den Empfehlungen nicht zu folgen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Fallstricke zu vermeiden und gleichzeitig auf die problematischen Punkte hinzuweisen: Man kann über den Trend kommunizieren (z.B. «viele junge Menschen haben ihr Verhalten bereits in kurzer Zeit angepasst, aber wir müssen jetzt schneller und weiter gehen»), die Bezugsgruppen variieren (z.B. «die Bürger dieses Kantons sind der eigenen Generation voraus») oder die beobachteten Verhaltensweisen kontextualisieren, indem man ihre Anpassungsfähigkeit hervorhebt (z.B. «in den letzten Tagen hatte die Information noch nicht alle erreicht, aber diejenigen die die Botschaft gehört haben sind bereit, die Konsequenzen zu ziehen»).

3. Klare und umsetzbare Anordnungen bevorzugen.

Wenn der Bevölkerung neue Anordnungen erteilt werden, muss unbedingt sichergestellt werden, dass die geforderten Verhaltensweisen klar erkennbar und für jeden konkret durchführbar sind. Mehrdeutige Vorschriften (die eine grosse Grauzone zwischen dem Erlaubten oder Erwünschten und dem Unerlaubten lassen) oder paradoxe Weisungen (die anderen Weisungen widersprechen, ohne dass klar ist, was Vorrang hat) laufen Gefahr, kontraproduktiv zu sein und die Dynamik des kollektiven Wandels zu verwischen oder sogar zu vereiteln. Auf klar realisierbare Massnahmen zu setzen, bedeutet im Übrigen nicht unbedingt, begrenzte  Massnahmen zu bevorzugen: weitreichende Massnahmen können im Gegenteil eine klarere Lesart der Regeln und Prioritäten erleichtern, vorausgesetzt ihre Zielsetzung und Logik sind nachvollziehbar.

4. Vielfältige Identifikationsfiguren mobilisieren

Da die Unterstützung eines Aufrufes weitgehend von der Identifikation mit seinen UrheberInnen abhängt, kann die Überzeugungskraft von Anweisungen erheblich gesteigert werden, wenn sie von einer Reihe von Personen mitgetragen werden, die von den verschiedenen Zielgruppen als «einer/eine von uns» akzeptiert werden und die jeweiligen gemeinsamen Identitäten glaubwürdig verkörpern (z.B. Jugendliche und SeniorInnen, AnwohnerInnen und GrenzgängerInnen, ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen usw.). Es ist ebenfalls wichtig, so weit wie möglich zu vermeiden, dass die für die Durchsetzung der Anweisungen zuständigen Ordnungskräfte in Situationen gebracht werden, die ihre Eigenschaften oder Handlungen als antagonistisch gegenüber den mobilisierten Identitäten erscheinen lassen (z.B. zu vermeiden, dass eine Gruppe von weiblichen Jugendlichen nur durch ältere Männer zerstreut wird, dass nicht französischsprachige SoldatInnen in erster Linie sensible Anfragen an die Bevölkerung in der Westschweiz richten, dass bewaffnete AgentInnen einem religiösen Ort besichtigen usw.).

5. An die überwundenen Herausforderungen erinnern

Allgemeine Aufrufe zum «Ruhe bewahren» nützen im Allgemeinen wenig. Es ist motivierender und beruhigender, vergangene und gegenwärtige Erfahrungen hervorzuheben, welche die kollektive Fähigkeit zur Bewältigung der Herausforderungen belegen. So kann es beispielsweise wirksam sein zu zeigen, dass das, was benötigt wird, in Kontinuität mit wertgeschätzten alltäglichen Rollen und Identitäten steht, auch dann wenn dies bedeutet, sich selbst in dem zu übertreffen, was man bereits zum Besten zu tun glaubt (z.B. geliebten Menschen helfen, sich um Kranke kümmern, Nahrungsmittel bereitstellen, kreativ kommunizieren usw.). Wenn historische Erzählungen im kollektiven Gedächtnis zugänglich und bedeutsam sind, kann ihre Erinnerung auch als Inspiration und Ermutigung dienen. Es ist jedoch wichtig, auf künstliche Vergleiche, oder solche die eine unangemessene Dramatisierung bewirken würden, zu achten. 

6. Den Mythos der « Massenpanik » nicht weiter verbreiten.

Es gibt keinen stichhaltigen Grund für die Befürchtung, dass die Bevölkerung angesichts der Gefahr mit rein egoistischem oder irrationalem Panikverhalten reagieren könnte. Es ist durchaus möglich, sich bei der Bewältigung der Krise auf die gemeinsamen Werte des Bürgersinns zu stützen und sich an jede einzelne Person als Trägerin von Verantwortung und Loyalität innerhalb des Gefüges ihrer sozialen Beziehungen zu richten. Andererseits können die Medienberichterstattung und die Übertreibung der Bedeutung bestimmter ungewöhnlicher Verhaltensweisen (z.B. wiederholende Berichterstattung über leere Regale) in einem Kontext der Unsicherheit Besorgnis erregen und die fraglichen Verhaltensweisen schlimmstenfalls durch einen Kaskadeneffekt verstärken. Daher ist es wichtig, diese Art von Informationen systematisch und proaktiv in einen Kontext zu stellen, z.B. indem man die Vielfalt verantwortungsbewusster Verhaltensweisen an anderer Stelle in Erinnerung ruft, indem man gegebenenfalls auf den anekdotischen Charakter bestimmter übermässig mediatisierter Verhaltensweisen besteht und/oder die Mittel erklärt, die zur Eindämmung ihrer Auswirkungen mobilisiert werden können.

7. Spontane Solidaritäten zum Ausdruck kommen lassen

Da die Krise ohne eine breite Welle der Solidarität kaum zu überwinden ist, sollten spontane Initiativen grundsätzlich als Ausdruck guten Willens und als möglicher Weg zu  neuen Lösungsansätzen  verstanden werden, selbst wenn sie aus Sicht der Behörden als potenzielle Störfaktoren erscheinen. Es ist wichtig, spontanen Selbsthilfeinitiativen Freiraum zu gewähren, ihnen Sichtbarkeit zu verleihen und ihren Beitrag zum Krisenmanagement anzuerkennen. Über ihre praktische Bedeutung hinaus sind diese Initiativen – und ihre gesellschaftliche Anerkennung – wesentlich, um das soziale Gefüge zu stärken und das Aufkommen von Resignation oder Entfremdung in der Bevölkerung zu verhindern.

8. Aufzeigen, dass alle gemeinsam betroffen sind

Das Gefühl, dass alle im selben Boot sitzen, ist eine starke Quelle für Energie und Anpassungsfähigkeit in Krisenzeiten, kann aber auch ein schnell vergängliches Gut sein. Es muss alles getan werden, um zu verhindern, dass es sich vorzeitig auflöst. Die Gefahr besteht darin, dass gewisse Teile der Bevölkerung ein Gefühl der Unverwundbarkeit entwickeln oder schlimmer noch als Nutzniesser der Krise wahrgenommen werden. Um dem entgegenzuwirken, kann betont werden, dass die Verwundbarkeit von allen geteilt wird; jede Person hat zumindest nahestehende Menschen, die ernsthaft betroffen werden könnten. Aber die Herausforderung geht weit über eine einfache Kommunikationsbemühung hinaus. Es gilt vor allem darum, bei jeder öffentlichen Handlung eine sehr klare ethische Linie zu verfolgen und zu vermeiden, dass ungerechtfertigte Privilegien gewährt werden, während andere Opferbereitschaft  zeigen. Es ist ferner von entscheidender Bedeutung gegenüber jedem Versuch, der die Krise zum individuellen Vorteil ausnutzen will, Entschlossenheit zu zeigen. Schlussendlich geht es darum, respektvoll mit Schicksals- und Solidargemeinschaften umzugehen, die sich vor Ort bilden  - auch jenseits administrativer oder politischer Grenzen.

9. Informations- und Kommunikationskanäle aufrechterhalten

Medienkontinuität und offene Kommunikationskanäle sind unabdingbar in Krisenzeiten. Eine Einengung des öffentlichen Informationsaustausches würde wahrscheinlich zu einer erheblichen Zunahme der Sprunghaftigkeit des Sozialverhaltens sowie persönlicher Notsituationen führen. Es ist daher von entscheidender Bedeutung, die öffentlichen Medien in jedem Falle funktionsfähig zu halten und keine Massnahmen zu ergreifen, die den sozialen Austausch über seine räumliche Dimension hinaus beschränken. Die Rolle der Behörden als primäre Informationsquelle kann von drei Prinzipien geleitet werden: Weitergabe verfügbarer Informationen, Kommunikation über die Grenzen des aktuellen Wissens und die Erkenntnis, dass die Bürger besser mit schwierigen, aber geteilten Wahrheiten leben können als mit isolierender Unklarheit. 

10. Die Kontinuität der sozialen Bindungen ermöglichen

Um Solidarität und Widerstandsfähigkeit in der Bevölkerung aufrecht zu erhalten, ist es wichtig, Situationen von gesellschaftlicher Vereinsamung durch die räumlichen Einschränkungen so weit wie möglich zu vermeiden. Um das Ziel entsprechender Massnahmen zu erklären, kann der Aufruf zur physischen Distanz von einem Aufruf zur Aufrechterhaltung der Kontakte, mit Hilfe von Fernkommunikationsmitteln, begleitet werden. Es ist wichtig, ein Gefühl von ungewollter Untätigkeit zu vermeiden, gut gemeinte Initiativen nicht zu behindern, wenn sie mit den Schutzzielen vereinbar sind, und allen zu helfen zwischen zu Hause bleiben und sich selbst abkapseln oder nutzlos fühlen, zu unterscheiden.

 

Wissenschaftliche Erkenntnisse

1. Die Anpassungsfähigkeit des Sozialverhaltens nimmt in Krisenzeiten exponentiell zu.

In Zeiten relativer sozialer Stabilität werden soziale Verhaltensweisen oft durch eine Reihe von Faktoren überbestimmt: persönliche Werte, materielle Zwänge, Gesetze, soziale Normen usw. Dies bedeutet, dass eine Veränderung einer dieser Faktoren oft durch die Stabilität der anderen Faktoren absorbiert und kompensiert wird, was den Eindruck einer starken Regelmässigkeit oder sogar einer Trägheit im Sozialverhalten erwecken kann (1, 2). Diese intuitive Erfahrung der Vorhersehbarkeit des Sozialverhaltens kann jedoch nicht auf das Geschehen in Krisenzeiten übertragen werden. Wenn eine Bevölkerung mit einem erheblichen Umbruch in ihrem kollektiven Lebensumfeld konfrontiert ist, kann es vorkommen, dass der Schock mehrere oder sogar alle Determinanten des Sozialverhaltens gleichzeitig betrifft. Wir wechseln dann von einer Dynamik,in der die Wechselwirkungen zwischen mehreren Faktoren den Wandel abfedern zu einer Dynamik, in der sie den Wandel beschleunigen (1, 3, 4). Die ausserordentliche Unbeständigkeit der daraus resultierenden Verhaltensweisen wird manchmal als eine Quelle potentieller Störungen in Krisenzeiten angesehen (5). Sie ermöglicht aber auch die Anpassung des Verhaltens an neue Erfordernisse in einem Umfang und mit einer Geschwindigkeit,die in normalen Zeiten unvorstellbar wären.

2. Wahrgenommene soziale Normen spielen eine entscheidende Rolle bei derBeschleunigung des Wandels.

Unter den verschiedenen Faktoren, die im Spiel sind, spielen die wahrgenommenen sozialen Normen eine besondere Rolle in der Dynamik des beschleunigten Umbruchs. Angesichts neuer Erfordernisse werden die meisten Menschen ihr Verhalten anpassen und dabei auf die Reaktion schauen, die in der für sie als wichtig betrachtete Gemeinschaft zu überwiegen scheint (6-8). Während es manchmal möglich ist, die Reaktionen der Nachbarn direkt zu beobachten oder darüber mit nahe stehenden Personen zu sprechen (9), ist die Wahrnehmung von sozialen Normen innerhalb von Bezugsgemeinschaften auf breiterer Ebene («die Schweizer», «meine Generation», «mein Berufsstand» usw.) zwangsläufig mediatisiert, dies umso mehr als sich in einem Klima der Unsicherheit eine Dynamik der Selbstzensur hinsichtlich der persönlichen Meinungsäusserung ausbreitet (10, 11). In dem Masse, in dem nur eine kleine Informationsmenge schnell eine grosse Anzahl von Menschen erreicht, kann sie sich unverhältnismässig stark auf die Wahrnehmung sozialer Normen auswirken und folglich Verhaltensweisen einer kritischen Masse beeinflussen, die ausreicht, um eine Spiralwirkung auszulösen. Die von den Behörden bereitgestellten Informationen sind Teil dieser Schlüsselinformationen, ebenso wie die Berichterstattung über die Ereignisse in den grossen Medien.

3. Nicht umsetzbare Anforderungen könnten kontraproduktive Auswirkungen haben.

Gesetzliche Bestimmungen sind nur dann wirksam, wenn sie in der Praxis anwendbar sind; andernfalls können sie paradoxe Wirkungen auslösen. Offizielle Anordnungen, gegen die systematisch verstossen wird, können unglückliche Dominoeffekte auslösen: Unklarheit, die durch nicht eingehaltene Normen entsteht, kann auf andere Normen abfärben und die Ausbreitung von rücksichtslosem oder gesetzeswidrigem Verhalten begünstigen (12, 13). In Extremfällen haben solche normüberschreitende Spiralen sogar zur Banalisierung von Gewaltverbrechen geführt (14). Dies scheint allerdings auch umgekehrt zu gelten: In sozialen Umfeldern, in denen die gelebten sozialen Normen weitgehend mit den vorgeschriebenen Normen übereinstimmen, neigt die Regeltreue ebenfalls dazu, sich von einem Bereich zum anderen auszubreiten (8). 

4. Die Unterstützung der Anweisungen der Behörden wird durch die Wahrnehmung einer gemeinsamen Identität mit den Personen, die die Anweisungen erteilen oder verbreiten, verstärkt. 

Eine Aufforderung zur Verhaltensänderung und Opferbereitschaft erzeugt eher eine innere Motivation zur Einhaltung, wenn sie als von «einem von uns» kommend wahrgenommen wird (15, 16). In einer grossen Bevölkerung sind die Zugehörigkeitsgefühle im Allgemeinen vielfältig; sie unterscheiden sich je nach Person und Situation. Dieselbe Quelle kann daher für einen Teil der Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Identifikation mit der Botschaft erzeugen, während sie gleichzeitig als Aussenstehender für andere Menschen oder unter anderen Umständen wahrgenommen wird (17). Die Identifikation mit den politischen Entscheidungsträgern nimmt manchmal zu Beginn einer grösseren Krise zu, aber dieses Phänomen kann vorübergehend sein und ist selten von einem solchen Ausmass, dass die Machthaber allein in der Lage wären, über alle Bevölkerungsschichten hinaus eine ausreichende Unterstützung zu erzielen (18).

5. Das Streben nach gemeinsamer Kontinuität ist ein einflussreicher Antrieb gesellschaftlichen Handelns.

Das Gefühl der Zugehörigkeit zu Gemeinschaften, die die Zeit überdauern, ist ein grundlegender Bezugspunkt für menschliches Handeln (19). Die Bedeutung der sozialen Zugehörigkeit wird angesichts existenzieller Bedrohungen noch grösser und die Suche nach kollektiver Kontinuität wird umso dringlicher, als diese Kontinuität durch die Ereignisse bedroht ist (20, 21). Die Art und Weise, in der sich die Gemeinschaften zur Bewältigung einer aktuellen Krise mobilisieren, hängt davon ab, wie sie die von der Krise bedingten Herausforderungen mit einem geteilten Geschichtsverständnis und ihrem gemeinsamen Werdegang verbinden (22).

6. Selbst in lebensbedrohlichen Notfallsituationen bleiben ordentliche soziale Rollen und Beziehungen meist erhalten und strukturieren weiterhin die sozialen Interaktionen.

Studien über das Verhalten in lebensbedrohlichen Notfällen - wie Anschläge, Brände oder andere Katastrophen – zeigen, dass selbst unter diesen extremen Umständen egoistisches oder irrationales Panikverhalten viel seltener ist als gegenseitiger Beistand (23-25). In den meisten Fällen werden Menschen, die sich plötzlich in einer Situation grosser Gefahr für sich selbst und andere befinden, weiterhin alltägliche soziale Verhaltensmuster folgen, beispielsweise indem sie gegenüber nahe stehenden Personen selbstlos sind oder indem sie für als verletzlich empfundene Personen wie ältere Menschen oder Kinder zuerst helfen, selbst wenn sie Fremde sind (25, 26).

7. Aus der Krisensituation heraus entstehen neue Solidargemeinschaften, die in der Lage sind, wichtige soziale Ressourcen zu schaffen.

Studien über Menschen, die gewalttätigen Übergriffen oder Naturkatastrophen ausgesetzt waren, weisen auf das Phänomen der Überlebendengemeinschaften hin: Menschen, die sich vorher nicht kannten, können ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Schicksalsgemeinschaft entwickeln, welche durch das gefährliche Ereignis entstanden ist (17, 27). Das Gefühl im selben Boot zu sitzen, erleichtert gegenseitiges Helfen während der Gefahr. Manchmal wird es dann über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten und erleichtert längerfristiges solidarisches Handeln (28).

8. Der Solidaritätsschub kann kurzlebig sein, wenn das Krisenmanagement Ungleichheiten schafft oder verstärkt.

Das Gefühl, eine Schicksalsgemeinschaft angesichts der Gefahr zu bilden, kann kaum entstehen oder sich erhalten, wenn Risiken und Lasten ungleich verteilt sind. (29, 30). Wenn sich bestimmte Untergruppen unverwundbar fühlen, schwindet das Gefühl, im selben Boot zu sitzen. Wenn ein Teil der Bevölkerung den Anstrengungen aller entgeht oder schlimmer noch die Krise ausnutzt, um von ihr zu profitieren, verwässern sich die sozialen Anreize für Opferbereitschaft (31). Es kann auch vorkommen, dass das Gefühl der spontanen Solidarität keinen konkreten Ausdruck findet, weil das politische Krisenmanagement dazu führt, Menschen zu spalten, die die Gefahr zusammengeführt hätte (23). In diesen verschiedenen Fällen können sich die Bande der Solidarität als zu zerbrechlich erweisen, um eine angemessene kollektive Mobilisierung zu ermöglichen.

9. Verwirrung und Informationsmangel sind schwieriger zu bewältigen als geteilte, sogar dramatische Wahrheiten.

Gegenüber Situationen existenzieller Ungewissheit verdoppeln die meisten Menschen ihre Anstrengungen, um eine schlüssige und gemeinsame Sicht der sozialen Wirklichkeit zu bewahren (32, 33). Nicht in der Lage zu sein, zusammenhängende Informationen zu erhalten, sie mitzuteilen und sie mit Personen, die einem wichtig sind, gemeinsam zu deuten, kann einen beunruhigenden Verlust von Bezugspunkten für die Betroffenen hervorrufen und erhöht die Sprunghaftigkeit des sozialen Verhaltens (7, 34, 35).

10. Die Erhaltung der sozialen Bindungen in belastendenden Situationen stärkt die Widerstandsfähigkeit massgeblich.

Es ist gut belegt, dass soziale Isolation die Fähigkeit der Betroffenen zur Stressbewältigung beeinträchtigt und ihre Gesundheit wesentlich schwächt. Menschen, die sozial gut integriert sind und in einer Gemeinschaft mit starkem sozialem Zusammenhalt leben, sind weniger anfällig für körperliche und geistige Beeinträchtigungen, insbesondere wenn sie mit besonders belastenden Ereignissen zu kämpfen haben (31, 36-39).

 

Referenzen

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LIVES Impact (ISSN: 2297-6124) veröffentlicht regelmässig politikrelevante Forschungsergebnisse aus Studien des Nationalen Forschungsschwerpunktes LIVES „Overcoming Vulnerability: Lebensverlaufsperspektive“. Das Briefing erscheint in drei Sprachen (Französisch, Deutsch und Englisch) und richtet sich an Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in der öffentlichen Verwaltung, Politik und Nichtregierungsorganisationen. Derzeit wird es an rund 1800 Adressen verschickt, vorwiegend in der Schweiz.

Mit Blick auf die aktuelle Situation erscheinen in dieser Reihe Sonderausgaben, die im Zusammenhang mit der Gesundheitskrise und ihren weit reichenden Folgen für die Gesellschaft empirisch gestützte Hinweise und Orientierungshilfen bieten. Diese gehen über die Lebensverlaufsperspektive hinaus und fussen im weiteren Sinne auf Erkenntnisse der Verhaltens- und Sozialwissenschaften.

Herausgeberschaft der Sonderausgaben: Guy Elcheroth, Universität Lausanne & NFS LIVES (guy.elcheroth@unil.ch) & Pascal Maeder, HES-SO & NFS LIVES (pascal.maeder@hes-so.ch)

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