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Junge Erwachsene in der Schweiz: ein Studium lohnt sich

Was ist 15 Jahre später aus den Jugendlichen geworden, die im Jahr 2000 die obligatorische Schulzeit beendet haben? Der Beitrag von Thomas Meyer in der Reihe Social Change in Switzerland zeigt, dass im Alter von 30 Jahren die Mehrheit von ihnen erwerbstätig ist und durchschnittlich fast 6000 Franken brutto pro Monat verdient. Der Artikel thematisiert darüber hinaus die erheblichen Lohnvorteile einer Ausbildung auf Tertiärstufe sowie die nach wie vor eklatanten Unterschiede zwischen Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt.

Basierend auf der Schweizer Längsschnittstudie TREE (Transitionen von der Erstausbildung ins Erwerbsleben) zeigt Thomas Meyer, dass sich die Übergänge zwischen Ausbildung und Beschäftigung seit Beginn des 21. Jahrhunderts zunehmend länger hinziehen. Für viele Jugendliche in der Schweiz sind diese Übergänge von Brüchen, Neuorientierungen und Zwischenjahren geprägt.

Fast die Hälfte der untersuchten Kohorte verließ das Bildungssystem mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (in der Regel einem Lehrabschluss); 40% machte einen Abschluss auf der Tertiärstufe (Universität, Fachhochschule oder höhere Berufsausbildung) – das sind doppelt so viele wie in der vorherigen Generation – und 10% blieben ohne nachobligatorische Ausbildung.

Die Arbeitsmarktsituation im Alter von 30 Jahren ist überwiegend günstig: Die Quote der Erwerbstätigen ist hoch, die Erwerbslosigkeit tief, und das mittlere Einkommen liegt brutto bei fast 6000 Franken monatlich. Lehrabsolventinnen und –absolventen sind zwar deutlich seltener prekär beschäftigt als junge Erwachsene ohne Bildungsabschluss. Mit Blick auf Erwerbssituation und Durchschnittseinkommen unterscheiden sich die beiden Gruppen dagegen nicht statistisch bedeutsam voneinander.

Wer einen Hochschulabschluss oder einen Abschluss der höheren Berufsbildung in der Tasche hat, verdient durchschnittlich über 1000 Franken monatlich mehr als Personen ohne Abschluss auf Tertiärstufe. Der schweizerische Arbeitsmarkt nimmt zwar Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger auf allen Qualifikationsstufen gut bis sehr gut auf. Besonders gross – und entsprechend vorteilhaft entlohnt – ist aber die Nachfrage nach hoch gebildeten Arbeitskräften.

Thomas Meyer unterstreicht schliesslich, in welchem Ausmass das Geschlecht und die Familien­situation nach wie vor Erwerbslaufbahn und Einkommen beeinflussen: Während junge Väter fast ausschliesslich vollzeitlich erwerbtätig sind, verlässt jede fünfte junge Mutter den Arbeitsmarkt, drei von vier Müttern arbeiten Teilzeit, und der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern beträgt 800 Franken pro Monat.

>> Thomas Meyer (2018). Von der Schule ins Erwachsenenleben: Ausbildungs- und Erwerbsverläufe in der Schweiz. Social Change in Switzerland No 13. Retrieved from www.socialchangeswitzerland.ch

Kontakt : Thomas Meyer, +41 31 631 38 23, thomas.meyer@soz.unibe.ch

Die Reihe Social Change in Switzerland dokumentiert laufend die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz. Die Reihe wird gemeinsam herausgegeben vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS, vom Zentrum für die Erforschung von Lebensläufen und Ungleichheiten der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Lausanne LINES, sowie vom Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES).  Ziel der Reihe ist es, Veränderungen bezüglich Arbeit, Familie, Einkommen, Mobilität, Stimmrecht oder Geschlechterverhältnisse aufzuzeigen. Die Beiträge beruhen auf wissenschaftlichen Untersuchungen und richten sich an ein breiteres Publikum.

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Verlängerung der Erwerbstätigkeit von Senioren: ein Risiko für die Gleichstellung und Gesundheit

Im Januar 2018 wurde ein europäisches Forschungsprojekt ins Leben gerufen, um die Auswirkungen der Verlängerung des Erwerbslebens von Frauen und Männern zu untersuchen. Unter der Leitung von Prof. Nicky Le Feuvre von der Universität Lausanne (UNIL) und auf der Grundlage von Methoden, die im Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES entwickelt wurden, soll im Rahmen des Projekts DAISIE die Situation von erwerbstätigen älteren Menschen in verschiedenen Ländern, einschliesslich der Schweiz, verglichen werden. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf den folgenden drei Branchen: Verkehr, Gesundheit und Finanzen. Im Mittelpunkt der Analysen stehen soziale und geschlechtsspezifische Ungleichheiten.

Einem Aufruf des Netzwerks NORFACE (New Opportunities for Research Funding Agency Cooperation in Europe) zur Unterstützung von Forschungsprogrammen zum Thema Häufung sozialer Ungleichheiten im Lebensverlauf folgend wurden drei Projekte unter der Beteiligung von Schweizer Forscherinnen und Forschern ausgewählt und im Sommer 2017 angekündigt. Insgesamt 170 Teams meldeten sich auf die Ausschreibung, wobei 13 Projekte den Zuschlag für die Finanzierung erhielten. Zwei der prämierten Projekte stehen in Verbindung zum Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES). Eines der beiden Projekte, das den Titel Dynamics of Accumulated Inequalities for Seniors in Employment (DAISIE) trägt, erhält 1,5 Millionen Franken über einen Zeitraum von drei Jahren.

Ziel des Projekts DAISIE unter der Leitung von Nicky Le Feuvre, Professorin für Arbeitssoziologie an der UNIL und Leiterin des Projekts Geschlecht & Berufe (IP206) beim NFS LIVES, ist die Untersuchung der sozialen Aspekte des Älterwerdens am Arbeitsplatz. In den meisten europäischen Ländern stellen eine längere Lebenserwartung und Schwierigkeiten bei der Finanzierung der Pensionskassen in der Tat mehr oder weniger starke Anreize für eine Verlängerung des Erwerbslebens von Senioren dar.

Die Frage, unter welchen Bedingungen eine solche Verlängerung des Erwerbslebens von Menschen möglich bzw. wünschenswert ist, ist daher hochaktuell, denn die Beschäftigung älterer Menschen hat vielschichtige Konsequenzen auf andere Lebensbereiche, wie unter anderem die Gesundheit. Neben den Aspekten Beschäftigung, Finanzierung der Renten und Personalmanagement lässt dieser Gegenstand erkennen, wie wichtig der Austausch zwischen den Generationen für Senioren ist – sei es mit ihren erwachsenen Kindern und Enkelkindern oder auch mit ihren eigenen betagten Eltern.

Eine der Hypothesen des DAISIE-Projekts ist, dass der Appell zur Verlängerung des Erwerbslebens nahezu alle Angehörigen der so genannten „Sandwich-Generation“ der heute über 50-Jährigen in Europa betrifft. Die Folgen dieser Aufforderung wären jedoch nicht für alle Senioren gleich und würden vor allem für jene Menschen eine potenzielle Quelle der Verletzlichkeit darstellen, deren berufliche Laufbahnen Lücken aufweisen und deren Beschäftigung schlechter entlohnt ist – dies betrifft insbesondere Frauen von geringfügiger Qualifikation, auf deren Schultern die grösste Last unbezahlter Betreuungspflichten im Haushalt liegt.

Fünf unterschiedliche nationale Kontexte

Um diese Annahmen zu überprüfen, hat Nicky Le Feuvre KollegInnen aus fünf europäischen Ländern mit ins Boot geholt: der Schweiz, Grossbritannien, Irland, Schweden und der Tschechischen Republik1. Die ersten drei Länder zeichnen sich durch liberal geprägte Sozialversicherungssysteme und eher konservative Beziehungen zwischen den Geschlechtern aus. Die Betreuung abhängiger Menschen, angefangen bei kleinen Kindern, erfolgt hier in erster Linie durch Dienstleistungsanbieter der Marktwirtschaft und/oder die Familien. Schweden hingegen ist für seine umfangreichen öffentlichen Dienstleistungen zugunsten der Vereinbarkeit von Familie und Berufsleben und sein besonderes Augenmerk auf der Gleichstellung der Geschlechter bekannt. In der Tschechischen Republik schliesslich hat sich unter sowjetischem Einfluss eine spezifische Kultur der Erwerbstätigkeit von Frauen herausgebildet, die nunmehr infolge des teilweisen Abbaus öffentlicher Dienstleistungen einer Polarisierung der beruflichen Laufbahnen von Müttern weicht.

Der erste Teil des DAISIE-Projekts wird darin bestehen, die beruflichen Laufbahnen von Senioren beiderlei Geschlechts in diesen fünf sehr gegensätzlichen gesellschaftlichen Kontexten zu analysieren. In der Schweiz beispielsweise geht das Forscherteam von einer starken Einbindung älterer Menschen in die Betreuung ihrer Enkelkinder aus, was „eine strukturelle Voraussetzung dafür ist, dass junge Frauen der Arbeitswelt erhalten bleiben“, unterstreicht Nicky Le Feuvre.

„Wenn Grosseltern nun weitere Jahre ihrer Lebenszeit für ihre berufliche Tätigkeit aufwenden sollen, nur um das finanzielle Gleichgewicht der Pensionsfonds zu erhalten, müssten die Konsequenzen dieser Veränderung insbesondere auch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf über mehrere aufeinander folgende Generationen gemessen werden“, sagt die Forscherin.

Die Spannungsfelder der Beschäftigung von Senioren

Frühere Forschungsarbeiten von Nicky Le Feuvre und ihren Kolleginnen an der UNIL haben das Ausmass dieses Problems bereits erkennen lassen: „Im Rahmen des Projekts NFP 60 („Gleichstellung der Geschlechter“) haben wir festgestellt, dass viele Frauen einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen, solange ihre Kinder klein sind bzw. bis diese das Jugendalter erreicht haben. In der Endphase ihrer beruflichen Laufbahn sehen sie sich dann – sei es aufgrund einer Scheidung oder weil sie erkannt haben, wie es um ihre Altersversorgung steht – mit der Notwendigkeit konfrontiert, ihre Erwerbstätigkeit zu verstärken, insbesondere um die Anforderungen an die zweite Säule zu erfüllen. Dies steht im Widerspruch zum Konzept eines planmässigen Übergangs von Senioren zu einer allmählichen Senkung ihrer Arbeitszeiten in der Endphase ihrer beruflichen Laufbahn.“

Sie fügt noch hinzu: „Für Menschen mit einer körperlich oder psychisch belastenden Tätigkeit ist diese Notwendigkeit, mit zunehmendem Alter mehr arbeiten zu müssen, mit erheblichen Risiken für die Gesundheit verbunden. Diese werden oft verschleiert aus Angst, vor dem Arbeitgeber als Versager dazustehen oder den Arbeitsplatz zu verlieren. Hinzu kommt in einigen Fällen die Verantwortung für die eigenen im hohen Alter pflegebedürftig gewordenen Eltern oder die Notwendigkeit, erwachsene Kinder beispielsweise nach einem kritischen Lebensereignis (Arbeitslosigkeit, Scheidung, Krankheit) finanziell unterstützen zu müssen, was ebenfalls dazu beiträgt, dass ältere Menschen in der letzten Lebensphase nicht die Füsse hochlegen können.“

Der Beitrag des NFS LIVES

Um die Laufbahnen von Senioren in den fünf Ländern zu untersuchen, wird im Rahmen des Projekts ein gemischter methodischer Ansatz verfolgt, bei dem Sequenzanalysen mit retrospektiven biografischen Interviews auf der Grundlage eines sogenannten „Lebenskalenders“ kombiniert werden, zwei Spezialbereiche des NFS LIVES.

Der quantitative Teil wird auf Daten der Längsschnittbefragung SHARE (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe) in Zusammenarbeit mit Dr. Jacques-Antoine Gauthier der UNIL und Prof. Boris Wernli von FORS beruhen.

Was den qualitativen Teil betrifft, stammen die Befragten aus drei ebenfalls sehr gegensätzlichen Arbeitswelten: Verkehr, ein männlich dominiertes Umfeld, das durch eine körperlich anstrengende Tätigkeit und Schichtarbeit geprägt ist; Gesundheit, ein Bereich, der im Hinblick auf die Belastung mit der Verkehrsbranche vergleichbar ist, in dem jedoch überwiegend Frauen beschäftigt sind; und Finanzen, ein eher gemischter und weniger körperlich anstrengender Tätigkeitsbereich, der derzeit allerdings gewaltigen Umstrukturierungen und technologischen Entwicklungen unterworfen ist.

Die Gleichstellung der Geschlechter geht mit dem Älterwerden Hand in Hand

„Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass Unternehmen oft bestrebt sind, die Auswirkungen des Älterwerdens am Arbeitsplatz auszulagern; sie ermutigen ältere, „ausgebrannte“ oder kranke Mitarbeiter dazu, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder früher in den Ruhestand zu gehen“, erläutert Nicky Le Feuvre. „Eine solche Vorgehensweise des Personalmanagements ist jedoch kaum vereinbar mit der neuen Forderung, die Erwerbstätigkeit von Senioren zu verlängern.“

Nicky Le Feuvre fügt hinzu, dass „Strategien für das Älterwerden am Arbeitsplatz, sofern es diese überhaupt gibt, selten mit Gleichstellungsstrategien verbunden werden. Die beiden Strategien können sogar als widersprüchlich angesehen werden. Einerseits erleichtern Unternehmen den Übergang zu Teilzeitarbeit für Mütter von Kleinkindern, andererseits wirken sich diese „fehlenden Beitragsjahre“ erheblich auf die Bedingungen aus, unter denen Frauen den letzten Abschnitt ihrer beruflichen Laufbahn bewältigen müssen. Nur wenige Unternehmen berücksichtigen, dass die berufliche Gleichstellung von Frauen und Männern und das Älterwerden am Arbeitsplatz zusammenwirken.“

Im Laufe der Forschungsarbeiten werden die Projektpartner von DAISIE enge Beziehungen zu sozioökonomischen Akteuren unterhalten, die im Bereich des Älterwerdens am Arbeitsplatz tätig sind, insbesondere durch die Organisation von Treffen mit Arbeitgebern, Gewerkschaften, Verbänden und politischen Entscheidungsträgern in jedem der untersuchten Länder. Eines der Ziele besteht darin, nützliche Empfehlungen für die Entwicklung von Strategien für das Altersmanagement zu geben, die den wesentlichen Faktoren von Gender, Alter und sozialem Status ganzheitlich Rechnung tragen. Dies wird in der Forschung als intersektoraler Ansatz für Ungleichheiten bezeichnet.


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Aktivierung der Schwächsten? Paradoxe Entwicklungen bei der Invalidenversicherung

Die letzten drei Reformen der IV in der Schweiz zielten darauf ab, Kostensteigerungen einzudämmen und die Versicherten zu mehr Einsatz für ihre berufliche Wiedereingliederung zu bewegen. Emilie Rosenstein hat die Entwicklung quantitativ und qualitativ analysiert und zeigt auf, wie ambivalent die durchgeführten Veränderungen wirken: In ihrer Doktorarbeit legt sie die Diskrepanzen dar, die zwischen den angestrebten Zielen und den erzielten Ergebnissen bestehen, und beschreibt die konkreten Auswirkungen der geförderten Normen auf die Situation von Menschen mit Behinderungen.

„Gewiss (ist), dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.“ Dieser Auszug aus der Präambel der Bundesverfassung rundet die Doktorarbeit von Emilie Rosenstein ab, die sich den Widersprüchen der Invalidenversicherung (IV), eines wichtigen Instruments der Schweizer Sozialpolitik, widmet. Laut der Untersuchung begünstigt die IV, die sich eigentlich die Integration der Versicherungsnehmer zum Ziel gesetzt hat, bestimmte Formen der Exklusion.

Emilie Rosenstein hat die von Prof. JJean-Michel Bonvin betreute Doktorarbeit in Soziologie am 12. Februar 2018 an der Universität Genf verteidigt. Darin analysiert die Forscherin die jüngsten Entwicklungen der Invalidenversicherung (IV) auf Grundlage zweier theoretischer Bezugsrahmen: dem „Konzept der Verwirklichungschancen“ des Nobelpreisträgers Amartya Sen zum einen und dem vom Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS LIVES) entwickelten Lebensverlaufsansatz zum anderen. Das Konzept der Verwirklichungschancen untersucht die Sozialsysteme unter dem Gesichtspunkt der Fähigkeit von Individuen, Entscheidungen zu treffen, die nach der begründeten Meinung der Betroffenen förderlich für sie wären, während der Lebensverlaufsansatz Verletzbarkeit als einen Mangel an Ressourcen definiert, welcher im Zeitverlauf auf verschiedenen Ebenen mehrere Lebensbereiche beeinträchtigt.

Im Rahmen ihrer Forschungsarbeit greift Emilie Rosenstein auf quantitative und qualitative Methoden zurück und stützt sich auf umfangreiche Daten, um die Folgen der in den Jahren 2004, 2008 und 2012 umgesetzten IV-Revisionen zu analysieren. Ein vorrangiges Ziel dieser Revisionen bestand darin, die Anzahl der Rentenbezüger und -bezügerinnen zu verringern, insbesondere in der Gruppe der jungen Menschen mit psychischer Beeinträchtigung, die seit den 1990er Jahren stark gewachsen ist.

Um die gesetzten Ziele zu erreichen, haben sich diese Reformen primär an den folgenden drei Leitlinien orientiert: an einer strengeren Beurteilung des Rentenanspruchs, an einer schnelleren Intervention durch die IV, die vor allem durch die frühzeitige Erkennung einer Arbeitsunfähigkeit greifen soll, sowie an der Entwicklung von Massnahmen zur beruflichen Wiedereingliederung und zur Vermittlung in den Arbeitsmarkt.

Gegensätzliche Ergebnisse

Die Untersuchungen von Emilie Rosenstein haben gegensätzliche Ergebnisse hervorgebracht: Zwar ist die Anzahl Rentenbezügerinnen und -bezüger auf nationaler Ebene deutlich gesunken. Der Anteil der jüngsten Leistungsempfänger im Alter zwischen 18 und 34 Jahren ist aber nicht zurückgegangen. Und nach wie vor sind psychische Erkrankungen die Hauptursache für die Gewährung von Invalidenrenten. Fast jede zweite Bezügerin bzw. jeder zweite Bezüger einer Invalidenrente leidet unter einer solchen Krankheit.

Die in Zusammenarbeit mit Prof. Felix Bühlmann von der Universität Lausanne von der Forscherin angestellten Sequenzanalysen zu repräsentativen Stichproben bei IV-Leistungsempfängern im Kanton Waadt erlauben es, den Werdegang der Versicherten im Zeitverlauf und über die verschiedenen IV-Revisionen hinweg besser zu verstehen.

Sie zeigen, dass IV-Leistungen mittlerweile deutlich häufiger verweigert werden und dass die Antragsbearbeitung merklich beschleunigt worden ist. Bei der Anordnung von beruflichen Wiedereingliederungsmassnahmen ist eine Zunahme zu verzeichnen. Allerdings handelt es sich hierbei nach wie vor um eine Randerscheinung.

Strengere Kriterien und Anforderungen

Laut Emilie Rosenstein „beruht der Rückgang der Rentenbezügerinnen und -bezüger eher auf strengeren Kriterien zur Leistungsgewährung als darauf, dass Menschen insbesondere infolge von Wiedereingliederungsmassnahmen vermehrt aus dem Leistungsempfängerkreis der Invalidenversicherung ausscheiden.“

In ihrer Doktorarbeit weist die Forscherin auf verschiedene Paradoxien hin, die durch die aufeinanderfolgenden Reformen hervorgerufen wurden. Sie hinterfragt das Konzept der Aktivierung von gesundheitlich angeschlagenen, teilweise in einem Zustand grosser Verletzbarkeit befindlichen Menschen, die aufgefordert werden, ihre berufliche Wiedereingliederung zu planen.

Ein nicht zu vernachlässigender Widerspruch besteht darin, dass die IV die Versicherten zwecks Ausgabensenkung dazu drängt, sich schnellstmöglich zu äussern. Dabei setzt sie darauf, durch eine frühzeitige Intervention mittel- und langfristige Rentenzahlungen zu vermeiden. Dieser Druck wirkt auf die Versicherten aber abschreckend – weil sie den Umfang der angebotenen IV-Leistungen nicht kennen, weil sie gesundheitlich nicht stabil genug sind, um in diesem Stadium Entscheidungen zu treffen, oder weil sie ihre gesundheitliche Beeinträchtigung noch nicht akzeptiert haben.

Diese Verschiebung zwischen dem zeitlichen Rhythmus der IV und dem der Versicherten stellt ein Hindernis für berufliche Umschulungen dar. „Das Paradigma der Aktivierung erscheint somit zutiefst paradox, birgt es doch das Risiko der Nichtinanspruchnahme von Förderleistungen – ein Phänomen, das eigentlich reduziert werden soll,“ bemerkt die Forscherin besorgt.

Glaubwürdigkeitsrisiko

Aus diesem Grund sind Wiedereingliederungsprojekte aus Sicht von Emilie Rosenstein mit einem „Glaubwürdigkeitsrisiko“ behaftet, weshalb sie zu scheitern drohen, wenn man die Erwartungen und Bedürfnisse der Versicherten nicht ausreichend berücksichtigt. „Durch den Einsatz des Projekts als Eingliederungsinstrument kann es somit potenziell zu einem selektiven oder sogar ausgrenzenden Vorgehen kommen“, so die Forscherin.

Sie kritisiert ausserdem die „erhebliche Asymmetrie zwischen der individuellen Verantwortung der Versicherten für ihr Wiedereingliederungsprojekt und den beschränkten Möglichkeiten zur Planung ihrer Berufschancen.“ Mit Blick auf die Verwirklichungschancen ruft Emilie Rosenstein dazu auf, sich mehr Gedanken über die erforderlichen „Konversionsfaktoren“ am Arbeitsmarkt und in der Gesamtgesellschaft zu machen, um Ungleichheiten zwischen gesunden und invaliden Personen abzubauen und dadurch eine reale Möglichkeit zur beruflichen Wiedereingliederung – und nicht nur ein förmliches Recht darauf – zu schaffen.

Gefühl mangelnden Anspruchs

Die Doktorarbeit wird durch eine Reihe von Gesprächen mit Versicherten bereichert, die die Forscherin dazu nutzt, auf Schamgefühle oder den Eindruck von IV-Nutzern hinzuweisen, keinen Anspruch auf Leistungen zu haben. Diese Dokumente bestätigen die Hypothese, wonach ein Teil der Versicherten eine Art Selbstselektion vornimmt und Gefahr läuft, nicht in den Genuss der Leistungen der IV zu kommen – entweder aus Unkenntnis über ihre Rechte oder weil sie nicht als invalide Personen wahrgenommen werden möchten bzw. fürchten, als Profiteure des Systems stigmatisiert zu werden.

Vor der öffentlichen Verteidigung ihrer Doktorarbeit hatte Emilie Rosenstein mehrfach die Gelegenheit, ihre Untersuchungen Fachleuten aus diesem Bereich vorzulegen. Entsprechend lobte die Doktoratsjury ganz besonders die Bemühungen der Forscherin, den betroffenen Akteuren die Erkenntnisse ihrer Untersuchung näherzubringen. Die Jury empfahl Emilie Rosenstein, auf eine Veröffentlichung ihrer empirischen Ergebnisse in renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften hinzuarbeiten.

Mittlerweile ist bereits die siebte Revision der IV im Gange. Dank ihres nun erworbenen Doktortitels verfügt Emilie Rosenstein künftig über die notwendigen Voraussetzungen, um sich zum Sprachrohr von Menschen zu machen, die in der Regel nicht gehört werden. Ihnen mehr zuzuhören, würde sich lohnen, wie Emilie Rosensteins Doktorarbeit zeigt.

>> Emilie Rosenstein (2018). Activer les publics vulnérables ? Le cas de l'Assurance-invalidité. Unter der Leitung von Jean-Michel Bonvin. Universität Genf

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Prekarität in der Kindheit wirkt sich sehr langfristig auf die Gesundheit aus, vor allem bei Frauen

Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zeigt auf, dass Ungleichheiten oft später nicht mehr aufgeholt werden können. Ein Team an der Universität Genf, das durch den Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES finanziert wird, hat die Gesundheit der über 50-Jährigen in Europa aus diversen Perspektiven untersucht. Festgestellt wurde, dass Männer besser imstande sind, einen schwierigen Lebensbeginn zu kompensieren als Frauen. Die Forscherinnen und Forscher empfehlen, viel früher mit Massnahmen in den Bereichen Ausbildung und Prävention einzugreifen.

Wer am Anfang des Lebens materiell und sozial benachteiligt ist, leidet häufiger unter gesundheitlichen Problemen in der zweiten Lebenshälfte. Das zeigen die Ergebnisse des Projekts „LIFETRAIL“, das Stéphane Cullati seit Ende 2016 mit mehreren Kolleginnen und Kollegen an der Universität Genf im Rahmen des NFS LIVES durchführt.

In Kürze wird ein Artikel von Boris Cheval et al. in der Zeitschrift Age and Ageing 1 veröffentlicht werden. Bereits erschienen ist eine Publikation in Medicine and Science in Sports and Exercise 2. Damit bietet sich die Gelegenheit für eine Standortbestimmung in diesem interdisziplinären Forschungsprojekt, das Soziologen, Psychologen, Epidemiologen und Mediziner zusammenführt. Die demnächst zur Prüfung vorgelegten oder erscheinenden Publikationen zeigen grösstenteils erhebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf.

Aufschlussreiche Längsschnittdaten

Die Grundlage der Arbeiten bildet die Erhebung SHARE (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe), in deren Rahmen rund 25'000 Personen im Alter von 50 bis 96 Jahren in 14 europäischen Ländern zwischen 2004 et 2016 sechs Mal befragt wurden.

Sieben Gesundheitsindikatoren wurden untersucht: die selbstberichtete Gesundheit, das heisst, wie die erfassten Personen subjektiv ihren Gesundheitszustand einschätzen; die Muskelkraft, erfasst mit einem tragbaren Dynamometer; die Leistungsfähigkeit der Lungen, gemessen mit einem Spitzenwert-Durchflussmesser zur Bestimmung der maximalen Geschwindigkeit des Atems; die Schlafqualität; kognitive Störungen; Depressionszustände, erfasst durch einen mehrfach wissenschaftlich abgesicherten Fragebogen; und schliesslich die Gebrechlichkeit, die insbesondere unter Einbezug des Body-Mass-Indexes und des Grads der Autonomie bei diversen täglichen Tätigkeiten bestimmt wurde.

Die Analyse der sozioökonomischen Situation in der Kindheit (im Alter von zehn Jahren) stützt sich auf vier Variablen: den Beruf des Familienoberhaupts (oft der Vater), die Anzahl der Bücher im Haushalt, die Qualität der Unterkunft (Vorhandensein von fliessendem Wasser, Toiletten und Zentralheizung) sowie die Anzahl der Personen pro Wohnraum.

Bedeutung der sozialen Mobilität

Sämtliche Kriterien zeigen in mehr oder minder ausgeprägtem Mass, dass ungünstige sozioökonomische Bedingungen in der Kindheit mit einem schlechteren Gesundheitszustand im mittleren und hohen Alter einhergehen, wobei Männer, denen der soziale Aufstieg gelungen ist, eine Ausnahme bilden.

Wie positiv sich der soziale Aufstieg insbesondere für Männer auswirkt, lässt sich durch einen Vergleich der sozioökonomischen Ausgangslage mit dem im Erwachsenenalter erreichten Niveau in Bezug auf Bildungsstand, Art der ausgeübten Beschäftigung und aktuelle wirtschaftliche Situation beobachten. Personen, die eine Hochschulausbildung abgeschlossen, verantwortungsvolle berufliche Positionen bekleidet und gut verdient haben, sind in gesundheitlicher Hinsicht eindeutig begünstigt, selbst wenn sie in der Kindheit unter Prekarität gelitten haben. Dies ist bei den Frauen in den untersuchten Kohorten weniger häufig der Fall.

Verringerte Muskelkraft

Der von Boris Cheval veröffentlichte Artikel über die Muskelkraft stellt einen signifikanten Zusammenhang zwischen Armut in der Kindheit und körperlicher Schwäche im fortgeschrittenen Alter fest. Selbst bei einer gesunden Lebensweise im Erwachsenenalter (Sport, Tabak, Alkohol, Ernährung) überwiegen die Folgen der Kindheit, und dies vor allem bei den Frauen.

„Frauen, die nie gearbeitet haben, waren offenbar nicht in der Lage, bestimmte Verhaltenskompetenzen zu erwerben“, meint Stéphane Cullati. Die höhere Lebenserwartung von Frauen ist für ihn nur scheinbar ein Paradox: „Dass Menschen länger am Leben gehalten werden, bedeutet nicht unbedingt, dass sie sich einer besseren Gesundheit erfreuen. “

Der Forscher erwartet, dass die geschlechtsspezifischen Unterschiede in Zukunft dank des besseren Zugangs der Frauen zur Ausbildung und zur Arbeitswelt abnehmen werden, doch er warnt vor einer „doppelten Strafe“ für Frauen, die gering qualifizierte Arbeit mit häuslichen Aufgaben verbinden müssen.

Früher ansetzen

Die Ergebnisse des Projekts LIFETRAIL haben klare Konsequenzen für die Politik. „Beispielsweise hinsichtlich der körperlichen Betätigung kann ein hohes Bildungsniveau die Auswirkungen sozioökonomischer Benachteiligung in der Kindheit aufheben“, unterstreicht Boris Cheval. „Doch wenn wir den Atemfluss oder die Muskelkraft betrachten, bleibt der Effekt bei Frauen unabhängig von ihrer sozioökonomischen Entwicklung im späteren Leben markant. Wir sollten deshalb viel früher handeln! “

Ein Teil des Forschungsprojektes, geleitet durch Stefan Sieber, vergleicht die selbstberichtete Gesundheit der Befragten in verschiedenen Wohlfahrtssystemen und kommt zum Schluss, dass Prekarität im Kindesalter überall in Europa unabhängig von politischen und sozialen Unterschieden in den Ländern stark mit einem schlechten späteren Gesundheitszustand korreliert. Es stellen sich daher enorme Herausforderungen.

Nachdem nun der Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Bedingungen in der Kindheit und der Gesundheit im Erwachsenenalter hergestellt ist, wird das Team den zeitlichen Ablauf bestimmter Ereignisse – wie materielle Verluste oder Perioden, die durch Hunger oder den Tod der Eltern gekennzeichnet waren – genauer unter die Lupe nehmen, um besser zu verstehen, welche kritischen Phasen in der Entwicklung eines Kindes zu langfristigen Gesundheitsproblemen führen können. Die Forscherinnen und Forscher testen gegenwärtig ihr Modell aufgrund der Wahrscheinlichkeit, dass jemand wieder zu rauchen beginnt. Wer ist am anfälligsten, wer ist am stärksten von Rückfällen bedroht? Die SHARE-Daten bieten dem tatkräftigen Team noch zahllose weitere Forschungsmöglichkeiten.

  • 1. Association of Early- and Adult-Life Socioeconomic Circumstances with Muscle Strength in Older Age. Age and Ageing. DOI 10.1093/ageing/afy003
  • 2. Effect of Early- and Adult-Life Socioeconomic Circumstances on Physical Inactivity. Medicine and Science in Sports and Exercise. DOI 10.1249/MSS.0000000000001472
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„Wie verändert das Internet moderne Liebesbeziehungen?“, fragt ein neues Forschungsprojekt

Gina Potarca, die als Postdoktorandin am LIVES forscht und an der Universität Genf als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig ist, hat vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung ein „Ambizione“-Stipendium erhalten, um die Auswirkungen digitaler Technologien auf zeitgenössische Liebesbeziehungen und Paarbildungen zu untersuchen.

In den letzten Jahren haben sich Internet-Dating-Tools und insbesondere Dating-Apps für Mobiltelefone zu einem der meistgenutzten Mittel der Partnersuche entwickelt. Sie haben das Flirt-und Dating-Verhalten grundlegend verändert und zahllose Begegnungsmöglichkeiten eröffnet. Gleichzeitig ist es durch sie zu einer Minimierung des Suchaufwands und einer Reduzierung der Interventionen Dritter gekommen. Kritiker diskutieren intensiv darüber, wie die neuen Technologien die Art der Partnerschaften verändern. Es wird teilweise mit Nachdruck argumentiert, das Internet führe zu mehr sozioökonomischer Ungleichheit (weil wohlhabende Personen leichter einen passenden wohlhabenden Partner fänden) und langfristige Beziehungen seien in ihrer Existenz bedroht (weil das Überangebot an potenziellen Partnern die Fähigkeit von Menschen untergrabe, in eine Einzelbeziehung zu investieren). Bisher hat sich die wissenschaftliche Forschung noch nicht an dieser Diskussion beteiligt. Sie hat den Fokus vor allem auf Präferenzmuster im frühen Stadium des Online-Dating-Prozesses und der Nachrichtenübermittlung gelegt. Zu welchen Ergebnissen die neue Technologien letztlich führen, wurde indes nicht erforscht.

Im Rahmen von Gina Potarcas Projekt werden die Folgen dieser historisch neuen Rahmenbedingungen der Partnersuche und -auswahl umfassend untersucht. Dabei stehen zwei grundlegende Fragen im Fokus. Erstens: Führt das Internet zur Reproduktion sozialer Ungleichheit durch Heirat? Und zweitens: Tragen die neuen Technologien zu einem Rückgang der Verbindlichkeit von Partnerschaften bei? Durch die Untersuchung der beiden Fragestellungen soll erforscht werden, ob das Internet-Dating etwas daran ändert, wer auf Partnersuche geht, wer mit wem eine Partnerschaft eingeht und wie lange Partnerschaften halten.

Gina Potarcas Projekt wird vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF) im Rahmen des „Ambizione“-Stipendienvergabeverfahrens unterstützt und startet Anfang 2018. Die Untersuchungsreihe folgt einer Forschungsagenda, die inmitten einer technologischen Revolution darauf abzielt, deren demografische Folgen zu beurteilen.

Mögliche Veränderungen durch das Internet

„Wie Online-Tools bei der Anbahnung und Entwicklung von Beziehungen genutzt werden, wird sich nicht nur auf das Wohlergehen, die Gesundheit und das Fortpflanzungsverhalten der Menschen auswirken, sondern auch auf die Reproduktion von Ungleichheit innerhalb der Bevölkerung. Daher müssen wir Erkenntnisse darüber sammeln, inwieweit das Internet moderne Liebesbeziehungen verändert, und die entsprechend weitreichenden langfristigen Auswirkungen auf den soziodemografischen Wandel verstehen“, schrieb die Forscherin in ihrem Projektantrag.

Gina Potarca wird einzigartige länderübergreifende Paneldaten aus den USA, Deutschland und der Schweiz sowie schweizerische und französische Querschnittsdaten verwenden. Im Rahmen ihres Projekts wird es erstmals möglich sein, Online-Partnersuchprozesse länderübergreifend im Zeitverlauf zu beobachten – und zwar auf Grundlage eines geeigneten Längsschnittdesigns und unter Berücksichtigung der Selektionseffekte. Gina Potarca war persönlich an der Aktualisierung der amerikanischen und insbesondere der deutschen Instrumente beteiligt. Dabei sind Funktionen integriert worden, die Auskunft darüber geben, wo sich Paare getroffen haben und wo Singles nach Partnern suchen. Weitere Datenquellen werden demnächst aktualisiert.

Die „Ambizione“-Stipendien richten sich an junge Forschende, die an einer Schweizer Hochschuleinrichtung in Eigenregie ein vierjähriges Projekt durchführen, verwalten und leiten möchten. Mitte Januar 2017 hatten 289 junge Forschende einen „Ambizione“-Antrag gestellt. Nach Abschluss eines zweistufigen Evaluationsverfahrens vergab der SNF im letzten Sommer 89 neue Stipendien, von denen 32 (36 Prozent) an Frauen gingen. Damit wurde die angestrebte Frauenquote unter den Stipendiaten (35 Prozent) erfüllt.

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Innovative Methoden zur Erforschung der „Secondos“ und zur Bekämpfung von Stereotypen

Im Springer-Verlag ist ein neues Buch aus der Reihe Life Course Research and Social Policies erschienen. Dieser von drei Mitgliedern des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES herausgegebene siebte Band unterstreicht die Bedeutung der bei Forschungsarbeiten über die Situation von Zugewanderten der zweiten Generation angewandten Methodik. In den 16 am Lebensverlaufsansatz orientierten Kapiteln des Buches wird deutlich, wie wichtig eine genaue Charakterisierung der MigrantInnengruppen und eine durchdachte Auswahl der für einen Vergleich herangezogenen Bezugssysteme ist, um diese besonders von Verallgemeinerung und Diskriminierung betroffene Bevölkerung zu erforschen.

Die Schweiz ist ein Einwanderungsland. Seit Generationen strömen Menschen aus den unterschiedlichsten Staaten und sozialen Schichten in unser Land. In der Genferseeregion sind immerhin 40 Prozent der Bevölkerung ausländischer Herkunft, wenn man als Kriterium die Nationalität der Eltern oder Grosseltern heranzieht. Die aktuelle wie auch die künftige Situation der „Secondos“ ist somit von fundamentalem Interesse: „Ihre Entwicklung wird stark dadurch beeinflusst, wie die Zugewanderten der ersten Generation aufgenommen werden“, so Claudio Bolzman, der als Professor an der Hochschule für Soziale Arbeit Genf (HETS / HES-SO) tätig ist. Zusammen mit Laura Bernardi und Jean-Marie Le Goff von der Universität Lausanne hat er dieses Werk herausgegeben.

Aus Sicht der Integrationsforschung bilden die zweiten Generationen besonders aufschlussreiche Bevölkerungsgruppen, da sie sich sehr gut für eine Längsschnittstudie eignen, bei der eine bestimmte Stichprobe von Menschen wiederholt über einen langen Zeitraum beobachtet wird. Dabei interessieren sich die Forscher im Rahmen einer retrospektiven Untersuchung dafür, wie das Leben der Eltern oder Grosseltern im Herkunftsland verlaufen ist, verfolgen aber auch den Lebensverlauf ihrer Kinder und Enkel im Aufnahmeland. Trotz der grossen Zahl an Zugewanderten der zweiten Generation haben die Forscherinnen und Forscher des NFS LIVES festgestellt, dass die bestehenden Studien vielfach auf unvollständigen Beschreibungen und ungeeigneten methodischen Ansätzen beruhen.

Definieren, über was und wen gesprochen wird

Entscheidend für eine systematische Untersuchung der Secondos, die häufig mit einer sehr hartnäckigen Stereotypisierung zu kämpfen haben, ist die Methodik. Claudio Bolzman kritisiert, dass nie wirklich klar ist, über was und wen gesprochen – und noch weniger, was eigentlich verglichen wird: „So heisst es in den französischen Medien häufig, aus den Maghreb-Staaten stammende Personen integrierten sich schlecht. Über all jene, die erfolgreich sind, wird allerdings meist nicht berichtet.“ Die Autoren stellen in ihrem Werk Instrumente vor, die geeignet sind, diese Bevölkerungsgruppen nicht nur im Schweizer, sondern auch im europäischen, afrikanischen und nordamerikanischen Kontext zu verstehen. So lassen sich alle darin beschriebenen Methoden auf andere Migrationskontexte übertragen.

Um die in zweiter Generation in der Schweiz lebenden Zugewanderten angemessen untersuchen zu können, müssen die Merkmale der zu erforschenden Bevölkerungsgruppen aus Sicht der Autoren zunächst einmal korrekt vordefiniert werden. Laut Claudio Bolzman „tendieren die Studien dazu, sich auf die jeweilige nationale Herkunft zu konzentrieren. Dabei müsste man viel mehr in die Tiefe gehen.“ Die gesellschaftliche Rolle, die lokale Verankerung in einem Quartier sowie die betroffene Generation stellen Schlüsselfaktoren dar. Aber auch Vergleichskriterien sind sehr wichtig. „Es muss definiert werden, was verglichen wird. Nur so lässt sich die Frage beantworten, warum innerhalb derselben Gruppe manche erfolgreich sind und andere nicht“, erklärt er.

Vergleichen, was sich vergleichen lässt

Die Autoren möchten zum Verständnis jener Weichenstellungen und Übergänge beitragen, die darüber entscheiden, ob sich ein Lebensverlauf zur einen oder anderen Seite neigt. So werden beispielsweise im Kapitel von Andrés Guarin und Emmanuel Rousseaux die Faktoren ermittelt, die Einfluss auf die Arbeitslosigkeit beziehungsweise den Zugang zum Erwerbsleben von Secondos unterschiedlicher Herkunft in der Schweiz haben. Es stützt sich auf einen Längsschnittansatz und nutzt Data Mining, eine Analysetechnik aus der Grundlagenforschung, um die Variablen zu vertiefen und zu kontrollieren.

Menschen mit Migrationshintergrund sind in hochqualifizierten Berufen ebenso unterrepräsentiert wie in gering qualifizierten Tätigkeitsbereichen. Guarin und Rousseaux folgern daraus, dass es unangemessen sei, Zugewanderte der zweiten Generation mit der Schweizer Gesamtbevölkerung zu vergleichen, da sie nicht in dieselben gesellschaftlichen Gruppen eingeordnet werden können. Entsprechend haben sie die von ihnen ausgewählte Kohorte von Secondos mit Menschen derselben sozioprofessionellen Kategorien verglichen. Durch diesen Ansatz konnten die Forscher nachweisen, dass das Bildungsniveau der Eltern enormen Einfluss auf das Risiko einer möglichen Arbeitslosigkeit beziehungsweise den beruflichen Erfolg der eigenen Kinder hat. Ihr Artikel unterstreicht zudem, dass Vorurteile bezüglich der nationalen oder ethnischen Herkunft den Zugang zum Erwerbsleben erschweren.

Ansätze miteinander verbinden

Durch die Kombination quantitativer und qualitativer Analysemethoden lässt sich ein klarerer und detaillierterer Überblick über die verschiedenen Lebenssituationen gewinnen. Andrés Gomensoro und Raúl Burgos Paredes schlagen daher vor, das Instrument des „Lebenskalenders“ mit einem personalisierten Gespräch zu verbinden, um quantitative tatsachenbasierte Informationen mit subjektiven qualitativen Informationen zu kombinieren. Ziel ist es, „gesellschaftliche Phänomene aufzudecken, die durch statistische Analysen bisher nicht erfasst worden sind“, erklärt Claudio Bolzman.

Diese beiden Ansätze werden an albanischsprachigen Zugewanderten getestet, die demnächst die Volljährigkeit erreichen. Sie bilden eine der am meisten stigmatisierten Bevölkerungsgruppen der Schweiz und haben nach wie vor Probleme beim Zugang zum Arbeitsmarkt. Die Autoren wollten herausfinden, was innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe den Unterschied ausmacht. Sie fanden heraus, dass in den meisten Erfolgsfällen bestimmte soziale oder institutionelle Ressourcen vorhanden waren – wie etwa ein besonders engagierter Lehrer, einflussreiche Personen im Familien- oder Freundeskreis, ein gut funktionierendes Quartier oder besondere kantonale Bestimmungen.

Grenzen überwinden

Die Berücksichtigung des transnationalen Charakters der Gesellschaft ist ein weiterer methodischer Aspekt, der besonders relevant ist. Gesellschaften werden immer noch viel zu oft unter Bezugnahme auf den Staat definiert, also in Abhängigkeit vom politischen und institutionellen Kontext eines Landes. Dabei ist das Leben vieler Menschen durch nahe Verwandte im Ausland und die häufige Nutzung des Internets längst nicht mehr so stark durch Grenzen bestimmt wie früher.

Zudem wirken sich internationale Entwicklungen durchaus auf das Leben der Bevölkerungsgruppen vor Ort aus. Durch eine starke Globalisierung oder Internationalisierung der Gesellschaften entsprechen ihre formalen Grenzen längst nicht mehr dem realen Leben der Menschen. So zeigen Marina Richter und Michael Nollert in dem von ihnen verfassten Kapitel auf, dass die Kinder spanischer Migrierter in engem Kontakt zu ihrem Netzwerk ausserhalb des Aufnahmelandes stehen. Und Peggy Levitt, Kristen Lucken und Melissa Barnett haben herausgefunden, dass immer mehr junge Inder in den USA unter Bezugnahme auf indische Vorbilder Hinduismus und Islam im amerikanischen Kontext ganz neu interpretieren.

Zukunftsweisende Wege

Am Ende ihres Werks skizzieren Bolzman, Bernardi und Le Goff mögliche Forschungsansätze für die Zukunft und formulieren eine Reihe von Empfehlungen. Sie erinnern daran, wie wichtig es ist, die Forschungspopulationen korrekt zu identifizieren und sich nicht nur auf marginalisierte Gruppen zu konzentrieren. Denn nur so sei es möglich, die Erfolgsfaktoren zu ermitteln. Die Autoren rufen dazu auf, die Situation der Zugewanderten nicht nur bis ins junge Erwachsenenalter hinein zu erforschen, sondern sich für den gesamten Lebensverlauf zu interessieren. Unter Berücksichtigung eines vergleichenden Ansatzes müssten dabei auch Übergangssituationen, die Beziehungen zwischen den Generationen sowie transnationale Aspekte in die Überlegungen mit einbezogen werden.

>> Bolzman, C., Bernardi, L., Le Goff, J.-M. (eds.) (2017). Situating Children of Migrants across Borders and Origins. A Methodological Overview. Dordrecht, The Netherlands: Springer, Life Course Research and Social Policies, Vol. 7

Autor: Yann Bernardinelli (Les Mots de la Science)

Hinweis für die Forschenden

Die neue Version der LIVES-Cohort-Daten für die Jahre 2013 bis 2016 (Wellen 1 bis 4 für die 2013 rekrutierten Personen) ist nun auf der Website des Schweizer Haushaltspanels (SHP) verfügbar. Die LIVES Cohort-Studie sammelt jährlich Informationen über den Lebenslauf von Jugendlichen, die seit ihrer Kindheit in der Schweiz leben. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf Personen mit Migrationshintergrund und Kindern von Eingewanderten. Diese Daten umfassen mehrere Messgrössen für psychosoziale Vulnerabilität wie Identität und Diskriminierung (W2, 2014); Anomie (W2, 2014); Stress (ab W4, 2016 und jährlich wiederholt), Zufriedenheit mit verschiedenen Lebensbereichen (W3, 2015) sowie andere psychologische (W3, 2015), politische (W2, 2014), gesundheitliche und soziale Variablen (W1-4, 2013-2016). Der Zugriff auf die Daten ist kostenfrei und kann über die SHP-Website erfolgen.

Aufruf für Beiträge zur Zeitschrift Social Change in Switzerland

Aufruf für Beiträge zur Zeitschrift Social Change in Switzerland

Die Zeitschrift Social Change in Switzerland hat vor kurzem ihre 12. Nummer publiziert. Ziel der Reihe ist es, die Forschungsergebnisse zum sozialen Wandel in der Schweiz einem breiteren Publikum zu vermitteln. Alle Beiträge werden vorgängig von den Herausgebern begutachtet. Die HerausgeberInnen laden potentielle AutorInnen ein, Vorschläge für Artikel zum sozialen Wandel in der Schweiz einzureichen.

Diese Zeitschrift wird seit 2015 an der Universität Lausanne von FORS, LINES und dem Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES herausgegeben. Jede Publikation wird von einer professionellen Medienmitteilung begleitet und erhält in der Regel ein breites Medienecho.

Die Artikel von Social Change haben eine Länge von 8 bis 10 Seiten. Sie wenden sich an ein Publikum von Nicht-SpezialistInnen und werden auf französisch oder deutsch verfasst. Die Redaktion organisiert die Übersetzung in die jeweils andere Sprache. Alle Beiträge werden vorgängig von den Herausgebern begutachtet.

Social Change in Switzerland publiziert innovative empirische Resultate, die einen bestimmten Aspekt des sozialen Wandels oder der Sozialstruktur in der Schweiz erhellen. Frühere Beiträge untersuchten die Eliten der Schweiz, die soziale Mobilität im 20. Jahrhundert, die schulische Ungleichheit oder den Wahlentschied der Arbeiter seit 1970.

Vorschläge für Artikel können in der Form eines Abstracts eingereicht werden bei Daniel Oesch, dem verantwortlichen Herausgeber von Social Change in Switzerland.

>> http://www.socialchangeswitzerland.ch/

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Kein Niedergang, sondern Wachstum der Mittelklasse in der Schweiz

Die Mittelklasse ist nicht am Schrumpfen. Im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern hat sich die Berufsstruktur in der Schweiz in den 1990er und 2000er Jahren nicht polarisiert. Die zwölfte Ausgabe der Zeitschrift Social Change in Switzerland zeigt, dass die Beschäftigung vor allem in den hochqualifizierten Berufen gewachsen und den niedrig qualifizierten Berufen geschrumpft ist.

Beobachter der digitalen Revolution befürchten, dass die Automatisierung viele qualifizierte Berufe vom Arbeitsmarkt verdränge. Ihre These ist, dass die Beschäftigung nur noch an den Rändern wachse: in den hochbezahlten akademischen Berufen einerseits und den schlecht entlohnten persönlichen Dienstleistungen andrerseits. Als Resultat werde die Mittelklasse ausgehöhlt.

In einer neuen Studie widerlegenDaniel Oesch und Emily Murphy diese These. Auf der Basis der Volkszählungen von 1970 bis 2010 zeigen sie, dass die Beschäftigung in jedem Jahrzehnt in den gut bezahlten Berufen am stärksten zugenommen und, mit Ausnahme des Baubooms in den 1980er Jahren, in den niedrig entlohnten Berufen am deutlichsten abgenommen hat.

Diese Aufwertung der Berufsstruktur erklärt sich mit dem Wachstum der « neuen » Mittelklasse, die von der Bildungsexpansion profitiert hat. Zwischen 1991 und 2016 wuchs der Anteil der Manager, Experten und Techniker an der Erwerbsbevölkerung von 34 auf 48%. Zugleich fiel jener der Industriearbeiter und Handwerker von 23 auf 16% und jener von Bürohilfskräften von 17 auf 8%.

Nur eine Kategorie der Arbeiterklasse hat seit 1991 an Gewicht gewonnen: Die Angestellten in einfachen persönlichen Dienstleistungen vergrösserten ihren Anteil von 13 auf 15%. Dieses Wachstum war jedoch zu schwach, um den Abbau einfacher Stellen in der Landwirtschaft, Industrie und dem Back Office zu kompensieren. Der technologische Fortschritt hat folglich nicht die Mittelklasse ausgehöhlt, sondern die Ränge der Industriearbeiter und Bürohilfskräfte ausgedünnt.

>> Daniel Oesch & Emily Murphy (2017). Keine Erosion, sondern Wachstum der Mittelklasse. Der Wandel der Schweizer Berufsstruktur seit 1970. Social Change in Switzerland No 12, www.socialchangeswitzerland.ch

Kontakt : Daniel Oesch, +34 91 624 85 08, daniel.oesch@unil.ch

Die Reihe Social Change in Switzerland dokumentiert laufend die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz. Die Reihe wird gemeinsam herausgegeben vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS, vom Zentrum für die Erforschung von Lebensläufen und Ungleichheiten der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Lausanne LINES, sowie vom Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES).  Ziel der Reihe ist es, Veränderungen bezüglich Arbeit, Familie, Einkommen, Mobilität, Stimmrecht oder Geschlechterverhältnisse aufzuzeigen. Die Beiträge beruhen auf wissenschaftlichen Untersuchungen und richten sich an ein breiteres Publikum.

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Die Grenzen der Einelternschaft sind fliessend. Ein neues Buch hilft uns, Bilanz zu ziehen

Der 8. Band der Reihe Life Course Research and Social Policies, die unter Leitung des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES vom Springer-Verlag herausgegeben wird, behandelt eine zentrale Problematik der Lebensverlaufsforschung, nämlich die zunehmende Komplexität der Familienformen. Eine immer grössere Zahl von Menschen durchlebt im Lebensverlauf die Erfahrung des Alleinerziehens. Die Einelternschaft, die allgemein mit einem grösseren Risiko der Verletzbarkeit verbunden wird, ist ein dynamischer Prozess. Sie begrenzt sich nicht auf bestimmte Stereotypen und stellt die Sozialpolitik vor neue Herausforderungen.

Die Veröffentlichung, die in diesen Tagen unter dem Titel Lone Parenthood in the Life Course als Open Access Publikation erscheint, geht aus einem Kolloquium hervor, das 2014 vom Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES veranstaltet wurde. Das Buch umfasst 15 Kapitel mit verschiedenen Ansichten zur Einelternschaft und ermöglicht eine vergleichende, interdisziplinäre Sicht auf dieses im 21. Jahrhundert so häufig zu beobachtende Phänomen.

Das von Laura Bernardi, Professorin am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Lausanne und Vizedirektorin des NFS LIVES, sowie Dimitri Mortelmans, Professor für Soziologie an der Universität Antwerpen, herausgegebene Werk schildert die vielfältigen Situationen von Alleinerziehenden in mehreren Ländern, wobei die Komplexität dieser Familien aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet wird:  Zugang zum Arbeitsmarkt und zu Sozialleistungen, Gesundheit, Wohlstand, Repräsentationen, Sozialkapital usw.

„Die zunehmende Verschiedenartigkeit von Einelternhaushalten wurde in der wissenschaftlichen Literatur noch nicht hinreichend untersucht“, hält Laura Bernardi fest. Tatsächlich haben sich die gesellschaftlichen Profile innerhalb von drei Jahrzehnten sehr unterschiedlich entwickelt. Früher handelte es sich bei Alleinerziehenden vornehmlich um Witwen und nur in seltenen Fällen um geächtete ledige „Mädchenmütter“. Heute ist ein viel grösserer Anteil der Bevölkerung von der Einelternschaft betroffen, vor allem geschiedene oder getrennt lebende Frauen. Dabei hat die durchschnittliche Dauer der Einelternschaft jedoch deutlich abgenommen, da ein sehr hoher Anteil der Betroffenen nach einigen Jahren des Alleinlebens wieder eine neue Partnerschaft eingeht. Hinzu kommen auch immer häufiger Fälle, in denen das Sorgerecht abwechselnd ausgeübt wird.

Die Komplexität der verschiedenen Familienformen verstehen

„Diese Veränderungen machen es schwierig, die Grenzen der Einelternschaft präzise zu definieren. Soziodemografische und administrative Kriterien überschneiden sich nicht immer und entsprechen zudem mitunter sehr wenig der Dynamik der Wohnverhältnisse der Kinder oder der tatsächlichen Erfahrung der Eltern“, hält Laura Bernardi weiter fest.

So wird zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter, die gemeinsam mit ihren Kindern mit einem neuen Partner zusammenzieht, von den Institutionen manchmal nicht mehr als Einelternhaushalt angesehen. In den meisten Fällen endet der Status von Alleinerziehenden allerdings nicht mit dem Eingehen einer neuen Partnerschaft, selbst wenn der Elternteil nicht mehr mit seinen Kindern allein lebt. Wie Laura Bernardi hierzu meint, „die gesetzlichen Pflichten lasten weiterhin auf den Schultern des sorgeberechtigten Elternteils, auch wenn natürlich vom wirtschaftlichen und emotionalen Standpunkt betrachtet alles vom Engagement des neuen Partners gegenüber dem Kind abhängt.“

Der Forscherin zufolge sollten die Administrativdaten sowie die Daten aus wissenschaftlichen Befragungen mehr Einzelheiten über die konkreten Lebensbedingungen der Kinder liefern und Aufschluss darüber geben, wer sich wie lange um die Kinder kümmert und wie die verschiedenen Kosten untereinander aufgeteilt werden.

In der Schweiz und anderswo

Die Einleitung des Buches enthält einen Überblick über die letzten Forschungsarbeiten, die zur Einelternschaft in Verbindung mit den verschiedenen Dimensionen des Verlaufs des Lebens durchgeführt wurden, sowie mehrere Datensätze, die einen Querschnitt der Entwicklung der Einelternschaft seit den 1960-Jahren in etwa zwanzig Ländern ermöglichen, darunter die Schweiz, Russland, die USA und mehrere europäische Länder.

In den folgenden Kapiteln werden mehrere Forschungsthemen im Kontext der verschiedenen Länder erarbeitet. Das Kapitel über die Schweiz, das von Laura Bernardi und Ornella Larenza verfasst wurde, berichtet über eine qualitative Studie, die bei 40 Alleinerziehenden in den Kantonen Genf und Waadt durchgeführt wurde. Hier wird beschrieben, dass der Übergang zur Einelternschaft meist ein nicht-linearer und schrittweiser Prozess ist, dessen Anfang und manchmal sogar Ende von den Betroffenen zeitlich nur schwer bestimmt werden können, was auf ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu ihrem(n) (Ex)-Partner(n) und die Einstellung zu ihrer familiären Situation hindeutet.

Ist es jedoch angesichts immer mehr nichttraditioneller Familien wirklich hilfreich, die Grenzen der Einelternschaft genau abzustecken? Ja, bekräftigt Laura Bernardi: „Denn wenn die Notwendigkeit einer genauen Definition der Einelternschaft vor dem Hintergrund häufig nur übergangsweise getroffener Vorkehrungen auch fragwürdig erscheinen mag, so bleibt doch die Notwendigkeit zu bestimmen, wer gesetzlich und praktisch für die Kinder verantwortlich ist.“ Andererseits ist die Forscherin der Ansicht, dass die Politik „die Rechte und Pflichten von Eltern innerhalb eines erweiterten Rahmens von komplexen familiären Konfigurationen überdenken müsste, anstatt Alleinerziehende als homogene Bevölkerungsgruppe von Bedürftigen zu klassifizieren.“

Einelternschaft und Armutsrisiko

Die Geläufigkeit dieses Phänomens sollte jedoch nicht verschleiern, dass Einelternfamilien nach wie vor einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt sind als andere Bevölkerungsgruppen. Diese Risiken entstehen vor allem dann, wenn mehrere Faktoren aufeinandertreffen: frühe Mutterschaft, fehlende Ausbildung, Arbeitslosigkeit, gesundheitliche Probleme. Die Einelternschaft stellt somit die Weichen für geschlechts- und klassenspezifische Ungleichheiten, die durch die Sozialstrukturen noch deutlicher spürbar sind.

So verdeutlicht ein Kapitel des Werkes auch, dass Länder mit einer weniger fortgeschrittenen Geschlechtergerechtigkeit auch diejenigen sind, in denen der Armutsanteil von alleinerziehenden Müttern am höchsten ist. Die geringe Eingliederung von Frauen in den Arbeitsmarkt und die Schwierigkeit, Berufstätigkeit und Familienleben miteinander zu vereinen, erhöhen das Risiko erheblich, Sozialhilfe in Anspruch nehmen zu müssen.

Die Forschung zeigt jedoch, dass die Berufstätigkeit alleinerziehender Frauen deren Wohlbefinden ebenso steigert wie ihr persönliches Glücksempfinden und die Gesundheit und sie gleichzeitig stressresistenter macht als solche, die sich ausschliesslich um ihre Kinder kümmern. Dies verdeutlichte zum Beispiel Emanuela Struffolino, eine der Autorinnen des Buches, im Jahre 2016 in einem anderen Artikel, der zusammen mit Laura Bernardi und Marieke Voorpostel auf der Basis von Daten des Schweizer Haushaltspanels verfasst wurde1.

Für universale (Sozial-)Politiken

Eine wichtige Erkenntnis des Buches ist die Feststellung, dass eine Sozialpolitik, die gezielt Alleinerziehende als homogene Gruppe anspricht, weniger wirksam ist als universale Massnahmen. Wie Laura Bernardi ausführt, können sich zielgerichtete, einseitige Massnahmen sogar als kontraproduktiv erweisen, da sie die Gefahr bergen, Alleinerziehende von einer Beschäftigung oder dem Eingehen einer neuen Partnerschaft abzuhalten.

Ihr zufolge „lassen sich mit einer Politik, die allen Eltern ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Familie garantiert, im Hinblick auf eine Verringerung von Armut und gesundheitlichen Risiken bessere Ergebnisse erzielen als mit gezielten, stigmatisierenden Massnahmen.“

Und weil die Einelternschaft letztendlich vor allem für sehr junge Frauen ohne Qualifikation ein Risiko darstellt, sieht Laura Bernardi die Förderung von Bildungsmöglichkeiten für alle Personen ungeachtet des Alters und des Elternstatus eine der wichtigsten Strategien zur Verbesserung dieser Situation. „Der Übergang von der Schule zum Arbeitsmarkt sollte flexibel gestaltet werden und es jungen Müttern ermöglichen, fachliche Kompetenzen zu erwerben, um so der Negativspirale aus Nachteilen entgegenzuwirken.“

>> Laura Bernardi & Dimitri Mortelmans (eds.) (2017). Lone Parenthood in the Life Course. Dordrecht, The Netherlands: Springer, Life Course Research and Social Policies, Vol. 8.

  • 1. Struffolino E., Bernardi L., Voorpostel M. (2016) Self-reported Health among Lone Mothers in Switzerland:Do Employment and Education Matter? Population-E, 71 (2) pp. 187-214. DOI: 10.3917/pope.1602.0187. Winner of the Population Young Author Prize 2016.
Photo Hugues Siegenthaler © LIVES

Sozialhilfeempfänger sind für den Arbeitsmarkt nicht zwangsläufig verloren

Ein Forscherteam der Universität Lausanne hat ein Pilotprojekt des Kantons Waadt und der Stadt Lausanne ausgewertet, mit dem eine bessere Begleitung marginalisierter Arbeitssuchender bezweckt wird. Das Ergebnis: Die Betreuung durch ein gemischtes Team mit Fachleuten aus Arbeitsvermittlung und Sozialarbeit hat mehr Personen aus der Arbeitslosigkeit und Abhängigkeit von der Sozialhilfe befreit als das ausschliesslich auf die Unterstützung durch die Sozialhilfe setzende Modell.

Das Forscherteam um Prof. Giuliano Bonoli hat für den Kanton Waadt ein Evaluationsmandat wahrgenommen und mit der Stadt Lausanne die praktischen Erfahrungen des gemeinsamen Projekts ausgewertet. Sie untermauern folgende Vermutung, die sich schon seit einigen Jahren erhärtet: Ein erheblicher Teil der Menschen, die auf das Eingliederungseinkommen (EIEI) des Kantons Waadt angewiesen sind, können mit einer zielgerichteteren Betreuung wieder in Arbeit kommen. Die intensivere Betreuung verursacht Kosten. Diese werden jedoch durch entsprechende Einsparungen bei den Sozialhilfezahlungen an die Leistungsempfänger kompensiert.

Bei der Mandatsausführung wurde Giuliano Bonoli, der als Spezialist für Sozialpolitik am IDHEAP tätig ist, durch den am HEC Lausanne tätigen Ökonomen Rafael Lalive und den Soziologen Daniel Oesch von der sozial- und politikwissenschaftlichen Fakultät der Universität Lausanne unterstützt. Sie alle gehören derselben Projektgruppe (IP204) am Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES an. Mit Maurizio Bigotta, Lionel Cottier und Flavia Fossati rundeten zwei junge Forscher sowie eine Forscherin das Team ab.

Das geprüfte Pilotprojekt wurde im Februar 2015 mit Unterstützung des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) lanciert. Im Rahmen dieses Projekts ist in der Stadt Lausanne ein gemeinsames Team eingerichtet worden, welches eine enge Koordination zwischen den BeraternInnen des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV) und den für die Zahlung des EIEI verantwortlichen SozialarbeiterInnen des Regionalzentrums für Soziales (Centre social régional, CSR) ermöglicht. In diesem nach wie vor aktiven Team kümmern sich sieben Stellenvermittler um durchschnittlich 65 Dossiers, was der Hälfte der in der klassischen RAV behandelten Fälle entspricht. Bei ihrer Tätigkeit werden sie von vier SozialarbeiterInnen unterstützt.

Vergleich von 1200 Fällen mit einer Kontrollgruppe

Die Studie erstreckt sich über die ersten 22 Monate des Pilotprojekts. Eingehende neue Sozialhilfeanträge wurden währenddessen an jedem zweiten Tag dem gemeinsamen Team zugeteilt, während die übrigen Fälle auf gewohnte Weise bearbeitet wurden. Die letztgenannten Fälle bildeten die Kontrollgruppe. Im Rahmen des Projekts profitierten so fast 1200 Menschen von einer intensiveren Unterstützung bei der Stellensuche.

Der auf Grundlage von drei Datenbanken angestellte Vergleich zwischen den beiden Gruppen hat gezeigt, dass «im Beobachtungszeitraum die vom gemeinsamen Team betreuten Personen durch die Aufnahme einer Arbeit häufiger aus dem EIEI herauskamen und somit geringere Ausgaben erforderten», heisst es im Bericht von Prof. Bonoli.

Am Ende des Beobachtungszeitraums hatten 52 % der vom gemeinsamen Team betreuten Personen eine Arbeit gefunden, verglichen mit 43 % in der Kontrollgruppe. Ausserdem erwiesen sich die Arbeitsverhältnisse der vom gemeinsamen Team betreuten Personen als stabiler: 70 % von ihnen meldeten sich während des Untersuchungszeitraums nicht erneut arbeitslos, während der Anteil in der Kontrollgruppe 58 % betrug.

Kosten-Nutzen-Verhältnis

Dank dieser guten Ergebnisse konnten die an die Leistungsempfänger gezahlten Hilfen um 11 % gesenkt werden. In der vom gemeinsamen Team betreuten Personengruppe fielen die monatlichen Finanzhilfen somit im Durchschnitt um 107 Franken niedriger aus als in der Kontrollgruppe. Das entspricht ungefähr den monatlichen Mehrkosten von 108 Franken, die im gemeinsamen Team aufgrund der intensiveren Betreuung durch Arbeitsvermittler angefallen sind. Über 22 Monate betrachtet hat sich die neue Konstellation somit kostenneutral ausgewirkt.

Im Rahmen der Evaluation ist zudem deutlich geworden, dass das gemeinsame Team mehr Sanktionen gegen wenig kooperative Personen verhängt hat als das CSR in der Kontrollgruppe. Die Autoren des Berichts stellen fest: «In der Fachliteratur wird recht einhellig auf die grosse Bedeutung von Sanktionen für die berufliche Wiedereingliederung verwiesen.»

Grössere Zufriedenheit

Unter einem Teil der Begünstigten der beiden Systeme wurde eine Zufriedenheitsumfrage durchgeführt. Laut dem Bericht äusserten sich die vom gemeinsamen Team betreuten Befragten zufriedener als die Teilnehmer der Kontrollgruppe. Erstere erhielten auch mehr Stellenvorschläge.

Die Angehörigen des gemeinsamen Teams erachteten die Zusammenarbeit zwischen Stellenvermittlern und Sozialarbeitern als sehr positiv. «Viele fürchteten sich vor dieser Zwangsheirat», so Giuliano Bonoli. «Das Projekt hat dazu beigetragen, viele Vorurteile zwischen den beiden Berufsgruppen abzubauen», meint der Leiter des gemeinsamen Teams, Florent Grin.

«Ein entscheidender Erfolgsfaktor»

In ihren Schlussfolgerungen erklären die Forscher, dass sich die Ergebnisse des Pilotprojekts mit vergleichbaren Erfahrungen in den USA und in Deutschland decken. Ihrer Meinung nach ist die intensivere Betreuung durch die Arbeitsvermittler «wahrscheinlich einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren des Projekts». Gleichzeitig halten sie eine leichte Verringerung des entsprechenden Betreuungsschlüssels für ratsam, um das Kosten-Nutzen-Verhältnis zu verbessern, zumal sich einige Stellenvermittler unterbeschäftigt fühlten.

Nach Ansicht der Forscher könnte dagegen der Betreuungsschlüssel bei SozialarbeiterInnen erhöht werden, um die Bearbeitung der Fälle zu beschleunigen. Andernfalls müssten die Erwartungen an die SozialarbeiterInnen zurückgeschraubt werden.

Das Projekt geht in die nächste Runde

Gleichzeitig empfehlen die Autoren des Berichts unter anderem, die Intervention des gemeinsamen Teams zeitlich einzuschränken. Denn die Analysen zeigen, dass die meisten beruflichen Wiedereingliederungen innerhalb der ersten 14 bis 16 Betreuungsmonate erfolgen. «Diese Personengruppe ist für den Arbeitsmarkt nicht für immer verloren. Allerdings werden ihre Chancen durch eben diesen Arbeitsmarkt auch beschränkt», erklärte Giuliano Bonoli kürzlich bei einem Treffen mit SozialarbeiterInnen im Rahmen der in Lausanne abgehaltenen Fachtagung Armut.

Der Kanton Waadt gab am Tag der Berichtsveröffentlichung bekannt, dass das Projekt im Gesamtkanton schrittweise umgesetzt wird.

Soziale Arbeit und Lebenslauf im Zeichen der Beschleunigung

Soziale Arbeit und Lebenslauf im Zeichen der Beschleunigung

Der 4. Internationale Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Soziale Arbeit (SGSA/SSTS) widmet sich den Veränderungen der Sozialen Arbeit in einer Gesellschaft, die in Verbindung mit dem entfesselten Wettbewerb charakteristisch für den zeitgenössischen Kapitalismus von der sozialen und technischen Be- schleunigung gezeichnet ist. Es wird von 12. bis 13. September 2018 in Hochschule für Soziale Arbeit und Gesundheit | EESP Lausanne (Schweiz) statt. Die Frist ist am 15. Februar verlängert.

Lebensverläufe werden durch die Unsicherheiten der sozialen und politischen Institutionen, der familiären Beziehungen und der Arbeit zunehmend verwundbar; gleichzeitig in- tensiviert die wachsende Ungleichheit die Lebensrhythmen der Erwerbstätigen, aber auch die Erwerbslosigkeit jener Personen, die vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind. In einem derartigen Kontext stehen Menschen und Institutionen unter dem Einfluss einer steigenden Zahl von Knotenpunkten, Übergängen und kritischen Lebenssituationen und –ereignissen, die, wie es scheint, in immer dichter werdenden Zeiträumen erfahren werden. Wie wandelt sich die Soziale Arbeit angesichts dieser Veränderungen? Wie entwickeln sich die sozialen Probleme? Wie und mit welchen Folgen für die Betroffenen verändern sich die zur Lösung eingesetzten Tech- niken (und Technologien)?

Der Kongress geht diesen Fragen nach, indem drei Schwerpunkte verfolgt werden. Der erste Schwerpunkt hinterfragt die Zusammenhänge zwischen Beschleunigung und Sozialpolitik; der zweite Schwerpunkt unter- sucht die Lebensverläufe der Adressatinnen und Adressaten der Sozialen Arbeit während der dritte Schwer- punkt die Veränderungen der Sozialen Arbeit in den Blick nimmt, die eine Vervielfachung der Akteure und Akteurinnen der sozialen Intervention herbeiführen.

Beschleunigung und Sozialpolitik

Die soziale Beschleunigung hat Folgen für die politische Funktionsweise liberaler westlicher Demokratien und deren Entscheidungs- und Implementierungsmodi, die dazu tendieren, Gesetze durch fluide Verfahrensvor- schriften zu ersetzen (Scheuerman, 2004). Die Sozialpolitik ist ebenfalls von diesem Prozess betroffen. Beiträge, die sich diesem ersten Schwerpunkt zuordnen, sollten bestrebt sein, den sozialpolitischen Wandel im Kontext des zeitgenössischen Kapitalismus zu überdenken, hinterfragen und konzeptualisieren. Folgende Fragen sind insbesondere von Interesse: wie sind die Veränderungen hinsichtlich der sozialen und technolo- gischen Beschleunigung zu analysieren? In welchem Masse führen sie zu Veränderungen der Vorstellungen, Methoden und Praxen der Sozialen Arbeit? Wie kann man die Zeitstrukturen der sozialen Interventionen (über)denken? Welche Interventionen oder soziale Innovationen begleiten die soziale und technologische Be- schleunigung? Was sind die Folgen der Beschleunigung auf Verwaltungs-, Regulierungs- und Bürokratisie- rungsformen sowie auf Kriterien der Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit von Sozialpolitiken? Wie und in wel- chem Bereich finden Lastenverschiebungen zwischen der öffentlichen und der privaten Sphäre, zwischen Staat, Philanthropie und Familie statt?

Soziale Arbeit den Lebensläufen entsprechend denken

Der zweite Schwerpunkt ist auf die Lebensläufe der Adressaten und Adressatinnen der Sozialen Arbeit fokus- siert. Lebensläufe sind das Produkt einer Vielfalt von Normen, Verfahren und mehr oder weniger formellen Regeln, die administrativ und institutionell eingerahmt sind. Vor diesem Hintergrund tritt das Alter (wie das Merkmal Geschlecht u.a.) als naturalisierte Ordnungskategorie hervor (Perriard & Tabin, 2017). Beiträge, die sich diesem zweiten Schwerpunkt widmen, konzentrieren sich auf folgende Fragen: wie entfalten sich Lebens- verläufe einer Klientel der Sozialen Arbeit, die dazu aufgerufen ist, in immer kürzer werdenden Zeiträumen sich zu aktivieren, sich neu zu erfinden oder Verantwortung für sich selbst zu tragen (Ravon & Laval, 2015)? Wie ist diese Klientel mit standardisierten Massnahmen zu begleiten, wenn Lebensläufe unsicherer werden, sich destandardisieren und die Status weniger stabil und kürzer sind?

Wie passen sich Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen an kritische Ereignisse, Übergänge und biografische Knotenpunkte an? Wie integriert die Soziale Arbeit die Lebensverlaufsperspektive in die Alltagspraxis und ihre Reflexion? Wie berücksichtig sie – oder nicht – die in sozialen Machtverhältnissen eingebetteten Kategorien Alter, Geschlecht, Rasse oder Klasse? Und welche Herausforderungen stellen schliesslich die individuellen und sozialpolitischen Dimensionen der Lebensverlaufsperspektive der Forschung und Lehre der Sozialen Arbeit?

Vervielfachung der Akteure und Akteurinnen und Rekonfigurationen der sozialen Intervention

Die Veränderungen des Kapitalismus haben zur Folge, dass Bevölkerungsgruppen ihre Lebensräume verlassen müssen und somit die Grenzen der Nationalstaaten in Frage gestellt werden. Dieser Prozess zieht eine wachsende Komplexität der Sozialen Arbeit nach sich, indem er die Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen vor die Heraus- forderung stellt, zumeist auf lokaler Ebene Antworten auf die Internationalisierung der sozialen Probleme, die durch die (De-)Kolonisation herbeigeführten Problemstellungen sowie die Folgen von so genannten Naturkata- strophen zu suchen. Sie sind in der paradoxen Situation, gleichzeitig die Lebensqualität ihrer Klientel auf indivi- dueller Ebene fördern und den durch neoliberale Managementformen und Bürokratisierungspraktiken vorgege- benen Forderungen nach Rationalisierung, Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit nachkommen zu müssen (Domi- nelli, 2010). Einige Länder regulieren die Zugangs- und Ausübungsbedingungen der Sozialen Arbeit stärker als andere und tendieren dazu, sie als Profession zu begründen und zu stärken. Andere Länder wiederum stellen die Professionalisierung allgemein in Frage. Diese zweite Variante schwächt die Stellung von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern (Vranken, 2012), verstärkt die Deprofessionalisierung und führt zur Vervielfachung der Akteu- rinnen und Akteure der sozialen Intervention. In jedem Fall lassen sich modifizierte oder neue Konfigurationen der Handlungspraktiken und Interventionsmethoden beobachten.

Beiträge, die sich diesem dritten Schwerpunkt zuordnen, sollten sich für die Entgrenzung der Berufspraktiken und die fachliche Anerkennung der Sozialen Arbeit interessieren, letztere insbesondere mit Blick auf die Dia- lektik von Laien- und Expertenwissen (Gutknecht, 2016, Chiletti, 2016). Wie vollziehen sich entsprechend den Lebensverläufen die Trennung in professionelle, freiwillige und familiäre Bereiche, die Lastenverschiebung und Arbeitsmarktsegmentation in der Sozialen Arbeit? Welche Formen nehmen die Zusammenarbeit, die diese be- gleiten an? Wie gliedern sie sich in interdisziplinäre und institutionsübergreifende Verfahren ein?

>> Call for papers

Organisationskomitee:

Isabelle Csupor, Valérie Hugentobler, Pascal-Eric Gaberel, Morgane Kuehni, Mauro Mercolli, Jean-Pierre Tabin (HES-SO // HETS&Sa | EESP | Lausanne)
Laurence Bachmann, Francis Loser (HES-SO // HETS-Genève)
Jean-François Bickel (HES-SO // HETS-Fribourg)
Barbara Waldis (HES-SO // Valais)
Spartaco Greppi (SUPSI)
Jean-Michel Bonvin, Pascal Maeder, Dario Spini (LIVES)

Kontakt : Khadija Hemma, Project Coordinator (HES-SO // HETS&Sa | EESP | Lausanne)

iStock © AlexLMX

Die Einkommen der Superreichen in der Schweiz steigen weiter

Im Verlauf der letzten 20 Jahre sind in der Schweiz die Einkommen des Top 1% der reichsten Steuerzahlenden trotz internationaler Finanzkrise stark gestiegen. Die Wahrscheinlichkeit, von Jahr zu Jahr erneut unter den Topverdienden zu sein, ist dabei konstant hoch. Dies zeigt der Artikel von Isabel Martinez in der elften Ausgabe der Zeitschrift Social Change in Switzerland.

Besonders stark war der Einkommenszuwachs unter den Superreichen: Die reichsten 450 Steuerzahlenden (das Top 0.01%) konnten Ihren Anteil am Schweizer Gesamteinkommen seit 1980 beinahe verdoppeln. Die Finanzkrise von 2008 hat dem Anstieg der Einkommenskonzentration, die sich auch international und insbesondere in den Vereinigten Staaten beobachten lässt, keinen Abbruch getan.

Wenig erforscht wurde bis anhin die Zeitdauer, während derer die Bestverdienenden an der Spitze der Einkommenspyramide verweilen. Auf Basis der AHV-Daten zeigt Isabel Martinez, dass rund 80% der Topverdienenenden auch im Folgejahr noch in der selben Einkommensgruppe sind. Nach 5 Jahren liegt der Anteil bei knapp 60%. Diese Werte sind seit 1981 erstaunlich stabil geblieben. „Der beobachtete Anstieg der Ungleichheit wurde also nicht durch grössere Einkommensmobilität kompensiert“, folgert die Forscherin. Gebräuchliche Ungleichheitsmasse wie der Gini-Index, welcher die Einkommen aller AHV-Pflichtigen berücksichtigt, bestätigen dies.

Der Beitrag von Isabel Martinez gibt auch Aufschluss darüber, wer die Topverdienenden in der Schweiz sind. Rund ein Drittel des obersten Einkommensprozents sind Personen, die im Ausland geboren wurden. Im Gegensatz dazu sind die Frauen im obersten Prozent stark untervertreten. Obwohl 46% aller Beschäftigten in der Schweiz weiblich sind, finden sich unter den Topverdienenden nur 10% Frauen.

>> Isabel Martinez (2017). Die Topeinkommen in der Schweiz seit 1980: Verteilung und Mobilität. Social Change in Switzerland No 11. Retrieved from www.socialchangeswitzerland.ch

Kontakt : Isabel Martinez, isabel.martinez@unisg.ch, +41 79 560 27 26

Die Reihe Social Change in Switzerland dokumentiert laufend die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz. Die Reihe wird gemeinsam herausgegeben vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS, vom Zentrum für die Erforschung von Lebensläufen und Ungleichheiten der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Lausanne LINES, sowie vom Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES).  Ziel der Reihe ist es, Veränderungen bezüglich Arbeit, Familie, Einkommen, Mobilität, Stimmrecht oder Geschlechterverhältnisse aufzuzeigen. Die Beiträge beruhen auf wissenschaftlichen Untersuchungen und richten sich an ein breiteres Publikum.

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Dreimal mehr erwerbstätige Mütter in der Schweiz als 1980

Die zehnte Ausgabe der Serie Social Change in Switzerland untersucht die Entwicklung der Erwerbstätigkeit von Müttern mit Kindern im Vorschulalter in den letzten vierzig Jahren. Der Beitrag von Francesco Giudici und Reto Schumacher analysiert die Situation der Mütter in Bezug auf individuelle Merkmale wie die Zahl der Kinder, das Bildungsniveau, die Nationalität oder den Zivilstand. Sie zeigen, dass die Teilzeitarbeit zur Normalität geworden ist, während das Modell der Mutter als Hausfrau, welches in den 1980er-Jahren noch vorherrschend war, nur noch von einer Minderheit gelebt wird.

Francesco Giudici und Reto Schumacher stützen sich in Ihrem Beitrag „Erwerbstätigkeit von Müttern in der Schweiz: Entwicklung und individuelle Faktoren“ auf die Daten der Volkszählung von 1980, 1990 und 2000 sowie auf die Strukturerhebung 2010-2014. Sie zeigen, dass sich die Arbeitsmarkt-beteiligung von Müttern in Paarhaushalten mit Kindern unter vier Jahren seit 1980 beinahe verdreifacht hat, jedoch mit grossen regionalen und soziodemografischen Unterschieden. Die stärkste Zunahme zeigt sich in den französischsprachigen Kantonen. Im Wallis beispielsweise hat sich der Anteil der Erwerbstätigen unter den jungen Müttern von 18% in den 1980er-Jahren auf 69% in den Jahren 2010-2014 erhöht.

Vier individuelle Faktoren wurden genauer unter die Lupe genommen. Als erstes die Familiengrösse: Aktuell gilt, je mehr Kinder eine Frau hat, desto geringer ist ihre Erwerbstätigkeit. In der Vergangenheit hatte die Anzahl Kinder einen geringeren Einfluss auf die Erwerbstätigkeit der wenigen Mütter, die überhaupt erwerbstätig waren. Zweitens das Bildungsniveau: Frauen mit einer akademischen Ausbildung sind heute wie in den 1980er-Jahren öfter erwerbstätig; allerdings nehmen die Unterschiede in der Erwerbstätigkeit aufgrund des Bildungsniveaus in der Tendenz ab, ausser für Frauen mit einer geringeren Qualifikation als ihr Partner. Die Autoren gehen davon aus, dass diese beiden Faktoren – Grösse der Familie und Bildungsniveau – die Kosten-Nutzen-Abwägun-gen bezüglich der Kinderbetreuung beeinflussen und damit eine wichtige Rolle spielen für den Entscheid, erwerbstätig zu sein oder nicht.

Weiter relevant sind individuelle Merkmale wie die Nationalität und der Zivilstand. Francesco Giudici und Reto Schumacher stellen eine Umkehrung der Tendenz in Bezug auf erwerbstätige Schweizer-innen und Ausländerinnen fest. In den 1980er-Jahren waren weniger Schweizerinnen in Paarhaushalten mit Kindern unter vier Jahren erwerbstätig als Ausländerinnen in derselben Situation, während heute die Ausländerinnen proportional weniger auf dem Arbeitsmarkt vertreten sind. «Obschon es möglich ist, dass eine veränderte Zusammensetzung der ausländischen Bevölkerung nach Nationalitäten dabei eine Rolle gespielt hat, kann man darin auch das Ende des bürgerlichen Familienmodells bei den schweizerischen Paaren sehen», schreiben die Autoren.Diese zunehmende Gleichstellung zwischen den Partnern lässt sich auch feststellen, wenn die verheira-teten Frauen mit den unverheirateten verglichen werden: Im Konkubinat lebende Mütter behalten zwar ein höheres Erwerbspensum bei als verheiratete Mütter, aber der Unterschied hat sich stark abgeschwächt, von mehr als 50% im Jahr 1990 auf weniger als 10% von 2010-2014.

>> Francesco Giudici and Reto Schumacher (2017). Erwerbstätigkeit von Müttern in der Schweiz : Entwicklung und individuelle Faktoren. Social Change in Switzerland No 10. Retrieved from www.socialchangeswitzerland.ch

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Die Reihe Social Change in Switzerland dokumentiert laufend die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz. Die Reihe wird gemeinsam herausgegeben vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS, vom Zentrum für die Erforschung von Lebensläufen und Ungleichheiten der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Lausanne LINES, sowie vom Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES).  Ziel der Reihe ist es, Veränderungen bezüglich Arbeit, Familie, Einkommen, Mobilität, Stimmrecht oder Geschlechterverhältnisse aufzuzeigen. Die Beiträge beruhen auf wissenschaftlichen Untersuchungen und richten sich an ein breiteres Publikum.

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LIVES Award for Early Scholars geht an einen Artikel über den Übergang von der Schule in das Berufsleben

Gewinner des „LIVES Best Paper Award for Early Scholars“ ist Dr. Christian Brzinsky-Fay vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB) in Berlin. Am 11. Oktober 2017 erhielt er anlässlich der Eröffnung der Jahrestagung der Society for Longitudinal and Life Course Studies (SLLS) in Stirling einen Preis von 2'000 Euro. Sein Artikel, der in der Fachzeitschrift Research in Social Stratification and Mobility, erschienen ist, zeigt, dass die in Deutschland und der Schweiz verbreiteten Aus- und Weiterbildungssysteme beruflichen Erfolg bei allen Kohorten unter unterschiedlichen Arbeitsmarktbedingungen erleichtern. Bei seiner Untersuchung kamen jedoch geschlechtsspezifische Ungleichheiten ans Licht.

Christian Brzinsky-Fay untersucht im Rahmen seiner Forschungsarbeit zum Übergang von der Schule in das Berufsleben fünf Kohorten von deutschen Einwohnern, die zwischen 1948 und 1977 geboren wurden. Sein Hauptaugenmerk richtet er dabei auf nicht-lineare Übergänge, bei denen nach einer Ausbildung kein direkter Eintritt in den Arbeitsmarkt erfolgt oder verschiedene „Aktivitätszustände“ ausprobiert werden, bevor eine Beschäftigung aufgenommen wird. Brzinsky-Fay selbst wurde 1972 geboren, kehrte mit 25 Jahren an die Universität zurück und promovierte im Alter von 39 Jahren. Besteht da ein Zusammenhang zwischen seinem eigenen Lebensverlauf und seinem Forschungsthema?

„Auf jeden Fall“, bestätigt er und erklärt: „Die Zeit zwischen meinem Abitur und dem Alter von 25 war prall gefüllt mit verschiedenen „Aktivitätszuständen“, wie freiberuflicher Arbeit (Privatlehrer, telefonische Befragungen), Studium (Probelauf: Chemie, Biologie) und meiner Arbeit in einem Unternehmen (Siemens). Wenngleich ich damals keine konkrete Berufsperspektive verfolgt habe und mich wenig zielstrebig einfach treiben liess, war diese Zeit für mich persönlich doch sehr wichtig, weil ich dabei viele informelle Qualifikationen und soziale Kompetenzen erworben habe. Daher bin ich davon überzeugt, dass mein Interesse am Übergang von der Schule in den Beruf zum Teil auf meine eigenen Erfahrungen zurückzuführen ist.“

Sein persönlicher Lebensweg qualifizierte ihn für den Wettbewerb des LIVES Best Paper Award for Early Scholars, der sich an Forscher richtet, die ihren Doktorgrad vor weniger als sieben Jahren erlangt haben. Für die zweite Preisvergabe in einem diesmal äusserst kompetitiven Wettbewerb wurden insgesamt 55 Artikel aus 15 Ländern eingereicht, wovon nur zwei von aktuellen oder früheren LIVES-Mitarbeitern stammen. Christian Brzinsky-Fay erhielt schliesslich aufgrund der Aktualität seiner Forschungsarbeit aus der Lebensverlaufsperspektive sowieihrer grossen wissenschaftlichen Relevanz und der hervorragenden Anwendung der Methoden die besten Bewertungen.

Bildungsexpansion

Anhand von Daten einer Erwachsenenbefragung des deutschen Nationalen Bildungspanels (NEPS) und der innovativen Methode der Sequenzanalyse betrachtet Christian Brzinsky-Fay die verschiedenen Einstiegsmöglichkeiten in den Arbeitsmarkt nicht als isolierte Ereignisse, sondern vielmehr als Muster von Lebensverläufen. Hierbei stellt er Unterschiede sowohl innerhalb der Kohorten als auch zwischen diesen fest, die alle von der Bildungsexpansion nach dem Zweiten Weltkrieg gekennzeichnet sind und verschiedenen makroökonomischen Rahmenbedingungen unterliegen. Dieser Ansatz ermöglicht es ihm zu untersuchen, ob das System der beruflichen Aus- und Weiterbildung (VET-System), das gemeinhin zu weniger Arbeitslosigkeit unter jungen Erwachsenen führen soll, zu allen verschiedenen Beschäftigungszeiten, also selbst in Zeiten mit weniger günstigen Berufsaussichten, in einem direkten Zusammenhang mit einer geringeren Instabilität und einer besseren beruflichen Integration steht.

Seine Ergebnisse belegen, dass der Anteil an jungen Leuten mit reibungslosen Übergangsmustern bei allen Kohorten zugenommen hat, was weitgehend auf den zunehmenden Besuch von weiterführenden Schulen vor dem Antritt einer Lehrstelle zurückzuführen ist. Wenngleich die Kohorten der Jahre 1965 und 1970 zahlenmässig die grösste Gruppe bilden und am Ende ihrer Pflichtschulzeit die schlechtesten Arbeitsmarktbedingungen vorfanden, weisen sie doch den niedrigsten Anteil von nicht-linearen Übergängen von der Schule in das Berufsleben auf. Dieser Instabilitäts-Cluster, der gegenwärtig abnimmt, war jedoch durch zahlreiche „Aktivitätszustände“ gekennzeichnet, was auf einen höheren Grad an Nicht-Linearität innerhalb einer „instabilen“ Minderheit hindeutet. Insgesamt waren 13 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen aller Kohorten von einer höheren Anzahl an Aktivitätszuständen betroffen, wovon 44 Prozent einen Schulabschluss hatten.

Geringere Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen

Originell an der Arbeit von Christian Brzinsky-Fay ist zudem, dass er nicht nur den ersten Eintritt in das Berufsleben betrachtet, sondern die Situation aller Personen im Alter von 30 Jahren beleuchtet. Anhand dieses Ansatzes kann er ermitteln, ob sich die verschiedenen Typen von Lebensverläufen nachhaltig auf die berufliche Situation auswirken, sobald das Alter, das allgemein als reguläres Erwachsenenalter betrachtet wird, erreicht ist. Er gelangt hierbei zu der Erkenntnis, dass Männer heutzutage ihre im Allgemeinen längeren Ausbildungszeiten kompensieren können und beachtliche soziale Aufstiegsmöglichkeiten aufweisen: Tatsächlich gibt es bei den jüngsten Kohorten verglichen mit der Kohorte von 1950 keine Verzögerung bei den beruflichen und sozioökonomischen Erfolgen. Für gut ausgebildete Frauen sieht die Situation dagegen viel ungünstiger aus: Haben diese erst einmal das reguläre Erwachsenenalter erreicht, laufen sie verstärkt Gefahr, Positionen, die sie eigentlich aufgrund ihres Ausbildungstands verdient hätten, gar nicht zu erreichen. Die Aufstiegsmobilität zwischen der ersten Anstellung und dem Alter von 30 Jahren verläuft bei den Frauen über alle Kohorten hinweg viel flacher.

Christian Brzinsky-Fay appelliert am Ende seines Artikels daran, „den Geschlechterunterschieden eine grössere Beachtung zu schenken.“ Trotz alledem verdeutlicht seine Untersuchung jedoch „das Verdienst, das den berufsbezogenen Aus- und Weiterbildungssystemen zukommt.“ Er kann zu Recht stolz darauf sein, seine eigene Ausbildung weiterverfolgt zu haben. Wir gratulieren ihm herzlich zu seiner Auszeichnung für ein so wichtiges Thema, wie es die Lebensverlaufsstudien sind!

>> Brzinsky-Fay, Christian & Solga, Heike (2016): Compressed, Postponed, or Disadvantaged? School-to-Work-Transition Patterns and Early Occupational Attainment in West GermanyResearch in Social Stratification and Mobility, Vol. 46, Part A, pp. 21-36.

Der Babyboom – Blütezeit der Hausfrau – dargestellt anhand einer Mikro- und Makroanalyse

Der Babyboom – Blütezeit der Hausfrau – dargestellt anhand einer Mikro- und Makroanalyse

Am 12. September 2017 hat Aline Duvoisin bravourös ihre Doktorarbeit über die Lebensverläufe von Frauen, die in den Jahren von 1940 bis 1965 im gebärfähigen Alter waren, verteidigt. Mithilfe eines Ansatzes, der Erfahrungsberichten als Ergänzung der statistischen Analyse breiten Raum einräumt, zeichnet sie das detaillierte Bild eines grösseren, bislang noch nicht vollständig erforschten demographischen Phänomens. Ihre Untersuchungen gewähren Einblicke in eine Epoche, in der alles die Frauen zur Heirat trieb. Oder vielmehr in das Ende dieser Epoche...

Als «vollkommen unerwartetes, internationales Phänomen von einmaliger und einschneidender Bedeutung» hat der Babyboom eine Vielzahl von Interpretationen hervorgebracht, ohne dass dabei ein wirklicher Konsens über seine realen Ursachen erreicht worden wäre. Die Doktorarbeit von Aline Duvoisin verschafft uns Einsichten weit über die üblichen Theorien hinaus, die sich oftmals hauptsächlich auf den wirtschaftlichen Aspekt stützen, und ermöglicht uns zudem, diese auch im Schweizer Kontext so besondere Epoche besser zu verstehen.

Aline Duvoisin, Assistentin am Interfakultären Zentrum für Gerontologie und Vulnerabilität (CIGEV) der Universität Genf und Mitglied des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES, zeigt, dass diese Epoche von einem deutlich gesunkenen Heiratsalter und dem allgemein verbreiteten bürgerlichen Modell einer «sauberen und ordentlichen» Familie gekennzeichnet war.

Die in der Zeit zwischen den Weltkriegen aufgewachsenen Frauen wurden in ihrer Jugend von familialistischen Diskursen geprägt, die die unterschiedlichen Rollen von Frauen und Männern und die Unvereinbarkeit von Beruf und Elternschaft deutlich herausstellten. Diese Normen wurden ihnen in allen gesellschaftlichen Bereichen vermittelt: Familie, Schule, Kirchen, Jugendbewegungen, gesellschaftliche und politische Institutionen, Gesetzgebung und Alltagskultur – sie alle trugen dazu bei, dass das Ideal der Hausfrau, der ehrbaren und von anderen respektierten «Hüterin der Moral», geprägt wurde.

Mischverfahren

Die von Aline Duvoisin durchgeführten Untersuchungen haben «erstaunliche Erkenntnisse» erbracht, wie ein Mitglied des Dissertationsrates formulierte. Er verteidigte damit ihre Verwendung eines «biographischen Mischansatzes», der quantitative mit qualitativen Daten kombiniert.

In ihrer Doktorarbeit, die zum Grossteil auf der Befragung Vivre/Leben/Vivere (VLV) basiert, untersucht sie die Laufbahnen von 1'184 Frauen, die zwischen 1910 und 1941 geboren wurden und in fünf Schweizer Kantonen mit sehr unterschiedlichen Merkmalen beheimatet sind (Genf, Bern, Basel, Wallis, Tessin). Für jede dieser Regionen konnte die Forscherin auf die Abschriften von halbstrukturierten Interviews zurückgreifen, die von Sylvie Burgnard durchgeführt wurden.

Je nachdem, ob die Frauen verheiratet waren und ob sie Kinder hatten, konnten verschiedene Arten von Laufbahnen beobachtet werden. Darüber hinaus wurden weitere Merkmale, wie die berufliche Laufbahn der Frau, ihre Ansiedlung in einem ländlichen oder städtischen Umfeld und ihre Gläubigkeit berücksichtigt.

76 Prozent der bei dieser Stichprobe untersuchten verheirateten Frauen hatten mindestens zwei Kinder, wobei der Höchstwert mit 2,68 Kindern pro Frau im Jahre 1964 erreicht wurde. Mütter von drei oder mehr Kinder leisteten den grössten Beitrag zum Babyboom und waren, wie nicht anders erwartet, zumeist unter den gläubigen Frauen und den auf dem Land lebenden Frauen zu finden.

Wenngleich die untersuchten Kohorten über eine bessere Ausbildung als die vorhergehenden Generationen verfügten, die meist über die Primärstufe hinausging, war ihre Bildung dennoch sehr geschlechtsspezifisch. Die meisten hatten eine hauswirtschaftliche Ausbildung absolviert und sich nach der Eheschliessung schnell aus dem Arbeitsleben zurückgezogen.

Verinnerlichung der Normen

Aus den Erfahrungsberichten geht hervor, wie sehr die Frauen die geltenden Normen verinnerlicht hatten. «Ich habe immer alles richtig gemacht», erklärt eine der Befragten, als sie von ihrem Lebensweg als Ehefrau und Mutter von vier Kindern erzählt. «Bei meiner Ankunft habe ich die Frauen als sehr rückständig empfunden», erinnert sich eine andere, die im Ausland aufgewachsen war, bevor sie sich schliesslich im Wallis niederliess.

«Bei jeder dieser Frauen hat es an einem Punkt ihres Lebensweges ein Ereignis gegeben, das ihr bewusst gemacht hat, welchen Platz sie in der Gesellschaft einzunehmen hatte», merkt Aline Duvoisin an.

Sie hat beobachtet, dass der von den untersuchten Kohorten als am stärksten empfundene normative Druck oftmals im Verlauf des Ehelebens ausgeübt wurde. Unfruchtbarkeit war besser akzeptiert als eine «unkontrollierte» Fruchtbarkeit. Kein Kind zu haben, wurde als «weniger schwerwiegende» Abweichung empfunden als die Missachtung ehelicher Normen.

Ausserdem hat sie festgestellt, dass eine Vielzahl der Mütter von Grossfamilien ungewollte oder zumindest ungeplante Kinder aufgrund von mangelnder Aufklärung über effiziente Verhütungsmethoden oder aufgrund einer konservativen Einstellung bekommen hat.

Trotz allem Pionierinnen

Ihre Doktorarbeit zeigt aber auch, dass ein Grossteil der Frauen wieder eine berufliche Tätigkeit aufgenommen hat, sobald die Kinder grösser wurden. «Das Ideal einer Hausfrau und Ehefrau hat sich also zum Ideal einer Hausfrau und Mutter weiterentwickelt und die Schweiz wie auch die Schweizerinnen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts massgeblich geprägt », bemerkt Aline Duvoisin.

Für die Forscherin waren die Mütter der Babyboomer diejenigen, «die die Dynamik angestossen haben, welche ihre Töchter später verfestigten und normierten und die im vorliegenden Fall zur Rückkehr der Frauen zum Arbeitsmarkt führten.» In Teilzeit wohlgemerkt, was mehr auf eine fortschreitende Entwicklung der Verhaltensweisen als auf einen deutlichen Bruch mit der Zeit des Babybooms und dem anschliessenden, seit den 1970er-Jahren zu beobachtenden Geburtenrückgang hindeutet.

>> Aline Duvoisin (2017). Les origines du baby-boom en Suisse : une approche biographique des cohortes féminines (1910-1941). Unter der Leitung von Michel Oris. Universität Genf.

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An den Wendepunkten und in den Übergangsphasen spürt man die Verletzbarkeit am deutlichsten

Zwei vor kurzem an der Universität Lausanne im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES verteidigte Dissertationen verwenden Daten des Schweizer Haushalt-Panels, um den Verlauf von kritischen Ereignissen wie den Eintritt in das Erwachsenenalter, die Geburt eines Kindes oder eine Phase der Arbeitslosigkeit näher zu untersuchen. Die Forschungsarbeiten von Florence Rossignon und Matteo Antonini verdeutlichen, wie sehr individuelle Eigenschaften mit dem strukturellen Kontext verwoben sind, was nur eine Longitudinalstudie über einen längeren Zeitraum mithilfe von innovativen Methoden quantitativ aufzuzeigen vermag. Die von ihnen durchgeführten Studien sorgten dabei für ein paar bemerkenswerte Überraschungen.

„The road to adulthood is long and winding, and it does not come to an end until the late twenties.“ (Der Weg zum Erwachsensein ist lang und beschwerlich und dauert meist bis zum Ende der Zwanziger.) Dieses Zitat von Florence Rossignon auf Seite 54 ihrer Dissertation ist - auch wenn es auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht - weit mehr als ein poetischer Titel. Aus der Feder einer jungen Doktorandin stammend, liest sich dieses wie eine Metapher ihrer eigenen Verwandlung am Ende ihrer vierjährigen Forschungsarbeit. Ihre am 22. August 2017 verteidigte Doktorarbeit ist die Erste, die Daten der Umfrage «LIVES Cohort» auswertet, welche sich mit Jugendlichen beschäftigt, die zwischen 1988 und 1997 geboren und von denen drei Viertel «Secondos» sind. Die Umfrage gehört zur dritten Stichprobe des Schweizer Haushalt-Panels – einer Befragung, die seit 2013 jährlich vom Nationalen Kompetenzzentrum für die Sozialwissenschaften FORS in Zusammenarbeit mit dem NFS LIVES durchgeführt wird.

Florence Rossignon beschäftigt sich bei ihren Untersuchungen an der Schwelle zum Erwachsenenalter mit zwei einschneidenden Ereignissen: dem Verlassen des Elternhauses und dem Antritt der ersten Arbeitsstelle. Ihre Doktorarbeit, die erstmals zwei bis dahin diametral gegensätzliche Methoden miteinander verbindet, nämlich die Sequenzanalyse und die Survival- und Ereignisanalyse, zeigt bei jeder der untersuchten Altersklassen vor allem, dass die Jugendlichen, deren Eltern sich getrennt haben, mit grösserer Wahrscheinlichkeit den heimischen Herd verlassen als Jugendliche, deren Eltern immer noch zusammen sind.

Secondos aus Ex-Jugoslawien gut integriert

Im Hinblick auf die berufliche Integration zeigt Florence Rossignon je nach ethnischer Herkunft deutliche Unterschiede auf, wobei die Ausbildungswege aller Personen in der Schweiz absolviert wurden. Bei den qualifizierten handwerklichen Berufen sind die in zweiter Generation in der Schweiz lebenden Einwanderer mit südeuropäischem Hintergrund am stärksten vertreten. Überraschender ist jedoch, dass Jugendliche vom Balkan oder aus der Türkei verstärkt bei den nicht-handwerklichen Berufen zu finden sind, nachdem sie einen Lehrberuf erlernt haben. Im Vergleich mit Jugendlichen, deren Eltern beide Schweizer sind, laufen die aus diesen Ländern stammenden und in zweiter Generation in der Schweiz lebenden Jugendlichen zudem weniger Gefahr, sich ihren Lebensunterhalt mit einer unqualifizierten Tätigkeit verdienen zu müssen. Die Jugendlichen, deren berufliche Integration sich schwieriger gestaltet, stammen aus Familien, die aus Ländern ausserhalb Europas eingewandert sind.

Ein besonders origineller Aspekt der Dissertation von Florence Rossignon ist der Stellenwert, den sie der Aufenthaltserlaubnis einräumt. Es gelingt ihr aufzuzeigen, dass Jugendliche, die von einer befristeten oder unsicheren Aufenthaltserlaubnis profitiert haben, bei ansonsten gleichen Bedingungen mit grösserer Wahrscheinlichkeit als Schweizer sozioprofessionelle Positionen mit höherem Prestige erlangen, beispielsweise als Selbständige („self-employed“). Dieses Phänomen lässt sich der Forscherin zufolge mit den grösseren schulischen und beruflichen Ambitionen dieser Familien erklären.

Arbeitslosigkeit und ihre Folgen

Die Kategorie der Selbständigen erscheint aufschlussreich und sollte im Rahmen von sozialwissenschaftlichen Forschungen näher untersucht werden. Auch Matteo Antonini geht in seiner am 28. August 2017 verteidigten Dissertation auf diesen Aspekt ein und verwendet ebenfalls Daten des Schweizer Haushalts-Panel. Er zieht zudem jedoch ältere Stichproben aller Altersgruppen der Bevölkerung heran, die mit den 1999 und 2004 begonnenen Untersuchungen im Zusammenhang stehen. In einem Teil seiner Forschungsarbeit beschäftigt er sich mit den Laufbahnen von Personen, die bereits eine oder mehrere Phasen der Arbeitslosigkeit erlebt haben. Sein Ansatz besteht darin, die Situation dieser Personen vier Jahre nach dem Verlust ihrer Arbeitsstelle zu untersuchen.

Matteo Antonini vergleicht bei seiner Untersuchung zwei Gruppen: Diejenigen, die im Laufe der Untersuchung bereits mit Arbeitslosigkeit in Berührung gekommen sind, und diejenigen, die nicht mit dieser konfrontiert wurden. Seine Daten weisen darauf hin, dass unter den Arbeitslosen die Kategorie der „Selbständigen“ nach einer gewissen Zeit der Arbeitslosigkeit deutlich zunimmt, nämlich von 1,6 Prozent auf 6,1 Prozent. In der Vergleichsgruppe aus Personen, die nicht mit Arbeitslosigkeit konfrontiert wurden, bleibt die Anzahl der Selbständigen relativ stabil und ist nach vier Jahren sogar von 8,3 Prozent auf 7,9 Prozent gesunken.

Der Forscher, der sich ebenfalls des Mittels der Sequenzanalyse bedient, beschäftigt sich in erster Linie mit Personen, für die die Arbeitslosigkeit mittel- und langfristig schwerwiegende Konsequenzen hat, sei es, weil diese nach einem Zeitraum von vier Jahren immer noch keine neue Arbeitsstelle gefunden haben, sei es, weil sie sich mit einem sozialen Abstieg konfrontiert sehen oder weil ihre berufliche Laufbahn von wiederholter Instabilität gekennzeichnet ist. Ausländer und ältere Menschen haben besonders mit Langzeitarbeitslosigkeit zu kämpfen. Frauen sind häufig von einem sozialen Abstieg betroffen und nehmen Arbeitsstellen unterhalb ihrer Qualifikation an, die es ihnen ermöglichen, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Für die Handwerker schliesslich, gleichgültig, ob qualifiziert oder nicht, ist es am schwierigsten, sich wieder zu stabilisieren.

Ausserhalb dieser besonders verletzbaren Kategorien hat Matteo Antonini festgestellt, dass auch ein erheblicher Anteil sehr hoch qualifizierter Personen von Problemen wie Langzeitarbeitslosigkeit und einer instabilen Laufbahn betroffen ist – vielleicht, weil diese Menschen nicht bereit sind, eine beliebige Arbeitsstelle anzunehmen oder noch über ausreichende finanzielle Reserven verfügen, um diese Situation relativ lange durchstehen zu können, führt Matteo Antonini an. Dennoch sieht er in diesem Phänomen ein alarmierendes Signal, das innerhalb des Schweizer Systems sowohl unter bildungsrelevanten als auch unter sozialen Aspekten nicht vernachlässigt werden sollte.

Weibliche Laufbahnen und Mutterschaftsversicherung

Ein wesentlicher Teil der Dissertation des Doktoranden widmet sich noch einem weiteren Ereignis: der Geburt eines Kindes. In Zusammenarbeit mit Ashley Pullman, Doktorandin an der Universität von British Columbia, hat er sich mit den Auswirkungen des Inkrafttretens der Mutterschaftsversicherung auf die beruflichen Laufbahnen befasst und kommt hinsichtlich des Nutzens dieser Reform für die Schweiz und für weibliche Karrieren zu einer zwiespältigen Bilanz. In bestimmten Fällen haben die Frauen nach der Einführung des obligatorischen Mutterschaftsurlaubs von 16 Wochen im Jahre 2005, der zu 70 Prozent bezahlt wird, im Vergleich zu dem, was bestimmte Tarifverträge ihnen vorher boten, sogar noch Rechte eingebüsst. Das neue Gesetz hat den Anteil der Frauen, die Vollzeit arbeiten, keinesfalls erhöht. Matteo Antonini zeigt, dass die meisten Mütter ihre Arbeitszeit eher reduzieren, mitunter sogar schon vor der Geburt eines Kindes.

«Die Reform war nicht stark genug, um die soziale Trägheit zu überwinden, so dass an einer bestimmten Struktur der beruflichen Laufbahnen festgehalten wird», bedauert der Forscher. Setzt man diese Untersuchung in Beziehung zur vorstehend zitierten Dissertation, geht die Schweiz aus dieser Reform nicht wirklich gestärkt hervor: Eine Erkenntnis Florence Rossignons ist, dass die Secondos, die die Schweizer Staatsbürgerschaft erlangt haben, ihre berufliche Laufbahn aufgrund dieser Tatsache nicht erleichtert sehen: Eingebürgerte Schweizerinnen und Schweizer haben immer noch weniger Chancen, eine höhere Position zu bekleiden, als solche ohne Migrationshintergrund. Sie haben höhere Erwartungen und konkurrieren somit mit den Einheimischen um besseres Sozialkapital, folgert die Forscherin. Die Forschungsarbeiten der beiden LIVES-Doktoranden verdeutlichen, welche Spannungen zwischen Gesellschaftsstrukturen und individuellen Strategien herrschen.

>> Florence Rossignon (2017). Transition to adulthood for vulnerable populations in Switzerland: When past matters. Unter der Leitung von Jacques-Antoine Gauthier und Jean-Marie Le Goff. Universität Lausanne.

>> Matteo Antonini (2017). The impact of critical events on work trajectories. Unter der Leitung von Felix Bühlmann. Universität Lausanne.

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Psychologische Forschung nimmt aktuelle Veränderungen in den Mentalitäten in den Blick

Zu Beginn dieses 21. Jahrhunderts ist die Familie ein Schmelztiegel, der unweigerlich sozialen Veränderungen ausgesetzt ist. Da überrascht es wenig, dass diese Form der Lebensgemeinschaft bei mehreren Vorträgen anlässlich des 15. Kongresses der Schweizerischen Gesellschaft für Psychologie am 4. und 5. September 2017 an der Universität Lausanne, an dem der Nationale Forschungsschwerpunkt LIVES zahlreiche Beiträge zu den Themen Beziehungsqualität, Wohlstand und Standards der modernen Familie präsentierte, eine zentrale Rolle spielte.

Seit einigen Jahren verändern sich die Einstellungen und Meinungen zur Familie mit schwindelerregender Geschwindigkeit und es scheint so, als beschäftigten sich alle möglichen Disziplinen der Sozialwissenschaften mit der Forschung zu diesem Thema. Dies trifft insbesondere auf die Psychologie zu, die familiären Beziehungen schon immer einen besonderen Stellenwert eingeräumt hat. Unter den zahlreichen Themen, die dieses Jahr vom Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Psychologie behandelt wurden, rangierten die familiären Strukturen wie gewöhnlich an zentraler Stelle. Überrascht hat jedoch, wie sehr diese Strukturen sich offensichtlich im Wandel befinden.

In ihrem öffentlichen Vortrag am ersten Konferenztag sprach Prof. Susan Golombok, Direktorin des Centre for Family Research an der Universtät Cambridge, die vielfältigen Sorgen und Ängste an, die sowohl durch die veränderten Familienstrukturen als auch durch die neuen Möglichkeiten, Kinder zu bekommen, hervorgerufen werden. Auf der Grundlage intensiver Forschungsarbeiten bei atypischen Familien oder Familien, die von künstlicher Befruchtung profitiert hatten, konnte sie aufzeigen, dass das seelische Wohlbefinden von Kindern nicht mit Elterntypen oder Zeugungsart im Zusammenhang steht, sondern von der Beziehungsqualität innerhalb der Familie abhängt.

Gleichgültig, ob es sich um gleichgeschlechtliche Eltern, alleinerziehende Elternteile oder Menschen handelt, die künstliche Befruchtung in Anspruch genommen haben: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse Susan Golomboks stehen in sämtlichen Fällen im Widerspruch zu den Befürchtungen der Verfechter der traditionellen Familie. Bei der vom Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES und von der «Interface Science-Société» der Universität Lausanne gesponserten Konferenz wurden zahlreiche Beispiele aus ihrem Bestseller Modern families: Parents and children in new family forms, herangezogen, der 2015 erschienen ist.

Während der gesamten Dauer des Kongresses, an dem über 250 Forscher und Forscherinnen teilnahmen, präsentierten die Mitglieder des NFS LIVES dreiundzwanzig Artikel, von denen zwölf auf Daten beruhten, die im Rahmen spezifischer Projekte des Forschungsschwerpunkts (IP201, IP207, IP212, IP213) gesammelt worden waren. Das Thema Familie, das neben Fragen der Arbeitswelt oder der Überalterung erörtert wurde, war dabei von besonderem Interesse, denn gleich mehrere Forscherinnen zeichneten die Entwicklung familiärer Strukturen in vielfältigen Facetten nach.

Die Geschlechtergerechtigkeit ist auf dem Vormarsch. Und in der Schweiz?

Professorin Clémentine Rossier, Familiendemografin an der Universität Genf und Leiterin des IP208-Projekts am NFS LIVES, hat eine in Zusammenarbeit mit Juliette Fioretta durchgeführte Studie über das Wohlbefinden von Paaren mit Kindern vorgelegt, die progressive Einstellungen zur Gleichstellung von Mann und Frau pflegen und leben.

Die Studie, die fünf Länder (Deutschland, Belgien, Frankreich, Schweden und die Schweiz) miteinander vergleicht, zeigt, dass Paare, deren Meinungen weitestgehend auf Gleichstellung ausgerichtet sind, viel bessere Wohlstandsindikatoren zeigen, unabhängig davon, welches Land untersucht wird. Interessant bei diesem Ergebnis ist vor allem, dass Paare mit progressiveren Idealen im Hinblick auf die Geschlechtergleichstellung auch sozial privilegierter sind. Untersucht man die Gleichstellung der Geschlechter in der Praxis – und hierbei die Paare, bei denen beide Partner zu 100 Prozent arbeiten – kommt man zu den gleichen Ergebnissen: Die Paare, bei denen beide Partner Vollzeit arbeiten, zeigen im Allgemeinen bessere Wohlstandsindikatoren.

Die Schweiz ist das einzige der fünf im Rahmen dieser Studie untersuchten Länder, wo Paare, bei denen beide Partner Vollzeit arbeiten, mehr mit finanziellen und gesundheitlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, als Paare, bei denen sich die Frau teilweise oder vollkommen aus dem Arbeitsleben zurückgezogen hat. Im Vergleich zu den anderen Ländern scheinen die Frauen, die in der Schweiz zu 100 Prozent arbeiten, hierzu aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen zu sein, was aufgrund der schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie wenig förderlich für ihr Wohlergehen ist. Frauen aus privilegierteren Schichten, die in den anderen Ländern durch eine Vollzeitstelle begünstigt werden, entscheiden sich in der Schweiz mehrheitlich für eine Teilzeitbeschäftigung, weil es zu wenig geeignete Kinderbetreuungseinrichtungen gibt.

Diese Beobachtung wird zudem durch die Tatsache bestätigt, dass die Schweiz auch das Land ist, in dem der Anteil Männer, die ihre Arbeitszeit reduziert haben, um sich um die Kinder zu kümmern, am höchsten ist (9 Prozent). Die beiden Forscherinnen kommen daher zu dem Schluss, dass «das Problem in der Schweiz eher darin besteht, Berufs- und Familienleben unter einen Hut zu bringen, und nicht auf einer unausgewogenen Geschlechtergleichstellung oder anderen Praktiken beruht.»

Individuelle Meinungen und gesellschaftliche Normen

Dieser Befund eines Mentalitätswandel, der sich in der Realität allerdings noch nicht zur Gänze vollzogen hat, wird auch in einer anderen, sehr originellen und vielversprechenden Studie beschrieben, die Léïla Eisner, Doktorandin des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES der Universität Lausanne, unter Leitung von Prof. Dario Spini vorgelegt hat. Im Rahmen einer bei 1'105 Personen aus allen Bevölkerungsschichten an verschiedenen Orten im Kanton Waadt durchgeführten Umfrage interessierte sich die junge Forscherin der Sozialpsychologie für die Meinungen der Befragten zu berufstätigen Müttern und gleichgeschlechtlichen Eltern sowie dafür, wie die Befragten die Einstellung der anderen wahrnehmen.

Im Fall der berufstätigen Mütter zeigen ihre Ergebnisse eher neutrale Einstellungen, wobei ältere und wenig qualifizierte Personen diese Entwicklung am nachteiligsten beurteilen. Die Untersuchung der Unterschiede zwischen den persönlichen Meinungen und der wahrgenommenen Norm zeigt nur sehr geringe Abweichungen. Mit anderen Worten: Nur wenige Menschen denken, dass sich ihre Einstellung stark von der allgemeinen Haltung der Gesellschaft unterscheidet. Dies könnte darauf hinweisen, dass das Recht der Frauen, einer Karriere nachzugehen, immer weniger Diskussionsthema ist und weitgehend akzeptiert wird.

Progressive Ansichten zu gleichgeschlechtlichen Eltern

Im Gegensatz dazu zeigen die von Léïla Elsner durchgeführten Untersuchungen zu den Einstellungen und der allgemeinen Haltung zu gleichgeschlechtlichen Eltern starke Abweichungen zwischen den persönlichen Meinungen und dem Bild, das die Befragten von der Haltung der anderen haben. Nur 40 Prozent der Befragten sprechen sich persönlich gegen die Idee von gleichgeschlechtlichen Familien aus. Doch fast die doppelte Anzahl ist der Ansicht, dass eine Bevölkerungsmehrheit zu diesem Thema eine ablehnende Meinung vertritt. Bezeichnend ist auch, dass die gegenüber schwulen oder lesbischen Eltern am feindseligsten eingestellten Befragten der Ansicht sind, dass die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit diese Ansicht teilt, während die persönlichen Meinungen das Gegenteil beweisen und tatsächlich viel progressiver sind.

Anders ausgedrückt sehen sich die Personen, die am wenigsten Einwände dagegen vorbringen, dass homosexuelle Paare Kinder aufziehen können, gegenüber der öffentlichen Meinung stark in der Minderheit, obwohl tatsächlich viel mehr Menschen, als ihnen bewusst ist, denken wie sie. Eine Analyse der Charakteristika dieser fortschrittlichen Gruppe, die sich zwar als isoliert, jedoch letztendlich mit der gesellschaftlichen Entwicklung auf einer Wellenlänge sieht, zeigt, dass Frauen und Jugendliche, die sich als politisch eher links und wenig religiös bezeichnen, hier überrepräsentiert sind. Männer, ältere sowie gläubige Menschen und solche, die politisch eher rechts eingestellt sind, neigen hingegen weniger dazu, ihre eigene Meinung von der der anderen abzugrenzen, die sie als Mehrheitsmeinung betrachten, die jedoch tatsächlich für eine immer weniger verbreitete Denkweise steht.

Emotionale Bindungen über alles

Die familiären Veränderungen waren auch Gegenstand weiterer Vorträge, wie der Präsentation des Teams von Prof. Daniela Jopp über die Beziehungen zwischen sehr betagten Eltern und ihren älteren Kindern, ein Phänomen, das wir heute dank der gestiegenen Lebenserwartung häufiger beobachten können. Auch der Vortrag Jeanette Brodbecks, Forscherin im Fachbereich Psychologie an der Universität Bern und Mitglied des IP212-Projekts des NFS LIVES, behandelte dieses Thema. Ihr Team hat sechs Jahre lang beobachtet, wie Personen infolge eines Trauerfalls oder einer Scheidung über den Verlust eines Partners oder einer Partnerin in der zweiten Lebenshälfte hinwegkommen. Das anlässlich des Kongresses vorgelegte Papier zeigt, dass Ex-Partner, die gute gegenseitige Beziehungen unterhalten, unabhängig von ihrem neuen Familienstand, ihrer Persönlichkeit oder ihrem sozioökonomischen Status viel weniger depressive Symptome und eine grössere Lebenszufriedenheit zeigen.

Diese im Zusammenhang mit der steigenden Scheidungsrate optimistisch stimmende Einschätzung knüpft an ein anderes Ergebnis an, das von der sehr jungen Forscherin, Shagini Udayar, am Kongress präsentiert wurde. Sie ist Mitglied des IP207-Projekts zu beruflichen Laufbahnen. Ihre unter der Leitung von Prof. Jérôme Rossier durchgeführte Studie zeigt, dass diejenigen, die angeben, spürbar durch ihr Umfeld unterstützt zu werden, nach und nach immer geselliger, verträglicher und gewissenhafter werden. Belegt wird dies durch Messungen, die in vierjährigem Abstand durchgeführt wurden. Gesellschaft und familiäre Strukturen mögen sich noch so sehr verändern, unsere emotionalen Bindungen bleiben doch unsere wichtigste Ressource.

>> 15. Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Psychologie

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Starker Rückgang der Arbeitszeit in der Schweiz seit 1950, ohne Verlangsamung der Produktivität

Die Fünftagewoche, mehr Ferien und mehr Teilzeitarbeit haben zu einer wesentlichen Reduktion der Arbeitszeit in der Schweiz geführt. Dies zeigt der Artikel von Michael Siegenthaler, der heute in der Reihe Social Change in Switzerland erschienen ist. Entgegen einer weitverbreiteten Idee arbeitet eine durchschnittlich erwerbstätige Person in der Schweiz nicht mehr als in anderen Industrieländern. Hingegen lässt seine Studie basierend auf neuen Zeitreihen darauf schliessen, dass das schweizerische Produktivitätswachstum in der Vergangenheit höher war als frühere Studien angenommen hatten.

Während 1950 eine erwerbstägige Person im Durchschnitt rund 2400 Stunden pro Jahr arbeitete, waren es 2015 nur noch knapp 1500 Stunden. Auf der Basis von bislang unverwendeten Datenquellen hat die Konjunkturforschungsstelle (KOF) die durchschnittliche Arbeitszeit in den verschiedenen Branchen der Schweizer Wirtschaft seit 1950 berechnet. Diese Daten zeigen, dass es damals in der Landwirtschaft, auf dem Bau und in der Hotellerie sowie Gastronomie nicht unüblich war, mehr als 50 Stunden pro Woche zu arbeiten. Seither hat die wöchentliche und jährliche Arbeitszeit drastisch abgenommen. Mehr Feiertage, mehr Ferien und eine Zunahme der Teilzeitarbeit sind Gründe für diese Abnahme, wie Michael Siegenthaler in seinem Artikel „Vom Nachkriegsboom zum Jobwunder – der starke Rückgang der Arbeitszeit in der Schweiz seit 1950“ feststellt.

Die in der neunten Ausgabe von Social Change in Switzerland präsentierte Forschungsarbeit wirft auch einen Blick auf den internationalen Vergleich. Es zeigt sich, dass Österreich und die USA aktuell höhere Jahresarbeitszeiten aufweisen als die Schweiz, während in den 1950er‐Jahren die Zahl der pro erwerbstätige Person geleisteten Arbeitsstunden in der Schweiz einiges höher war als in diesen Ländern. Noch überraschender ist jedoch, dass die Abnahme der Arbeitszeit in der Schweiz einen ähnlichen Verlauf aufweist wie in Frankreich und Deutschland. Im Vergleich zu der bei uns üblichen 42‐Stunden‐Woche arbeiten unsere französischen Nachbarn in einer Vollzeitstelle nur 35 Stunden. Dieser Unterschied wird aber dadurch kompensiert, dass in der Schweiz 60 Prozent der Frauen in Teilzeit arbeiten, was wiederum in Frankreich weit weniger verbreitet ist.

Schliesslich widerlegt der Artikel frühere Ergebnisse, wonach die Schweiz seit den 1980er‐Jahren im internationalen Vergleich ein Produktivitätsdefizit aufweise. Gemäss Michael Siegenthaler hat die Verwendung inkonsistenter Zeitreihen zu einer Überschätzung des Arbeitsvolumens und als Folge davon zu einer Unterschätzung des Produktivitätswachstums geführt. Letzteres ist gemäss diesen neuen Erkenntnissen ziemlich stabil geblieben, womit die Schweiz den grossen Industrienationen in nichts nachsteht.

>> Michael Siegenthaler (2017). Vom Nachkriegsboom zum Jobwunder – der starke Rückgang der Arbeitszeit in der Schweiz seit 1950. Social Change in Switzerland No 9. Retrieved from www.socialchangeswitzerland.ch

Kontakt : Michael Siegenthaler, tél. 044 633 93 67, siegenthaler@kof.ethz.ch

Die Reihe Social Change in Switzerland dokumentiert laufend die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz. Die Reihe wird gemeinsam herausgegeben vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS, vom Zentrum für die Erforschung von Lebensläufen und Ungleichheiten der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Lausanne LINES, sowie vom Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES).  Ziel der Reihe ist es, Veränderungen bezüglich Arbeit, Familie, Einkommen, Mobilität, Stimmrecht oder Geschlechterverhältnisse aufzuzeigen. Die Beiträge beruhen auf wissenschaftlichen Untersuchungen und richten sich an ein breiteres Publikum.

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Familien, die keine Hilfe in Anspruch nehmen oder diese nicht erhalten, sind eine tickende Zeitbombe

Am 13. Juni 2017 fand in Genf unter der Schirmherrschaft des Vereins Avenir Familles, dem in verschiedenen öffentlichen und privaten Hilfseinrichtungen sowie in der Forschung tätige Personen angehören, die zweite, vom Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES unterstützte Familienkonferenz «Assises de la famille» statt. Thema der Konferenz war die Nichtinanspruchnahme von für Familien bestimmten Sozialleistungen – eine Realität, die in den Medien weit weniger hohe Wellen schlägt als der Sozialhilfemissbrauch, deren Auswirkungen jedoch auf kurze, mittlere und lange Sicht zahlreiche Probleme verursachen.

Wo wohl konnte man aus dem Mund des Genfer Staatsrats Mauro Poggia, Leiter des Departements für Arbeit, Soziales und Gesundheit, vernehmen, dass «das Armutsrisiko mit der Zahl der Kinder sowie für Einelternfamilien steigt»? An der Familienkonferenz «Assises de la famille», die am 13. Juni an der Universität Genf unter Beteiligung von fast hundert VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen und staatlichen Stellen sowie Teilnehmenden aus dem universitären Bereich stattfand. In seiner Ansprache, die einer Reihe von Referaten und Workshops vorausging, erklärte der Genfer Magistrat, dass Genf in der Familienpolitik «oft einen Vorsprung» gegenüber anderen Kantonen habe und sich insgesamt «grosszügiger» zeige.

Mit Verweis auf den Anstieg der Ergänzungsleistungen für Familien (PCFam) um 66 Prozent innert drei Jahren – sie stiegen zwischen 2013 und 2016 von 11,7 auf 19,5 Millionen Schweizer Franken und betrafen zu diesem Zeitpunkt 1'380 Familien – sagte Mauro Poggia zudem, dass «die Vereine mehr und Besseres leisten als der Staat, und dies zu geringeren Kosten». Dies zeige auch die ebenso rasante Zunahme der Nachfrage nach den Lebensmittelpaketen des Vereins Cartons du Coeur, betonte er. Denn während ein Teil der Familien durchaus von staatlichen Unterstützungsbeiträgen profitiert, erreichen diese Beihilfen zahlreiche andere Familien nicht. Vor diesem Hintergrund «ist das Ausschaffungsrisiko für Inhaber einer B-Bewilligung, die Sozialhilfe beantragen, eine besorgniserregende Situation und die Folge einer verfehlten und in ihrer Wirkung nachteiligen Rechtsprechung», erklärte der Magistrat.

Welche Hürden für Sozialleistungen?

Damit war der thematische Rahmen der Tagung abgesteckt. Denn die Familienkonferenz 2017 stand unter dem Motto «Psychische und soziale Verletzbarkeit von Familien: Welche Hürden für Sozialleistungen?» und hatte zum Ziel, der Frage der Nichtinanspruchnahme von Sozialleistungen auf den Grund zu gehen – ein Phänomen, das in der medialen Berichterstattung weit weniger Beachtung findet als sein Gegenteil. Während die Nachfrage und die steigenden Kosten der Sozialhilfe regelmässig für Schlagzeilen sorgen, stört sich selten jemand daran, dass Familien in einer der reichsten Städte der Welt tagtäglich in der Prekarität leben. Den Assises de la famille kommt das Verdienst zu, dieses Thema aufs Tapet gebracht zu haben.

Fünfzimmerwohnungen, die von vier Familien geteilt werden, missbräuchliche Untermiete in heruntergekommenen Liegenschaften, frisch getrennte Familienväter, die im Auto übernachten, auf den St. Nimmerleinstag aufgeschobene Zahnbehandlungen und mitunter sogar wichtige medizinische Behandlungen, die nicht durchgeführt werden, weil die Franchise der Krankenkasse zu hoch ist: Die von den Konferenzteilnehmenden in ihrem Berufsalltag beobachteten Situationen von Vulnerabilität haben eine andere Facette der sozialen Realität in Genf sichtbar gemacht, welche schwer quantifizierbar ist, weil sie in den offiziellen Statistiken nicht erfasst wird, in der Praxis aber dennoch existiert.

Übergangsphasen als kritische Momente

Die Referate am Vormittag konzentrierten sich auf die Mechanismen, die Einzelpersonen und Familien davon abhalten, Hilfe in Anspruch zu nehmen. In einem ersten Referat zeigte Prof. Claudine Burton-Jeangros, Gesundheitssoziologin an der Universität Genf, anhand einer laufenden Studie an der Familienbeobachtungsstelle auf, dass Verletzbarkeit in den Übergangsphasen des Lebens besonders häufig auftritt, beispielsweise an der Schwelle zum Erwachsenenalter, bei der Geburt eines Kindes, zum Zeitpunkt einer Scheidung oder Trennung, beim Eintritt in den Ruhestand oder im Zusammenhang mit Migration. Die Sozial- und Familienpolitiken sollten ihr Augenmerk daher verstärkt auf diese Übergangsphasen richten.

Ihr Berufskollege Eric Widmer, ebenfalls Soziologieprofessor in Genf, zeigte anhand von Ergebnissen aus einer grossangelegten Longitudinalstudie über Paare der heutigen Zeit auf, dass die Häufigkeit der Inanspruchnahme von Paartherapien bei Eheproblemen je nach den kulturellen, finanziellen und sozialen Ressourcen stark variiert. «In bestimmten Kreisen ist dieser Schritt keineswegs selbstverständlich, weil die Auffassung vorherrscht, dass man über Paar- und Familienprobleme nicht sprechen kann … In diesen Kreisen stellt die Nichtinanspruchnahme von Hilfe ein grosses Problem dar, das für viele Paare und deren Kinder Risiken birgt – speziell bei besonders konfliktbeladenen Trennungen», betonte Eric Widmer.

Die Macht sozialer Normen

Die von diesen beiden Forschenden durchgeführten Studien sind Bestandteil des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES, bei dem die Verletzbarkeit als multidimensionaler Prozess untersucht wird, der alle Bereiche des Lebens tangiert und sich auf alle wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen, physischen, psychologischen und institutionellen Ressourcen auswirkt. Die Verletzbarkeit manifestiert sich zudem auf mehreren Ebenen und betrifft Individuen, ihr familiäres und soziales Umfeld und im weiteren Sinne auch das Gemeinwesen. Aus diesem Grund ist die Frage nach den Normen von zentraler Bedeutung: Wer hat aus rechtlicher Sicht worauf Anspruch? Vor allem aber: Wer getraut sich unter moralischen Gesichtspunkten, die ihm zustehenden Leistungen tatsächlich zu beanspruchen? Und schliesslich muss Verletzbarkeit auch in ihrer zeitlichen Dimension auf individueller und entwicklungsgeschichtlicher Ebene betrachtet werden: Einen schweren Schicksalsschlag zu erleben oder aber Prekarität über mehrere Generationen hinweg dauerhaft erdulden zu müssen, hat weder die gleichen Auswirkungen, noch erfordert es die gleichen Antworten, auch wenn die Ursachen mitunter dieselben sind. Es stellt sich daher die Frage, ab welchem Moment, mit welchen Mitteln und für wie lange den verletzbaren Personen institutionelle Unterstützung angeboten werden soll.

Mehrere Referentinnen, darunter Professorin Barbara Lucas von der Haute école de travail social in Genf und Héléna Revil vom Observatoire des non-recours aux droits et services (ODENORE) in Grenoble, lieferten Erklärungen zu der Frage, warum die betroffenen Personen oftmals darauf verzichten, Hilfe anzufordern: fehlende Informationen, administrative Hürden, psychische Probleme oder Angst vor den Konsequenzen; vor allem aber sind es die stark prägenden Wertvorstellungen von Autonomie und Selbstverantwortung, sowie die Angst vor einer Stigmatisierung, die viele Betroffene davon abhalten, Leistungen zu beanspruchen, auf die sie rechtlich gesehen Anspruch hätten. Dies hat schwerwiegende Folgen für die Gesellschaft – Folgen gesundheitlicher, familiärer, schulischer, beruflicher, sozialer und sogar politischer Natur, etwa dann, wenn das Gefühl des Ausgegrenztseins zu politischem oder religiösem Extremismus führt.

Verzögerte Kosten für die Gesellschaft

«Die Patienten nicht zu behandeln, kommt letztendlich am teuersten zu stehen», warnte Prof. Jacques Besson, Spezialist für Suchtkrankheiten am Universitätsspital CHUV, und verglich auf etwas provokante Weise die Tageskosten eines Gefängnisaufenthalts mit den Kosten einer ambulanten psychologischen Behandlung. «Eine Familie, die unter Stress steht, ist anfällig für Suchtprobleme», betonte er, nachdem er in seinem Referat mehrere Suchtpatienten porträtiert und deren familiäres, soziales und berufliches Umfeld beschrieben hatte.

«Ich habe seit heute Morgen ein besseres Verständnis für die Personen, die in unsere Beratung kommen», sagte eine in der Eheberatung und Familientherapie tätige Teilnehmerin am Nachmittag in einem der vier angebotenen Workshops. In diesen Workshops wurde deutlich, wie wichtig vernetztes Arbeiten ist und wie enorm gross die Bedürfnisse der verletzbaren Familien sind. Wobei diese Bedürfnisse freilich nicht immer am richtigen Ort, im richtigen Moment und gegenüber dem richtigen Ansprechpartner artikuliert werden. Aber jede Geste zählt. Und vielleicht dienen die Assises de la famille ja auch diesem Zweck: den Anliegen der Betroffenen Gehör zu verschaffen.

«Es war ein anregender Tag, der zweifellos zu einem besseren Verständnis der Verletzbarkeit von Familien in Genf und der zu entwickelnden Lösungen beigetragen hat», resümierte Eric Widmer in seinem Schlusswort. Und er gab bekannt, dass die Assises auch im kommenden Jahr wieder stattfinden werden – voraussichtlich mit Fokus auf der Verletzbarkeit von Familien im dritten und vierten Lebensabschnitt.

>> Siehe auch den Bericht über die erste Familienkonferenz von 2016

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Sex in all seinen Facetten... Eine völlig neue wissenschaftliche Befragung von 40.000 Jugendlichen

Ein Sechstel der in der Schweiz ansässigen Personen zwischen 24 und 27 Jahren wird in den nächsten Tagen kontaktiert, um einen Fragebogen mit einem elektronischen «Lebenskalender» zu beantworten. Ziel der Untersuchung ist es, eine Verbindung zwischen Lebensverlauf und sexuellen Erfahrungen herzustellen, um besser zu verstehen, welche Umstände zu Risikofreudigkeit, sexuellem Missbrauch, sexuellen Störungen oder auch zu einem erfüllten Sexualleben führen.

Sexting, Viagra, die Pille danach, ein Ende der Tabuisierung von Homosexualität, wachsendes Bewusstsein für das Transgender-Phänomen: In der Sexualität hat sich vieles geändert im Laufe der letzten zwanzig Jahre, die unter anderem von der Entstehung des Internets und der Bagatellisierung von Aids gekennzeichnet waren. Eine Gruppe von Forscherinnen und Forschern des Universitätsspitals Lausanne (CHUV), des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES der Universität Lausanne und des Universitätsspitals Zürich werden deshalb versuchen, eine Bestandsaufnahme der Sexualpraktiken heutiger Jugendlicher zu erstellen. Dazu wird im Juni bei mehreren Zehntausend Personen, die zwischen 1989 und 1993 geboren sind, eine grosse Umfrage durchgeführt.

25 Jahre – in diesem Alter ist es durchaus möglich, seine ersten Intimbeziehungen mit etwas mehr der Distanz zu betrachten. Mit dieser in die Tiefe gehenden Umfrage soll eine Fülle an Informationen über die zeitliche Abfolge der sexuellen Erfahrungen von Jugendlichen und deren Zusammenhang mit anderen Ereignissen in Bereichen wie physische und psychische Gesundheit, Gefühlsbeziehungen, Bildung, berufliche Eingliederung usw. gesammelt werden.

Sexualität und Wohlbefinden

«Sexualität lässt sich nicht von den anderen Lebensbereichen trennen», erklärt Prof. Joan-Carles Suris, Hauptantragsteller dieses Projekts, das vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanziert wird. «Bleibt Ihre Sexualität beispielsweise qualitativ oder auch hinsichtlich der Häufigkeit hinter Ihren Erwartungen zurück oder gestaltet sich aufgrund von verschiedenen Faktoren, die mit einem Missbrauch oder Störungen in Zusammenhang stehen, problematisch, so beeinträchtigt dies Ihr allgemeines Wohlbefinden, was sich auf Ihre sozialen Beziehungen und Ihre Produktivität bei der Arbeit oder im Studium auswirken kann.»

Zu den Fällen einer problematischen Sexualität zählt der Forscher auch das Eingehen von Risiken im Zusammenhang mit ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit Gelegenheitspartnern – ein Phänomen, das recht häufig mit Substanzgebrauch einhergeht. Zudem gibt es die Frage der unerwünschten Beziehungen, die zwar nicht zwangsläufig von Gewalt geprägt sein müssen, aber dennoch zu Leiden führen können.

Was die Störungen anbelangt, so betreffen diese sowohl Frauen als auch Männer: Scheidentrockenheit bei den einen, ein häufiger Grund für Schmerzen beim Geschlechtsverkehr; Erektionsprobleme oder vorzeitige Ejakulation bei den anderen, was bei den Betroffenen oft zu starkem Stress führt.

All diese Thematiken und noch viele andere müssen besser in ihrer Längsauswirkung verstanden werden, das heisst, anhand der Ereignisse, die den Lebensverlauf jedes Einzelnen besonders geprägt haben, nachverfolgt werden, wobei das Individuum stets als Ganzes zu begreifen ist.

Die letzte bei Jugendlichen durchgeführte Umfrage zur Sexualität war im Jahr 1995 – einer Zeit, in der sich die schnellen gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre noch nicht vollzogen hatten. Heute sind die Herausforderungen nicht mehr ganz die gleichen. Die vorliegende neue Studie hat sich daher sehr viel ehrgeizigere Ziele gesetzt, sowohl im Hinblick auf die behandelten Themen als auch auf die zur Erfassung eingesetzten Methoden.

Der Online-Lebenskalender

Über ein Stichprobenverfahren des Bundesamtes für Statistik werden die Jugendlichen schriftlich kontaktiert. Sie haben dann die Möglichkeit, ins Internet zu gehen und – in aller Anonymität – für den zweiten Teil der Befragung ein äusserst innovatives Instrument zu benutzen. Es handelt sich hierbei um einen elektronischen «Lebenskalender», eine visuelle und interaktive Methode, mit der all die verschiedenen Ereignisse im Laufe des Lebens festgehalten werden können. Mithilfe von Studierenden der Universität Lausanne wurde eine Testphase durchgeführt, um die Software intuitiver und flexibler zu machen. Die Pilotphase hat gezeigt, dass der Lebenskalender im Vergleich zu den traditionell verwendeten Fragebögen ein weitaus effizienteres Mittel ist, um das autobiografische Gedächtnis zu stimulieren und sich so mehr Ereignisse zu vergegenwärtigen.

Die nun beginnende Befragung wird daher vermutlich auf starkes Interesse stossen: aufgrund ihrer Thematik, da Daten zur Sexualität von Jugendlichen sowohl in der Schweiz als auch auf internationaler Ebene fehlen; und aufgrund der Befragungsmethode, da sie über die traditionelle Verwendung von Lebenskalendern in Papierform hinausgeht, die erst lange entziffert und verschlüsselt werden müssen, um eine Analyse überhaupt zu ermöglichen.

Ein interdisziplinäres Team

Für diese neue Studie hat Prof. Suris, selbst Mitglied des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Lausanne (IUMSP) und Verantwortlicher der Forschungsgruppe für die Gesundheit von Jugendlichen (GRSA), Spezialisten auf dem Gebiet der Lebensverlaufsstudien um sich versammelt. Er wird bei diesem Projekt vom Statistiker Prof. André Berchtold und vom Sozialpsychologen Davide Morselli unterstützt, die beide Mitglieder des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES sind. Prof. Brigitte Leeners, Spezialistin auf dem Gebiet der sexuellen Dysfunktionen am Universitätsspital Zürich, und die Doktorandin Yara Barrense-Dias, die dem IUMSP angegliedert ist, ergänzen das Basisteam, das noch mit anderen Partnern, wie Christina Akre und Raphaël Bize (IUMSP), Sylvie Berrut (Santé PluriELLE / LOS), Annick Berchtold (Abiris) oder Caroline Jacot-Descombes (Sexuelle Gesundheit Schweiz) zusammenarbeitet.

Dem ersten Bericht, der für Anfang 2018 erwartet wird, werden mehrere wissenschaftliche Publikationen zu verschiedenen Aspekten des Projekts folgen, bei denen das Team mit zahlreichen Tabus in Berührung kommen könnte.

Sexting, neue Praktiken, neue Stellungen

Gemeinsam mit Prof. Suris und Christina Akre hat Yara Barrense-Dias bereits im vergangenen Februar einen erstaunlichen, leicht verständlichen und dennoch wenig beachteten Bericht zum Phänomen «Sexting» veröffentlicht, das als elektronischer Versand von Material mit sexuellem Charakter verstanden wird. Die Forscher stellten fest, dass diese Praktik «von den Jugendlichen mehrheitlich positiv als einfacher Austausch zwischen zwei einverstandenen Personen definiert wird», und rufen dazu auf, die Praktik nicht zu verteufeln, sondern eher die Schuldigen für unerwünschten Datentransfer oder Belästigungen zu ermitteln und den Opfern ihre Schuldgefühle zu nehmen und sie zu unterstützen.

Genau dieser Wunsch, die Entwicklung von Praktiken und Problematiken ohne moralischen Zeigefinger zu erfassen und dennoch das Ziel der Prävention und Früherkennung nicht aus den Augen zu verlieren, wird vom gesamten Team verfolgt, das an der Studie zu Gesundheit und Sexualverhalten der Jugendlichen in der Schweiz beteiligt ist. «Wir haben keine Vorurteile. Das macht die Forschung so interessant», erklärt Prof. Suris. Daher sein Appell an die 40.000 jugendlichen Empfänger der Briefsendung, die demnächst verschickt wird: «Bitte, bitte, bitte nehmen Sie teil!»

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