POLICY BRIEF
POLICY BRIEF 07 / 2018 | SOCIAL INNOVATION THROUGH LIFE COURSE RESEARCH
Alleinerziehende im Lebensverlauf

Alleinerziehende im Lebensverlauf

Eine zukünftige Herausforderung für Sozialpolitik?

Autor/inn/en: Laura Bernardi, Ornella Larenza

Kernaussagen:
  • Alleinerziehende – mehrheitlich Frauen – stellen eine wachsende, sozial heterogene Gruppe dar. Sie binden sich meist innerhalb von fünf bis zehn Jahren neu und sind im Vergleich zu Eltern in Paarhaushalten bedeutend häufiger erwerbstätig
  • Armut ist weiterhin ein Thema, das Alleinerziehende trifft. Die seit über zehn Jahren eingeführ-ten aktivierenden Arbeitsmarktstrategien wirken nicht, was auf die Notwendigkeit von Weiter-bildungs- und erschwinglichen Betreuungsmöglichkeiten hinweist
  • Da dieses Armutsrisiko stark mit Geschlechterungleichheiten im Zusammenhang steht, sollten Massnahmen gleiche Berufschancen bei gleichem Lohn, die gemeinsame Erziehung sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern

Statistisch seit den 1990er Jahren relevant, handelt es sich bei der wachsenden Zahl von Alleinerziehenden um eine soziale Gruppe, die weit heterogener ist, als die weit verbreitete öffentliche Vorstellung einer von jungen, ungebildeten Müttern geprägten Bevölkerungsgruppe meint. Tatsächlich sind es weiterhin vor allem Frauen, die ihre Kinder allein erziehen etwa nach Scheidung oder Trennung vom Partner oder seltener nach Verwitwung, unerwarteter Schwangerschaft oder gar nach Nutzung moderner Reproduktionsmethoden. Beginn und Ende dieses Lebensabschnitts sind oft fliessend, markieren jedoch einen wichtigen Wendepunkt im Leben. In den meisten Ländern Europas gehen Alleinerziehende innerhalb von fünf Jahren eine neue Beziehung ein, in anderen dauert es länger, in der Schweiz gar über 10 Jahre. Die zeitlichen Grenzen sind somit unscharf, im Gegensatz zu den gesetzlichen Definitionen. Dies sollten Wissenschaftler und politische EntscheidungsträgerInnen bei der Beurteilung von Sozialleistungen berücksichtigen. Des Weiteren geht aus Untersuchungen klar hervor, dass alleinerziehende Mütter zwar überdurchschnittlich Sozialhilfe beziehen, aber auch bedeutend häufiger in Teil- oder Vollzeit arbeiten als Mütter in Paarhaushalten. Die entsprechenden Aktivierungsstrategien sind daher insofern gescheitert, als die Armutsquote alleinerziehender Mütter dadurch nicht zurückging. Stattdessen müssten die anhaltenden Geschlechterungleichheiten berücksichtigt werden. So weist die Forschung auf mehrere Gründe hin, weshalb alleinerziehende Mütter in Armut geraten: a) Doppelbelastung durch die Vereinbarung von Arbeit und Familie ohne oder mit ungenügender erschwinglicher Vollzeitbetreuung; b) mangelnde Betreuung bzw. Unterhalt durch die Väter; und c) stark geschlechtsabhängige Bildungs- und Berufschancen, aufgrund derer Frauen trotz gleicher Qualifikationen meist geringere Löhne beziehen.

Alleinerziehende: eine wachsende Bevölkerungsgruppe

Wann immer in der Schweiz oder in Europa Daten zur Sozialhilfe veröffentlicht werden, sind darin Alleinerziehende als Leistungsbeziehende prominent vertreten. Kinder alleinerziehender Eltern haben heute ein viel grösseres Armutsrisiko als Kinder in Paarhaushalten. In der Schweiz lebt ähnlich wie in anderen Ländern Europas jedes zweite Kind, für das Sozialhilfe bezogen wird, in einem Einelternhaushalt, meist mit der Mutter. Wie jedoch aus einem kürzlich von Bernardi und Mortelmans herausgegebenen Sammelband hervorgeht, liegt die Hauptursache höherer Armutsquoten bei alleinerziehenden Frauen insbesondere in der Geschlechterungleichheit. Ein genauerer Blick auf die Lebensbedingungen von Alleinerziehenden zeigt im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung eine wachsende, sozial jedoch sehr heterogene Bevölkerungsgruppe mit einem vergleichsweise hohen Anteil vollzeitbeschäftigter Elternteile.

In Europa und Nordamerika ist der Anteil von Alleinerziehendenhaushalten auf einen Sechstel aller Haushalte gestiegen, auch wenn es zwischen den Ländern grosse Unterschiede gibt, da die Datenquellen und Definitionen nicht einheitlich sind und unterschiedliche gesetzliche, soziale und kulturelle Praktiken vorherrschen. Die höchsten Alleinerziehendenanteile weisen die USA, das Vereinigte Königreich und Russland auf. Frankreich, Deutschland, Belgien und die skandinavischen Ländern melden verglichen mit anderen OECD-Ländern durchschnittliche Werte, wohingegen in süd- und einigen osteuropäischen Ländern die geringsten Anteile von Einelternhaushalten verzeichnet werden.

In der Schweiz liegt der Anteil je nach Datenquelle bei 6 bis 15 Prozent (siehe Milewski/Struffolino/Bernardi). Diese Zahlen beruhen oft auf Momentaufnahmen der Anzahl alleinerziehender Eltern mit abhängigen Kindern, wie etwa in der Schweizer Erhebung zu Familien und Generationen, gemäss der im Jahr 2013 in 6 Prozent der Haushalte ein alleinerziehender Elternteil mit mindestens einem biologischen Kind unter 18 Jahren lebte. Betrachtet man in derselben Datenquelle jedoch mehrere Generationen, so liegt der Anteil höher, da zwischen 1953 und 2013 fast 13 Prozent der befragten Frauen zeitweise alleinerziehend waren.

Verwitwung, Scheidung und die Wege in den und aus dem Alleinerziehendenstatus

Diese Zahlen machen deutlich, wie verbreitet der Alleinerziehendenstatus geworden ist, obwohl er im Lebensverlauf der Menschen nur vorübergehend ist. In den letzten fünf Jahrzehnten haben sich die Gründe, alleinerziehend zu sein, jedoch verlagert: Lässt man Haushalte von Arbeitsmigranten beiseite, in denen es durchaus zu längeren Perioden alleiniger Erziehung kommen kann, liegt der Grund dafür, dass die Kinder allein erzogen werden, nicht mehr hauptsächlich beim Tod des Partners oder der Partnerin, sondern häufiger bei einer Scheidung oder Trennung. In der Schweiz sind nur noch wenige Elternteile alleinerziehend aufgrund ihrer Verwitwung. Die meisten Elternteile, die allein mit ihren unterhaltsberechtigten Kindern leben, tun dies, weil sie geschieden oder getrennt sind. Hinzu kommt, dass wir heute neue Arten von Alleinerziehenden beobachten, meist Frauen ohne Partner, die entschieden haben, Schwangerschaft und Erziehung allein zu bewältigen. Diese Art der Elternschaft ist in der Schweiz statistisch zwar vernachlässigbar, findet sich aber häufiger in den nordischen Ländern sowie – bei zugleich deutlich höherer Armut – im Vereinigten Königreich (siehe Portier-Le Cocq).

Untersuchungen haben gezeigt, dass der Zeitraum, den Elternteile alleinerziehend verbringen, je nach Land stark variiert. Zusätzlich zum Alter bei Beginn dieses Zeitraums, ist dies ein wichtiger Anhaltspunkt für politische Massnahmen. Letztlich haben Zeitpunkt und Dauer des Alleinerziehendenstatus grosse Auswirkungen auf die Finanzen des jeweiligen Haushalts. Wie aus untenstehender Tabelle hervorgeht, die auf dem Harmonized-Histories-Datensatz beruht, schwanken die Zahlen stark und lassen keine einfache Deutung zu:

Beginn und Länge der ersten Alleinerziehendenperiode in Europa, nach Bildungsgrad und Geschlecht (Altersgruppe 15–55; Kohorten 1921–1990). Quelle: siehe Bernardi/Mortelmans/Larenza

Gemäss diesen Daten liegt das Durchschnittsalter zu Beginn der ersten Alleinerziehendenperiode in allen Ländern bei etwa 30 Jahren. Daraus kann geschlossen werden, dass einige Abweichungen in der Statistik nicht berücksichtigt wurden, wie etwa junge Mütter, die noch bei ihren Eltern wohnen. Dennoch fällt die besonders lange Alleinerziehendendauer in der Schweiz auf. Dieser Zeitraum, der für Schweizer Alleinerziehende durchschnittlich über zehn Jahre dauert, beträgt in den meisten anderen Ländern Europas höchstens fünf Jahre. Ein Grund dafür ist womöglich der sozial und kulturell konservative Schweizer Kontext. Dazu gehören institutionelle Faktoren wie die Rechtsordnung, das Fehlen von Familiengerichten und die Berechnungsgrundlagen für Unterhaltszahlungen.

Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig qualitative Studien sind, die das komplexe und sich wandelnde Netzwerk gesellschaftlicher Beziehungen und Strukturen beleuchten, die als Wendepunkt für den Lebensabschnitt als Alleinerziehende oder Alleinerziehender bestimmend sind. Laut Bernardi/Larenza funktionieren Alleinerziehendenhaushalte von Fall zu Fall ganz unterschiedlich, je nach Beteiligung neuer Partner (Stiefeltern), Verwandter, befreundeter Erwachsener, erwachsener Kinder, bezahlter Betreuungsperson und von Unterstützungsnetzwerken usw. Dies zeigt, dass das Beziehungsnetzwerk und die tatsächliche Verteilung der Betreuungsaufgaben genauso wichtig sein können wie die administrativen sozialpolitischen Angebote am Wohnort.

Hohe Beschäftigungsquoten bei Alleinerziehenden

Da Alleinerziehende überdurchschnittlich oft von Sozialhilfe abhängig sind, werden sie im öffentlichen Diskurs oft als „soziale Last“ betrachtet, die während der Erziehung ihrer Kinder keinen Anreiz haben, ins Arbeitsleben einzusteigen. Verschiedene Untersuchungsergebnisse widerlegen jedoch dieses Klischee: Verglichen mit Müttern in Paarhaushalten sind alleinerziehende Mütter sowohl in der Schweiz als auch anderswo in Europa bedeutend häufiger in einem Beschäftigungsverhältnis und arbeiten mehr Wochenarbeitsstunden. Bei genauerer Betrachtung der Untersuchungsergebnisse ergibt sich für alleinerziehende Mütter eine höhere Beschäftigungsquote sowohl in Vollzeit- als auch in Teilzeitstellen mit hohem Arbeitspensen. Ausserdem finden sich bei ihnen proportional auch höhere Erwerbslosen- und Inaktivitätsraten. Dabei können Faktoren wie Alter, Bildungsgrad oder Migrationshintergrund und Herkunftsregion eine Rolle spielen, wie etwa aus einer Analyse hervorgeht, die zwischen alleinerziehenden Müttern in der Schweiz mit und ohne Migrationshintergrund unterscheidet. Alleinerziehende Mütter von ausserhalb Europas mit geringerem Bildungsgrad weisen verglichen mit alleinerziehenden Müttern aus anderen Teilen Europas sowie mit solchen mit Schweizer Wurzeln eine viel geringere Wahrscheinlichkeit auf, arbeitstätig zu sein (siehe Tabelle unten).

Prognostizierte Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit bzw. Erwerbslosigkeit nach Partnerschaftsstatus (LM = alleinerziehende Mütter, MC = Mütter in Paarhaushalten). Schätzungen auf der Grundlage von Logit-Regressionsmodellen, siehe Milewski/Struffolino/Bernardi


Diese Berechnungen zeigen, dass die verbreitete und vereinfachende Annahme, alleinerziehende Mütter erhielten durch Sozialschutzmassnahmen einen negativen Anreiz für eine Arbeitsmarktteilnahme, revidiert werden sollte. Darüber hinaus lässt die geringere Beschäftigungsquote bestimmter Gruppen alleinerziehender Mütter mit Migrationshintergrund wahrscheinlich eher auf folgende Ursachen schliessen: a) ein geringeres Einkommen und geringere Stabilität in niedrig qualifizierten Berufen und b) einen grösseren Mangel an finanziellem und sozialem Kapital zur Deckung der Kinderbetreuungskosten und des weiteren Arbeitswegs von den billigeren Wohngebieten.

Geschlechterungleichheit und Armutsrisiko

Studien weisen auf die Grenzen der arbeitsmarktlichen Aktivierungsmassnahmen auf die Armutsverringerung Alleinerziehender hin. Alleinerziehendenhaushalte sind heute überdurchschnittlich von Armut betroffen, wie dies auch in der Vergangenheit der Fall war. Aus diesem Grund ist eindeutig eine Neuorientierung der politischen Massnahmen fällig. Kurzfristig könnte dies durch eine Änderung der Berechnungsgrundlagen von Hilfsleistungen an Sozialhilfebezüger geschehen. Statt der Zuweisung öffentlicher Gelder aufgrund einfacher Wohnorts- und Finanzkraftkriterien könnte die Wirksamkeit der Sozialhilfe erhöht werden, wenn sie auf einer Schätzung der tatsächlichen Belastung durch die Kinderbetreuung beruhte (Geld, Zeit, Elternpflichten, Verfügbarkeit öffentlicher Betreuungsplätze). Zudem könnte die Sozialhilfe die Form eines Stipendiums annehmen, das es den Bezügern (wie etwa den oben erwähnten Alleinerziehenden mit Migrationshintergrund) ermöglichen würde, eine Aus- oder Weiterbildung zu beginnen, während die Kinder in der Schule sind oder in einer Betreuungseinrichtung betreut werden.

Für eine Verringerung der Armut wird es aus unserer Sicht langfristig jedoch entscheidend sein, die Geschlechterungleichheit zu verringern. Mütter haben nach wie vor mit vielerlei Nachteilen zu kämpfen: zuhause als Hauptbetreuungspersonen; an der Arbeit, wo sie im Gegensatz zu kinderlosen Frauen und zu Vätern berufliche Entwicklungsschritte und entsprechende Lohnsteigerungen verpassen; und in der Öffentlichkeit aufgrund bestimmter Sozialhilferegelungen wie etwa in der Schweiz (Mankoteilung), so dass es in der Regel die alleinerziehenden Mütter mit den Kindern sind, die Sozialhilfe beanspruchen müssen, und nicht die Väter. Wie Hübgen in ihrer umfangreichen Studie anhand von SILC-Daten aus 25 europäischen Ländern belegt, ist das Armutsrisiko alleinerziehender Mütter trotz Beschäftigung umso höher, je grösser die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten in einem Land sind. Politische Massnahmen zur Förderung der Gleichstellung von Mann und Frau dürften demnach eine Senkung des Armutsrisikos alleinerziehender Mütter zur Folge haben.

Referenzen/Links
Kurzbiografien

Laura Bernardi,Professorin für Demographie und Soziologie des Lebensverlaufs an der Fakultät für Sozial- und Politikwissenschaften der Universität Lausanne, Schweiz; bis Dezember 2017 Stellvertretende Direktorin des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES (Schweiz) und seit Januar 2018 Mitglied des Nationalen Forschungsrats der Schweiz.

Ornella Larenza,MA, Doktorandin an der Fakultät für Sozial- und Politikwissenschaften der Universität Lausanne, Schweiz; Mitglied des LIVES Doktoratsprogramms.

LIVES Impact (ISSN: 2297-6124) veröffentlicht regelmässig Kurzdarstellungen mit einschlägigen Erkenntnissen aus Untersuchungen des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES „Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens“ (NFS LIVES). Sie richten sich an ein Fackpublikum, das sich im weitesten Sinne mit sozialpolitischen Fragen beschäftigt.

Editor: Pascal Maeder, KTT Officer, pascal.maeder@hes-so.ch

Archives: https://www.lives-nccr.ch/de/page/lives-impact-policy-briefs-n1677