Eine Depression oder ein Burn-out können auch positif zur persönlichen Entwicklung beitragen

Burn-out und Depression als Chance für die persönliche Entwicklung

Eine von Hannah Klaas an der Universität Lausanne am 24. September 2018 verteidigte Doktorarbeit in Psychologie zeigt, dass viele Menschen mit einer psychischen Erkrankung aus dieser positive Aspekte für ihre persönliche Entwicklung und ihre Beziehungen zu anderen Menschen gezogen haben. Dieser Prozess erfordert Zeit, und die Stigmatisierung dieser Personen ist dabei sicherlich keine Hilfe. Aber sagt man nicht, was uns nicht umbringt, macht uns stärker?

Eine von Hannah Klaas an der Universität Lausanne am 24. September 2018 verteidigte Doktorarbeit in Psychologie zeigt, dass viele Menschen mit einer psychischen Erkrankung aus dieser positive Aspekte für ihre persönliche Entwicklung und ihre Beziehungen zu anderen Menschen gezogen haben. Dieser Prozess erfordert Zeit, und die Stigmatisierung dieser Personen ist dabei sicherlich keine Hilfe. Aber sagt man nicht, was uns nicht umbringt, macht uns stärker?

Nur selten werden psychologische Forschungen anhand grosser Bevölkerungsstichproben „Lambda“ durchgeführt. Eine solche Chance bot sich jedoch Hannah Klaas im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES. Hierbei erhielt sie Zugriff auf die Daten des schweizerischen Haushaltspanels, das Jahr für Jahr Langzeitdaten von Tausenden Schweizer Haushalten erhebt. Sie konnte eine Unterstichprobe von 682 Personen genauer betrachten, die im Verlauf ihres Lebens einmal ein ernstes Gesundheitsproblem hatten. Bei der Hälfte der Personen handelte es sich um eine körperliche Erkrankung, während die andere Hälfte unter einer psychischen Störung litt, wobei hier mehrheitlich Depressionen, Burn-out und Angststörungen zu nennen sind.

Mit ihrer Doktorarbeit verfolgte sie gleich mehrere Ziele: So wollte sie herausfinden, welchen Platz die Erkrankung innerhalb der Identität dieser Personen einnimmt. Weiterhin untersuchte sie den Einfluss des sozialen Umfelds, der sozialen Unterstützung und der Stigmatisierung auf Genesung und persönlichen Wachstum. Die gemachten Erfahrungen verglich sie schliesslich dahingehend miteinander, ob die Krankheiten körperlicher oder psychischer Natur waren. Tatsächlich ist bereits seit etwa dreissig Jahren bekannt, dass sich traumatische Erlebnisse, wie Krisensituationen, zwischenmenschliche Gewalt oder körperliche Gesundheitsprobleme schlussendlichpositiv auf die persönliche Entwicklung auswirken können. Doch abgesehen von einigen wenig bekannten Studien, die vor allem qualitativer Natur waren, waren die Auswirkungen psychischer Erkrankungen auf das, was gemeinhin als persönlicher Wachstum durch Krisensituationen bezeichnet wird, noch nie Gegenstand von quantitativen Studien.

Persönliche Entfaltung und Beziehungen zu anderen Menschen

Die Doktorarbeit von Hannah Klaas verdeutlicht, dass aus psychischen Beeinträchtigungen wie Depressionen, Burn-out oder Angststörungen, sowohl im Hinblick auf die persönliche Entwicklung als auch auf zwischenmenschliche Beziehungen, durchaus positive Effekte gezogen werden können. 60 Prozent der Studienteilnehmenden gaben eine grosse oder gemässigte Persönlichkeitsentfaltung an, während 35 Prozent von einigen positiven Veränderungen seit ihrer Krankheit berichteten.

Diejenigen, die ihre Krankheit als Teil ihrer Identität akzeptiert haben, zeigen mehr Anzeichen für persönlichen Wachstum. Sie beurteilen sich selbst nach Bewältigung der Krise als verständnisvoller, toleranter und stärker und geben an, das Leben jetzt mehr zu schätzen zu wissen. Viele berichten, die Situation habe es ihnen ermöglicht, Ordnung in ihr Leben zu bringen. So konnten sie als ungesund erlebte Beziehungen beenden oder ein besseres Gespür für die problematischen Bereiche ihres Lebens entwickeln.

„Diese Wirkung hat sich besonders bei Leuten gezeigt, die eine Psychotherapie gemacht haben“, erklärt Hannah Klaas. Im Gegensatz dazu ist zwischen einer medikamentösen Behandlung und persönlicher Entwicklung kein Zusammenhang feststellbar, weder positiv noch negativ. In dieser Studie kann man Personen, die eine persönliche Entwicklung infolge ihrer Krankheit angeben, nicht anhand bestimmter soziodemographischer Merkmale erkennen. „Man spricht hier von persönlichem und sozialem Kompetenzaufbau, der nicht im Zusammenhang mit dem Bildungsniveau steht“, bemerkt die Forscherin und erklärt damit die Tatsache, dass verschiedene soziale Milieus in der Umfrage vertreten sind.

Im Laufe der Zeit …

Handelt es sich hier um stärkere seelische Belastbarkeit? „Es geht nicht darum, den Zustand vor der Erkrankung wiederherzustellen, sondern um eine persönliche Entwicklung, die weit darüber hinausgeht“, erklärt Hannah Klaas. Ihre Doktorarbeit weist auch darauf hin, dass sich der Zusammenhang zwischen einer Integration der Erkrankung in die eigene Identität und persönlichem Wachstum erst mit der Zeit manifestiert, insbesondere dann, wenn die Symptome und die direkten Auswirkungen der Krankheit abgeklungen sind.

Auch das Alter, in dem die Krankheit ausbricht, spielt eine Rolle, wenngleich dieses von untergeordneter Bedeutung ist. Bei bestimmten Aspekten ist die beschriebene Persönlichkeitsentwicklung in Krisensituationen bei Menschen über 40 vermehrt zu beobachten. „Davor auch bei einigen. Wenn man sich jedoch in der Mitte seines Lebens befindet und mehr Erfahrung hat, fällt es möglicherweise leichter, in der eigenen Erkrankung einen Sinn zu sehen oder die Ursache zu erkennen. Vielleicht ist es auch leichter, diese zu akzeptieren und aus ihr mehr Positives für die Beziehungen zu anderen Menschen zu ziehen. Vielleicht ist man dann auch eher dazu bereit, grössere Änderungen in seinem eigenen Leben vorzunehmen?“ schlägt Doktorandin vor.

Diskriminierung und Genesung

Aus ihrer Doktorarbeit geht auch hervor, dass Menschen, die aufgrund ihres Gesundheitszustands unter schwerwiegenden Diskriminierungen zu leiden hatten, grössere Schwierigkeiten haben, sich als subjektiv geheilt zu sehen. Dennoch trägt persönlicher Wachstum spannenderweise dazu bei, die Stigmatisierung in den Griff zu bekommen. Menschen, die unter einer Form von Stigmatisierung zu leiden hatten, profitieren weitaus mehr von der Entwicklung ihrer Persönlichkeit: Wenn es ihnen gelungen ist, über sich selbst hinauszuwachsen und aus dieser Situation „gestärkt“ hervorgehen, zeigen sie eine hohe subjektive Genesung. So trägt die persönliche Entwicklung bei Personen, die wegen einer psychischen Erkrankung diskriminiert wurden, mehr zur Genesung bei als bei Menschen, die wegen körperlicher Leiden oder garnicht stigmatisiert wurden. Um sich geheilt zu fühlen, ist es jedoch nicht zwingend erforderlich, an dieser Krisensituation persönlich gewachsen zu sein. So bezeichnen sich 25 Prozent der Befragten als genesen, ohne bei sich deutliche Fortschritte in der persönlichen Entwicklung feststellen zu können.

Soziale Unterstützung

Die soziale Unterstützung ist von ausschlaggebender Bedeutung. Um an der Krisensituation zu wachsen, kann es hilfreich sein, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen, einem Verein beizutreten oder sich für einen Club zu engagieren. Im Vergleich dazu geben unter Einsamkeit und Isolation leidende Menschen an, ihren Problemen weniger einen Sinn beimessen zu können, selbst wenn diese der Vergangenheit angehören.

Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass sich die Stichprobe aus Personen zusammensetzt, deren gesundheitliche Probleme bereits mindestens zwei Jahre zurückliegen, deren direkte Folgen abgeklungen sind oder die mittlerweile mit diesem Problem umgehen können. Diese Menschen stehen zu Ihren Gesundheitsproblemen, da sie es akzeptieren, über sie zu sprechen. Zudem zeigen diese Personen ein ausgeprägteres, überdurchschnittliches Vertrauen gegenüber anderen. Schweizer Staatsbürger sowie Akademikerinnen und Akademiker waren in der Stichprobe überrepräsentiert, wenngleich ihre persönliche Entfaltung durch Krisensituationen nicht höher ausfällt als bei anderen sozialen Kategorien. 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass besonders verletzbare Personen bei dieser Studie nicht hinreichend berücksichtigt wurden – möglicherweise weil sie ihre Krankheit geheim halten oder weil diese gar nicht diagnostiziert wurde. Darüber hinaus verdeutlicht die Analyse einer Untergruppe mit niedrigen Heilungsquoten, dass diese Personen (10 Prozent) grössere Hemmungen haben, über ihre Krankheit zu sprechen, und sich durch einen geringen persönlichen Wachstum in der Krisensituation auszeichnen. Diese Menschen haben zudem mehr Stigmatisierung und weniger soziale Unterstützung erfahren und gehören weniger häufig Gruppen an.

Empfehlungen

Die wichtigste Botschaft, die Hannah Klaas mit ihrer Doktorarbeit vermittelt sehen möchte, ist die, dass psychische Erkrankungen nicht tabuisiert werden sollten und „sogar positive Entwicklungen bedingen können, wie zum Beispiel die Fähigkeit, sich seiner eigenen Stärken bewusst zu werden und toxische Beziehungen zu beenden.“ Sie ruft dazu auf, verstärkt Selbsthilfegruppen ins Leben zu rufen. Diese haben für sie den Zweck, den betroffenen Personen zur Entwicklung einer positiven Identität zu verhelfen und Stigmatisierung stärker zu bekämpfen, „denn Menschen lassen sich nicht auf ihre Erkrankung reduzieren.“

Der Forscherin zufolge bedarf es für die Betroffenen und ihre Angehörigen noch weiterer Online-Informationen zu den Möglichkeiten der Genesung und der persönlichen Entfaltung in Krisensituationen. Um dieses Phänomen besser zu verstehen, sollten auch Kampagnen in Schulen durchgeführt werden: „Man lernt etwas über Krebserkrankungen, aber nie etwas über Depressionen. So ist zum Beispiel weitgehend unbekannt, dass die Hälfte aller von Depressionen Betroffenen im Verlauf ihres Lebens nur eine einzige Krankheitsepisode erleben.“

>> Hannah Klaas (2018). Identity, adversarial growth and recovery from mental and physical health problems. Under the supervision of Dario Spini. Université de Lausanne

Neues LIVES Video : „Irreführende Normen - Die ganz gewöhnliche Geschichte von Louise“

Der Nationale Forschungsschwerpunkt LIVES hat einen 6-Minuten langen Animationsfilm über den Lebensverlauf einer Frau in der Schweiz produziert. Er zeigt die verschiedenen Etappen, die von einer problemlosen Kindheit in die Verletzbarkeit im Alter führen können. Die Resultate verschiedener wissenschaftlicher Studien über geschlechtsspezifische Ungleichheiten der LIVES Mitglieder haben diese Geschichte inspiriert.

Realisation : y-en-a·com sàrl

Alle LIVES Videos sind auf Viméo

iStock © skynesher

Acht Prozent Working Poor in der Schweiz. Ohne Sozialtransfers wäre die Quote doppelt so hoch

In einem Artikel für die Reihe Social Change in Switzerland zeigt Eric Crettaz die vier Mechanismen auf, die zu Erwerbsarmut in der Schweiz führen. Er verwendet neue Daten, um neben der monetären Armut auch das Phänomen der materiellen Entbehrung zu untersuchen. Seine Analyse zeigt, welche Personengruppen am stärksten betroffen sind. Das Sozialversicherungssystem ermöglicht es, die Zahl der von Armut betroffenen Arbeitnehmer¬innen und Arbeitnehmer zu halbieren.

Erwerbsarmut ist in der Schweiz eine Realität. Rund acht Prozent der Haushalte, in denen mindestens eine Person erwerbstätig ist, verdienen weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens. Ohne die verschiedenen Formen sozialer Transferleistungen läge der Anteil der «Working Poor» in der Schweiz bei 15 Prozent.

Anhand der Daten aus der SILC-Erhebung (Survey on Income and Living Conditions) 2015 misst Eric Crettaz neben der monetären Armut auch die Quote der materiellen Entbehrung. Materielle Entbehrung ist gegeben, wenn aus finanziellen Gründen drei von neun Indikatoren fehlen, wie beispielsweise die Möglichkeit, in den Urlaub zu fahren, eine unvorhergesehene Ausgabe zu decken, die Wohnräume angemessen zu beheizen, verschiedene Gebrauchsgegenstände zu besitzen usw.

Die Quote der materiellen Entbehrung verweist somit auf eine dauerhaft schwierige finanzielle Situation und liegt in der Schweiz bei drei Prozent der Haushalte mit erwerbstätigen Mitgliedern. Betroffen sind hauptsächlich gering qualifizierte Personen unter 40 Jahren, die aus Ländern ausserhalb Europas zugewandert sind, sowie Einelternhaushalte. Paare mit mehr als drei Kindern sowie Selbständigerwerbende sind zwar unter den «Working Poor» besonders stark vertreten, von materieller Entbehrung jedoch in geringerem Masse betroffen.

Dieser Unterschied erklärt sich insbesondere durch die vier Mechanismen, die gemäss Eric Crettaz zu Erwerbsarmut führen: ein unterdurchschnittliches Arbeitspensum der Mitglieder des Haushalts; ein tiefes Lohnniveau; mehrere Kinder pro erwachsener Person; keine oder ungenügende soziale Transferleistungen, insbesondere wenn Leistungsansprüche nicht geltend gemacht werden. Alleinerziehende und Personen mit Migrationshintergrund sind daher sowohl von der monetären Armut als auch von materieller Entbehrung besonders stark betroffen, da bei ihnen mehrere dieser Faktoren aufeinandertreffen.

>> Crettaz, E. (2018). Working Poor in der Schweiz: Ausmass und Mechanismen. Social Change in Switzerland No 15. Retrieved from https://www.socialchangeswitzerland.ch

Kontakt:  Eric Crettaz, +41 22 388 95 32, eric.crettaz@hesge.ch

Die Reihe Social Change in Switzerland dokumentiert laufend die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz. Die Reihe wird gemeinsam herausgegeben vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS, vom Zentrum für die Erforschung von Lebensläufen und Ungleichheiten der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Lausanne LINES, sowie vom Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES).  Ziel der Reihe ist es, Veränderungen bezüglich Arbeit, Familie, Einkommen, Mobilität, Stimmrecht oder Geschlechterverhältnisse aufzuzeigen. Die Beiträge beruhen auf wissenschaftlichen Untersuchungen und richten sich an ein breiteres Publikum.

iStock © Dean Mitchell

Bei der Bewältigung von Trauer und Scheidung erobert die Online-Psychologie die frankophone Welt

Ein Team von Forschenden des Fachbereichs Psychologie der Universität Lausanne plant, ein sehr erfolgreiches Experiment aus der deutschen Schweiz zu replizieren, bei dem Personen, die einen geliebten Menschen verloren haben, über das Internet unterstützt werden. Auf die erste französische Ausgabe dieser Online-Therapie soll eine zweite folgen, mit der eine grössere Zahl Menschen in der ganzen Welt erreicht werden soll. Ermittelt werden soll bei diesem Projekt vor allem, ob diese Methode auch ohne Begleitung Erfolg hat.

Der Tod eines Ehepartners/einer Ehepartnerin sowie Scheidung und Trennung gehören zu den als am stressigsten empfundenen Einschnitten im Lebensverlauf und manche Menschen erholen sich nur schwer davon. Dabei weisen die beiden genannten Situationen zahlreiche Ähnlichkeiten auf: So wird in beiden Fällen die Spannung zwischen der objektiven Realität und der von der oder dem Hinterbliebenen empfundenen Realität als zu gross empfunden.

Während die meisten Menschen nach einigen Monaten wieder einen Sinn in ihrem Leben sehen, zeigen 10 bis 15 Prozent der Personen, die einen der zuvor beschriebenen Verluste erlitten haben, komplexere Trauersymptome. Diese äussern sich neben vielen anderen Zeichen insbesondere durch intensives und dauerhaftes Leiden über einen Zeitraum von sechs Monaten hinaus, ständiges Grübeln und die offensichtliche Schwierigkeit, den Verlust zu akzeptieren, das Gefühl von Identitätsverlust und die Unfähigkeit, sich das künftige Leben ohne den anderen vorzustellen.

Ein allgemein anerkanntes Leiden

Die amerikanische Gesellschaft für Psychiatrie hat die Störung einer komplexen und dauerhaften Trauer 2013 in das Diagnostische und Statistische Manual mentaler Störungen (DSM) aufgenommen. Und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beabsichtigt für 2018, die Diagnostik einer anhaltenden Trauerstörung der 11. Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (CIM-11) hinzuzufügen.

In diesem Zusammenhang scheint die computergestützte Therapie ein wirksames Mittel zur Überwindung einer pathologischen Trauer zu sein. Dies verdeutlichte eine von 2016 bis 2017 von einem Team der Universität Bern im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES erfolgreich durchgeführte Studie, die auch mit einer Reihe von durch Prof. Thomas Berger bekannt gewordenen Internet-Selbstheilungsprogrammen im Zusammenhang steht.

Das Projekt der Online-Trauerbegleitung wird zurzeit unter dem Namen LIVIA auf die Romandie und Frankreich ausgedehnt. Dies ist dem Engagement von Prof. Valentino Pomini und Dr. Anik Debrot, Dozentin am Institut für Psychologie der Universität Lausanne, beide Mitglieder des IP212 des NFS LIVES, zu verdanken. Eine Doktorandin sowie mehrere Master-StudentInnnen sind ebenfalls an dieser Forschungsarbeit beteiligt.

Die Ergebnisse übertreffen die Erwartungen

In Bern hat der in Zusammenarbeit mit Prof. Berger durchgeführte Versuch von Prof. Hansjörg Znoj und Dr. Jeannette Brodbeck Ergebnisse hervorgebracht, die „die Erwartungen bei Weitem übertreffen,“ betont das Team aus Lausanne. Im Rahmen der LIVIA-Studie wurden 110 Personen untersucht, die Schwierigkeiten mit der Trauerbewältigung hatten. Hierbei wurden die Entwicklungen der Teilnehmenden einer Online-Therapie mit einer Gruppe von ProbandInnen verglichen, die noch auf der Warteliste standen.

Innerhalb von sechs Wochen nahmen Ausmass und Ausprägung von schweren psychischen Beschwerden, Depressionen, Verbitterung und Einsamkeit der PatientInnen im Vergleich zu den negativen Gefühlen der Kontrollgruppe deutlich ab. Ihre Lebenszufriedenheit verbesserte sich zudem ganz erheblich.

Beratung und praktische Übungen

Die Therapie beginnt mit einer Reihe von Informationen, die den Prozess der Trauerarbeit näher beschreiben. Daran schliessen sich eine Beratung sowie praktische Übungen an, die den Teilnehmenden dabei helfen sollen, die Realität zu akzeptieren und sich ihr anzupassen. Sie sollen sich ihr Leiden eingestehen, aber auch eine neue Art der Verbindung mit der verlorenen Person knüpfen. Bei unserem Berner Experiment erfuhren die Teilnehmenden auch immer wieder Ermutigung und mussten Antworten auf bestimmte Fragen finden. Damit sollten sie so gut wie möglich motiviert werden, mögliche Schwierigkeiten zu überwinden und die Anforderungen des Programms zu erfüllen.

Den Forschenden zufolge bietet eine Online-Therapie zahlreiche Vorzüge: Die Massnahme wird anonym durchgeführt und ist leicht zugänglich; zudem ist sie sehr kostengünstig und hängt nicht von Qualität oder Verfügbarkeit eines/r Arztes/Ärztin ab. Der Patient kann dabei seinen Rhythmus selbst bestimmen. Dieses Aspekts wird sich die französische Version verstärkt annehmen, bei der es zudem möglich sein wird, die Reihenfolge der Massnahmen selbst zu bestimmen.

Ohne Anleitung per E-Mail

Das Projekt der Universität Lausanne wird in zwei Schritten durchgeführt: In einer ersten Pilotphase wird das LIVIA-Programm in französischer Sprache auf der Grundlage des Modells der deutschen Version zur Verfügung gestellt. Es werden jedoch parallel dazu keine weiteren Nachrichten versendet. Man geht hierbei von der Prämisse aus, dass das Projekt ohne E-Mail-Anleitung zu genauso guten Ergebnissen gelangt.

In einer zweiten Phase soll eine neue französische LIVIA-Version mit kürzeren, stärker standardisierten Modulen erprobt werden. In dieser Phase sind ausserdem Videos und ein Diskussionsforum für die Teilnehmenden geplant. Die zur Verfügung gestellten Informationen und Aufgaben werden stärker von den neuesten Erkenntnissen der positiven Psychologie geprägt sein, um besser auf die vier psychologischen Grundbedürfnisse eingehen zu können, die in Orientierung und Kontrolle, Bindung, Vergnügen und Selbstwert bestehen.

300 Millionen frankophone Muttersprachler

Anik Debrot zufolge „erleben die Online-Therapien gerade einen Boom, wenngleich nur wenige von ihnen bereits wissenschaftlich in französischer Sprache getestet wurden und in dieser Sprache im Hinblick auf die Trauerarbeit auch noch nichts validiert wurde.“

Doch mit 300 Millionen frankophonen Muttersprachlern gibt es eine hohe Zahl potentieller PatientInnen. Wenn sie genauso gut wie geführte Massnahmen funktioniert, könnte die Online-Therapie ohne weitere Begleitung, die stärker standardisiert ist und mehr Flexibilität bietet, somit eine viel grössere Anzahl an Personen erreichen.

Nur wenig Raum für Trauer

In einer Zeit, in welcher der Tod mit weniger religiösen und sozialen Riten als in der Vergangenheit verbunden und das Phänomen der Scheidung weit verbreitet ist, kann jeder von komplizierter Trauerarbeit betroffen sein, ohne dass er oder sie immer den nötigen Raum fände, das Tief hinter sich zu lassen.

Das LIVIA-Projekt, das von der waadtländischen Ethikkommission für die Forschung am Menschen gutgeheissen wurde, könnte somit eine willkommene Hilfe für all diejenigen sein, die im stillen Kämmerlein um den Verlust einer geliebten Person trauern und bisher nicht die geeigneten Mittel gefunden haben, um wieder auf die Beine zu kommen. Alle, die an einer Teilnahme interessiert sind, können sich gern bei unserem Team melden.

 >> Kontakt: Anik Debrot, anik.debrot@unil.ch, 021 692 32 88

>> Registrierung online (auf Französisch)

iStock © chaz

Sexualität der jungen Erwachsenen in der Schweiz: in 20 Jahren hat sich Vieles geändert

Die Sexualität junger Menschen ist im Allgemeinen gesund – dies ist das Fazit einer gross angelegten Studie zum sexuellen Verhalten junger Erwachsener in der Schweiz. Die Studie wurde durchgeführt vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin (IUMSP) des Universitätsspitals Lausanne in Zusammenarbeit mit dem UniversitätsSpital Zürich.

7142 junge Menschen im Alter zwischen 24 und 26 Jahren beantworteten im zweiten Halbjahr 2017 einen Online-Fragebogen zu ihrer Sexualität. Die Studie wurde von einer Forschergruppe des IUMSP/CHUV, des nationalen Forschungszentrums LIVES der Universität Lausanne und des Universitätsspitals Zürich durchgeführt. «Insgesamt haben die meisten jungen Erwachsenen in der Schweiz eine gesunde Sexualität», resümiert Prof. Joan-Carles Suris vom IUMSP, Leiter der vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanzierten Studie.

Zum Zeitpunkt der Befragung befanden sich 75% in einer stabilen Beziehung, die sie durchschnittlich im Alter von 22 Jahren eingingen. 95% der Befragten hatten in ihrem Leben bereits mindestens einen Sexualpartner, 86% hatten ausschliesslich sexuelle Kontakte zum jeweils anderen Geschlecht. Das Durchschnittsalter des ersten sexuellen Kontakts lag bei knapp 17 Jahren. Fast alle Befragten haben bereits Oralverkehr (96%) und vaginale Penetration (95%) praktiziert. 49% der Männer und Frauen gaben an, Analsex gehabt zu haben. Nur eine sehr kleine Minderheit gab an, Sex in Gruppen zu praktizieren oder Medikamente zu nehmen, um die sexuelle Leistungsfähigkeit zu steigern.

Das Internet beeinflusst das Verhalten

Durch das Aufkommen des Internets hat sich in den letzten Jahrzehnten auch die Sexualität verändert. Mehr als die Hälfte der jungen Leute, d.h. 62% der Männer und 44% der Frauen, haben bereits eine Dating-Plattform genutzt. 48% der Männer und 43% der Frauen trafen sich mit einer Online-Bekanntschaft. 36% der Befragten hatten bereits Online-Kontakte mit erotischem Inhalt (28% der Frauen). 35% der Männer und 22% der Frauen hatten Sex mit jemandem, den sie zuerst online kennengelernt hatten.

Verhütung 

93% der Befragten verhüten beim ersten Geschlechtsverkehr, meistens mit einem Kondom. «Es ist erfreulich zu sehen, dass ein so hoher Anteil junger Erwachsener verhütet, auch wenn natürlich eine Rate von 100% wünschenswert wäre», sagt Prof. Brigitte Leeners, Leitende Ärztin der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie am UniversitätsSpital Zürich (USZ). Beim letzten Geschlechtsverkehr waren Kondome (54%) und die Pille (45%) die gebräuchlichsten Verhütungs- und Schutzmethoden. Fast die Hälfte aller Frauen hat bereits die Pille danach genommen. Obwohl Kondome relativ häufig eingesetzt werden, wurde schon bei 10% der Befragten eine sexuell übertragbare Infektion (STI) diagnostiziert. Insgesamt haben 45% der jungen Menschen einen HIV-Test durchführen lassen.

Frauen gaben häufiger als Männer an, sexuelle Kontakte gehabt zu haben, ohne diese wirklich gewünscht zu haben (53%, gegenüber 23% bei den Männern). Als Erklärung hierfür führten die meisten Befragten an, sie hätten damit eine gute Beziehung zu ihrem Partner aufrechterhalten wollen. 16% der Frauen berichteten, sexuellen Missbrauch oder Vergewaltigung erlebt zu haben, verglichen mit 2,8% der Männer. Eine kleine Minderheit der Befragten (3,7% bei Männern, 2,8% bei Frauen) tauscht sexuelle Gefälligkeiten gegen Geld, Geschenke oder Vergünstigungen aus.

Ansprechpartner für Fragen :

  • Prof Joan-Carles Suris, CHUV, Institut universitaire de médecine sociale et préventive, 021 314 73 75 / 079 556 84 29 joan-carles.suris@chuv.ch (français)
  • Prof Brigitte Leeners, Universitätsspital Zürich, Klinik für Reproduktions-Endokrinologie, 044 255 50 09 Brigitte.Leeners@usz.ch (allemand)
>> Barrense-Dias, Y., Akre, C., Berchtold, A., Leeners, B., Morselli, D., Suris, J-C. (2018). Sexual health and behavior of young people in Switzerland. Lausanne, Institut universitaire de médecine sociale et préventive.
Soziale Arbeit und Lebenslauf im Zeichen der Beschleunigung

Soziale Arbeit und Lebenslauf im Zeichen der Beschleunigung

Der 4. Internationale Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Soziale Arbeit (SGSA/SSTS) widmet sich den Veränderungen der Sozialen Arbeit in einer Gesellschaft, die in Verbindung mit dem entfesselten Wettbewerb charakteristisch für den zeitgenössischen Kapitalismus von der sozialen und technischen Be- schleunigung gezeichnet ist. Es wird von 12. bis 13. September 2018 in Hochschule für Soziale Arbeit und Gesundheit | EESP Lausanne (Schweiz) statt.

Lebensverläufe werden durch die Unsicherheiten der sozialen und politischen Institutionen, der familiären Beziehungen und der Arbeit zunehmend verwundbar; gleichzeitig in- tensiviert die wachsende Ungleichheit die Lebensrhythmen der Erwerbstätigen, aber auch die Erwerbslosigkeit jener Personen, die vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind. In einem derartigen Kontext stehen Menschen und Institutionen unter dem Einfluss einer steigenden Zahl von Knotenpunkten, Übergängen und kritischen Lebenssituationen und –ereignissen, die, wie es scheint, in immer dichter werdenden Zeiträumen erfahren werden. Wie wandelt sich die Soziale Arbeit angesichts dieser Veränderungen? Wie entwickeln sich die sozialen Probleme? Wie und mit welchen Folgen für die Betroffenen verändern sich die zur Lösung eingesetzten Tech- niken (und Technologien)?

Der Kongress geht diesen Fragen nach, indem drei Schwerpunkte verfolgt werden. Der erste Schwerpunkt hinterfragt die Zusammenhänge zwischen Beschleunigung und Sozialpolitik; der zweite Schwerpunkt unter- sucht die Lebensverläufe der Adressatinnen und Adressaten der Sozialen Arbeit während der dritte Schwer- punkt die Veränderungen der Sozialen Arbeit in den Blick nimmt, die eine Vervielfachung der Akteure und Akteurinnen der sozialen Intervention herbeiführen.

Beschleunigung und Sozialpolitik

Die soziale Beschleunigung hat Folgen für die politische Funktionsweise liberaler westlicher Demokratien und deren Entscheidungs- und Implementierungsmodi, die dazu tendieren, Gesetze durch fluide Verfahrensvor- schriften zu ersetzen (Scheuerman, 2004). Die Sozialpolitik ist ebenfalls von diesem Prozess betroffen. Beiträge, die sich diesem ersten Schwerpunkt zuordnen, sollten bestrebt sein, den sozialpolitischen Wandel im Kontext des zeitgenössischen Kapitalismus zu überdenken, hinterfragen und konzeptualisieren. Folgende Fragen sind insbesondere von Interesse: wie sind die Veränderungen hinsichtlich der sozialen und technolo- gischen Beschleunigung zu analysieren? In welchem Masse führen sie zu Veränderungen der Vorstellungen, Methoden und Praxen der Sozialen Arbeit? Wie kann man die Zeitstrukturen der sozialen Interventionen (über)denken? Welche Interventionen oder soziale Innovationen begleiten die soziale und technologische Be- schleunigung? Was sind die Folgen der Beschleunigung auf Verwaltungs-, Regulierungs- und Bürokratisie- rungsformen sowie auf Kriterien der Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit von Sozialpolitiken? Wie und in wel- chem Bereich finden Lastenverschiebungen zwischen der öffentlichen und der privaten Sphäre, zwischen Staat, Philanthropie und Familie statt?

Soziale Arbeit den Lebensläufen entsprechend denken

Der zweite Schwerpunkt ist auf die Lebensläufe der Adressaten und Adressatinnen der Sozialen Arbeit fokus- siert. Lebensläufe sind das Produkt einer Vielfalt von Normen, Verfahren und mehr oder weniger formellen Regeln, die administrativ und institutionell eingerahmt sind. Vor diesem Hintergrund tritt das Alter (wie das Merkmal Geschlecht u.a.) als naturalisierte Ordnungskategorie hervor (Perriard & Tabin, 2017). Beiträge, die sich diesem zweiten Schwerpunkt widmen, konzentrieren sich auf folgende Fragen: wie entfalten sich Lebens- verläufe einer Klientel der Sozialen Arbeit, die dazu aufgerufen ist, in immer kürzer werdenden Zeiträumen sich zu aktivieren, sich neu zu erfinden oder Verantwortung für sich selbst zu tragen (Ravon & Laval, 2015)? Wie ist diese Klientel mit standardisierten Massnahmen zu begleiten, wenn Lebensläufe unsicherer werden, sich destandardisieren und die Status weniger stabil und kürzer sind?

Wie passen sich Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen an kritische Ereignisse, Übergänge und biografische Knotenpunkte an? Wie integriert die Soziale Arbeit die Lebensverlaufsperspektive in die Alltagspraxis und ihre Reflexion? Wie berücksichtig sie – oder nicht – die in sozialen Machtverhältnissen eingebetteten Kategorien Alter, Geschlecht, Rasse oder Klasse? Und welche Herausforderungen stellen schliesslich die individuellen und sozialpolitischen Dimensionen der Lebensverlaufsperspektive der Forschung und Lehre der Sozialen Arbeit?

Vervielfachung der Akteure und Akteurinnen und Rekonfigurationen der sozialen Intervention

Die Veränderungen des Kapitalismus haben zur Folge, dass Bevölkerungsgruppen ihre Lebensräume verlassen müssen und somit die Grenzen der Nationalstaaten in Frage gestellt werden. Dieser Prozess zieht eine wachsende Komplexität der Sozialen Arbeit nach sich, indem er die Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen vor die Heraus- forderung stellt, zumeist auf lokaler Ebene Antworten auf die Internationalisierung der sozialen Probleme, die durch die (De-)Kolonisation herbeigeführten Problemstellungen sowie die Folgen von so genannten Naturkata- strophen zu suchen. Sie sind in der paradoxen Situation, gleichzeitig die Lebensqualität ihrer Klientel auf indivi- dueller Ebene fördern und den durch neoliberale Managementformen und Bürokratisierungspraktiken vorgege- benen Forderungen nach Rationalisierung, Wirtschaftlichkeit und Wirksamkeit nachkommen zu müssen (Domi- nelli, 2010). Einige Länder regulieren die Zugangs- und Ausübungsbedingungen der Sozialen Arbeit stärker als andere und tendieren dazu, sie als Profession zu begründen und zu stärken. Andere Länder wiederum stellen die Professionalisierung allgemein in Frage. Diese zweite Variante schwächt die Stellung von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern (Vranken, 2012), verstärkt die Deprofessionalisierung und führt zur Vervielfachung der Akteu- rinnen und Akteure der sozialen Intervention. In jedem Fall lassen sich modifizierte oder neue Konfigurationen der Handlungspraktiken und Interventionsmethoden beobachten.

>> Programm

Organisationskomitee:

Isabelle Csupor, Valérie Hugentobler, Pascal-Eric Gaberel, Morgane Kuehni, Mauro Mercolli, Jean-Pierre Tabin (HES-SO // HETS&Sa | EESP | Lausanne)
Laurence Bachmann, Francis Loser (HES-SO // HETS-Genève)
Jean-François Bickel (HES-SO // HETS-Fribourg)
Barbara Waldis (HES-SO // Valais)
Spartaco Greppi (SUPSI)
Jean-Michel Bonvin, Pascal Maeder, Dario Spini (LIVES)

Kontakt : Khadija Hemma, Project Coordinator (HES-SO // HETS&Sa | EESP | Lausanne)

iStock © jessekarjalainen

LIVES-Preis geht an Expat-Akademiker, der über Wohnverhältnisse und Wohlergehen im Alter forscht

Anlässlich der Eröffnung der Jahrestagung der Society for Longitudinal and Lifecourse Studies (SLLS) wurde Dr. Bram Vanhoutte der LIVES Best Paper Award for Early Scholars mit einer Dotierung von 2'000 Euro verliehen. In seinem Artikel gelingt es dem Forscher, anhand empirischer Indikatoren wie Dauer, Zeitpunkt und Abfolge von Wohnphasen auf gekonnte Weise drei wichtige Lebensverlaufskonzepte herauszuarbeiten. Die Ergebnisse belegen insbesondere eine bestehende positive Verknüpfung zwischen langfristigem Wohneigentum und späterem Wohlergehen. Zudem veranschaulichen sie, dass sich häufiges Umziehen je nach Lebenslage unterschiedlich auf das Wohlergehen im Alter auswirkt. Festgestellt wird, dass bei Umzügen in der Kindheit keine Verknüpfung, bei häufigem Umziehen im frühen Erwachsenenalter eine eher positive und bei Umzügen in der Lebensmitte eine eher negative Verknüpfung besteht.

Als junger Belgier, der in England arbeitet und wie viele andere im frühen Erwachsenenalter häufig den Wohnsitz wechselt, hat Bram Vanhoutte gute Chancen darauf, später ein glücklicher Mensch zu sein. Die Wahrscheinlichkeit wird weiter steigen, wenn er irgendwann selbst Wohneigentum erwirbt. Der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität Manchester hat indessen derzeit einen sehr triftigen Grund, mit sich und der Welt zufrieden zu sein: Sein Artikel zu Wohnphasen im Lebensverlauf wurde 2018 mit dem LIVES Best Paper Award for Early Scholars ausgezeichnet, was Bram Vanhoutte die Möglichkeit gibt, seine Arbeit auf der SLLS-Tagung in Mailand vorzustellen. Zudem ist der Preis mit 2'000 Euro dotiert.

Der 2017 in der Fachzeitschrift Longitudinal and Life Course Studies veröffentlichte Artikel von Bram Vanhoutte zeigt auf, wie das Wohlergehen im Alter mit Wohnformen in früheren Lebenszyklen, einschliesslich Auslandsaufenthalten, verknüpft ist. Aufbauend auf Daten der English Longitudinal Study of Ageing (ELSA) erbringt seine Studie zum Beispiel den Nachweis, dass eine positive Verbindung zwischen häufigen Umzügen im jungen Erwachsenenalter und Lebenszufriedenheit in späteren Jahren besteht. Demgegenüber kann häufiges Umziehen in der Lebensmitte mit weniger Zufriedenheit im Alter assoziiert sein. Nach Ansicht des Verfassers spiegelt die erste Situation das günstige Ergebnis von erfolgreichen und tiefgreifenden biografischen Übergängen im Lebensverlauf wider, wie beispielsweise Hochschulstudium, Partnerschaft und Familiengründung. Im zweiten Fall können die Umzüge im späteren Lebensverlauf ein Beleg für schwierige Situationen sein wie Scheidung, Verlust des Ehepartners/der Ehepartnerin, Arbeitslosigkeit und Behinderungen.

Vom Konzept zur Evidenz

Bram Vanhoutte greift zurück auf die Konzepte der Anhäufung von Vor- und Nachteilen, kritischen Perioden und sozialer Mobilität und überträgt empirisch diese drei gut bekannten Lebensverlaufsmechanismen mittels der messbaren Beobachtung von Dauer, Zeitpunkt und Abfolge auf den Aspekt der Wohnverhältnisse. Die Daten, die über die Life History Calendars von 7'500 britischen Einwohnern erfasst wurden, beziehen sich auf verschiedene Wohnarten wie Mietwohnung, Wohneigentum, nicht private Unterkunft oder Auslandsaufenthalt. Indem diese vier möglichen Wohnbedingungen anhand der drei genannten Dimensionen Dauer, Zeitpunkt und Abfolge kombiniert werden, können zehn verschiedene Typen von Wohnverläufen identifiziert werden.

Im Weiteren vergleicht Bram Vanhoutte den Grad des Wohlergehens der Befragten im Alter von 50 Jahren und älter mit dem der spezifischen Gruppe, der sie angehören. In diesem Zusammenhang wird das Wohlergehen unter drei verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet (affektiv, kognitiv und eudämonisch, d. h. in Verbindung mit der Lebensfreude der Befragten), wobei diese jeweils durch validierte Bewertungsskalen der Erhebungsmethodik erfasst werden.

Gewinner und Verlierer

In Bezug auf die Dauer zeigen die Ergebnisse von Bram Vanhoutte, dass sich das affektive und eudämonische Wohlergehen einer Person im späteren Lebensverlauf parallel zur steigenden Anzahl der Jahre, die die Person in Miete wohnt, verringert. Längerfristiges Wohneigentum kann häufig mit weniger depressiven Symptomen (und somit einem hohen Grad an emotionalem Wohlergehen) und verbessertem eudämonischen Wohlergehen einhergehen, jedoch nicht unbedingt mit Lebenszufriedenheit (oder, anders ausgedrückt, kognitivem Wohlergehen). Wohneigentum ist in diesem Sinne ein klarer, im Lebensverlauf steigender Indikator für wirtschaftliche Sicherheit und stabile Familienverhältnisse. Der Aspekt der Dauer steht - so gesehen - für das wichtige Konzept kumulativer Nach- bzw. Vorteile.

Der Zeitpunkt bezieht sich auf kritische oder sensitive Perioden und legt nahe, dass bestimmte Wohnverhältnisse je nach Lebensphase als Risiko beziehungsweise günstiges Omen anzusehen sind. Bram Vanhoutte erbringt eindeutig den Nachweis, dass das frühe Erwachsenenalter der günstigste Zeitpunkt für Mobilität ist, während Mobilität im späteren Lebensverlauf vermehrt als schlechtes Zeichen zu werten ist. Im Gegensatz zu seiner Annahme konnten jedoch keine negativen Verknüpfungen zwischen Wohlergehen und häufigem Umziehen in der Kindheit belegt werden, was auch für die am stärksten benachteiligten Personen gilt. Der Verlust sozialer Ressourcen, der sich durch diese häufigen Ortswechsel hätte ergeben können, wurde unter Umständen durch den Ausbau und die Verbesserung des öffentlichen Wohnungswesens in den 1960er-Jahren kompensiert, in deren Folge sich die Lebensbedingungen der untersuchten Kohorten verbesserten, erklärt Bram Vanhoutte.

Letztendlich wird anhand der untersuchten Abfolge von Wohnphasen effektiv die aufwärts und abwärts gerichtete soziale Mobilität belegt, wobei den Worten des Verfassers zufolge Wohnen als „alternativer Indikator für die Position auf der sozialen Leiter“ erscheint. „Unsere Analyse zeigt eindeutig auf, dass das Anmieten von Wohnraum nach dem Aufwachsen in einem Eigenheim, also eine abwärts gerichtete soziale Mobilität, in späteren Jahren im Vergleich zu anderen Wohnverhältnissen mit dem niedrigsten Grad des Wohlergehens verknüpft ist“, fügt Bram Vanhoutte hinzu. Eine Kindheit im Ausland hat eine vorteilhafte Abfolge von Wohnphasen – mit kurzen Zeiten in Internaten und Mietwohnungen – sowie frühes Wohneigentum zur Folge und ist mit sehr grossem Wohlergehen im Alter verknüpft. Dies ist im Kontext des Zerfalls des britischen Weltreichs zu betrachten, in dessen Folge privilegierte englische Familien, die in den Kolonien beschäftigt waren, nach Grossbritannien zurückkehrten.

Relevant und doch kontextabhängig

Die Studie muss insgesamt im Kontext des Vereinigten Königreichs gesehen werden, in dem ein Grossteil der Bevölkerung im Lebensverlauf Wohneigentum erwirbt. Wir sind demnach aufgefordert, über die Bedeutung von Dauer, Zeitpunkt und Ablauf von Wohnphasen in anderen Zusammenhängen nachzudenken. In der Schweiz ist Wohneigentum weniger die Regel; lediglich einer von drei Haushalten bewohnt Eigenheime.

Unabhängig von oder vielleicht gerade aufgrund dieser sorgfältigen kontextuellen Einbindung verlieh die aus leitenden LIVES-Mitgliedern bestehende Jury des LIVES Best Paper Award for Early Scholars Bram Vanhoutte den Preis in Anerkennung der wissenschaftlichen Relevanz seines Artikels für Studien zum Lebensverlauf, seines Längsschnittansatzes und seines wichtigen Beitrags zum Thema der Verletzbarkeit. Bram Vanhoutte hat mithin einen fundierten Forschungsartikel vorgelegt!

>> Vanhoutte, B., Wahrendorf, M., Nazroo, J. (2017). Duration, timing and order: How housing histories relate to later life wellbeing. Longitudinal and Lifecourse Studies: International Journal. Volume 8, Issue 3, pp 227-243

Vulnerabilität in Gesundheitsverläufen: Lebenslaufperspektiven. Schweizerische Zeitschrift für Soziologie

Vulnerabilität in Gesundheitsverläufen: Lebenslaufperspektiven. Schweizerische Zeitschrift für Soziologie

An den Schnittstellen von Gesundheitssoziologie und Lebenslauftheorie publizieren wir in diesem Sonderheft der Schweizerischen Zeitschrift für Soziologie Beiträge zur Erforschung von Gesundheitsverläufen und der Entwicklung gesundheitlicher Verletzbarkeiten im Lebensverlauf. Herausgeber: Stéphane Cullati, Claudine Burton-Jeangros, Thomas Abel.

Sechs Aufsätze präsentieren Ergebnisse aus qualitativen und quantitativen Forschungsprojekten in Europäischen Ländern. Die Beiträge liefern relevante Ergebnisse für die Weiterentwicklung von lebenslauftheoretischen Ansätzen (‘Cumulative Advantage’ und ‘Critical / Sensitive Periods’), sowie neue Einblicke in Bedingungen und Prozesse gesundheitlicher Vulnerabilität.

Inhaltsverzeichnis

>> Quelle und Kontakt: SEISMO

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Die pflegenden Angehörigen und deren politische Vernachlässigung im Zentrum der Familienkonferenz

Am 5. Juni 2018 fand an der Universität Genf die dritte Veranstaltung der Genfer „Assises de la famille“ statt. Bei der von der Organisation Avenir Familles mit Unterstützung der Familienbeobachtungsstelle und des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES organisierten Tagung mit Referaten und Workshops konnte den Problemen und Erwartungen der pflegenden und betreuenden Angehörigen auf den Grund gegangen werden, die kaum institutionelle Unterstützung und Anerkennung erhalten, obschon das Schweizer Gesundheitssystem ohne ihren Einsatz komplett überfordert wäre.

Rund jeder zehnte Erwachsene in der Schweiz wendet jede Woche Zeit auf, um einen kranken oder älteren Familienangehörigen zu unterstützen. Ohne diese freiwillige Betreuungsarbeit kämen Kosten in Höhe von 3,5 Milliarden Franken auf das öffentliche Gemeinwesen zu. Und die Bedürfnisse dürften mit zunehmender Alterung der Bevölkerung noch weiter steigen. So geht man beispielsweise davon aus, dass sich die Zahl der Alzheimer-Patienten in den nächsten zwanzig Jahren verdoppeln wird. Derweil fehlt es schon heute an Pflegekräften, sodass sich die Institutionen gezwungen sehen, Personal im Ausland zu rekrutieren.

In diesem potenziell explosiven Kontext fanden sich am 5. Juni an der Uni Mail im Rahmen der Assises de la famille rund 50 Teilnehmende ein, um über die komplexen und mitunter angespannten Familiendynamiken zu sprechen, in denen pflegende und betreuende Angehörigen tätig sind. Ausserdem wurde hierbei die Notwendigkeit deutlich, ihre Probleme auf die politische Agenda zu setzen.

Eine zunehmend wichtigere Rolle

„Den pflegenden Angehörigen kommt bei der Betreuung der verletzlichsten Personen eine immer bedeutendere Rolle zu. Sie sind für den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft mittlerweile unentbehrlich geworden,“ erklärte der Genfer Staatsrat Mauro Poggia in seiner Eröffnungsansprache. Gleichzeitig räumte der Magistrat aber auch ein, dass es sowohl auf Bundesebene als auch auf kantonaler Ebene schwierig sei, eine echte institutionelle Unterstützung für die pflegenden Angehörigen zu erwirken.

Der in einem Aktionsplan des Bundes1 von 2014 erwähnte „Erlass einer rechtlichen Grundlage für einen Betreuungsurlaub – mit oder ohne Lohnfortzahlung – oder alternative Unterstützungsmöglichkeiten für längere pflegebedingte Abwesenheiten“ ist beispielsweise immer noch in Prüfung. Und auch im Kanton Genf verspricht das Unterstützungsprogramm für pflegende und betreuende Angehörige 2017-2019, „die Umsetzbarkeit einer direkten Betreuungszulage zu prüfen“.

Bis dahin hat der Kanton die Hotline Proch’Info (058 317 7000) und eine Internetseite mit einigen Informationen eingerichtet, wobei er verspricht, darüber nachzudenken, „wie das Entlastungsangebot erweitert werden kann“ (www.ge.ch/dossier/ge-suis-proche-aidant).

Denn selbst wenn die betreuenden Angehörigen nicht auf irgendeine Entschädigung hoffen, sind sie einem enormen familiären und sozialen Druck ausgesetzt und würden von Zeit zu Zeit gern mal eine Verschnaufpause einlegen. Dies geht aus den verschiedenen Präsentationen und Diskussionsrunden der Tagung vom 5. Juni klar hervor.

Erschöpfung und Eingesperrtsein

Séphanie Pin, heute Bereichsleiterin am Institut für Sozial- und Präventivmedizin des Universitätsspitals Lausanne (CHUV), präsentierte die Ergebnisse der Studie AGEneva Care, welche 2015 im Auftrag des IMAD im Rahmen des NFS LIVES durchgeführt wurde. Diese Forschungsarbeit, die sich mit fast 300 pflegenden Angehörigen beschäftigte, von denen die meisten ältere Personen aus ihrem persönlichen Umfeld betreuen, verdeutlichte, dass zwei Drittel der Befragten an Erschöpfung leiden und die Hälfte der Betreuenden niemanden hat, der sie entlasten könnte.

Die Ehepartner und Ehepartnerinnen, welche 37 Prozent der befragten betreuenden Angehörigen stellen, leiden insbesondere unter einem Gefühl des Eingesperrtseins. Die Kinder der betreuten Personen – überwiegend Frauen und insgesamt mehr als die Hälfte der pflegenden Angehörigen – leisten während durchschnittlich 25 Wochenstunden sehr vielfältige und mitunter stark belastende Tätigkeiten, wobei 59 Prozent dieser Betreuenden zudem gleichzeitig berufstätig sind.

Obwohl alle im Rahmen der Genfer Studie befragten pflegenden Angehörigen eine gute Beziehung zur betreuten Person unterhalten, nimmt ihre Lebenszufriedenheit mit zunehmender Zahl an Betreuungsstunden signifikant ab. Das Bedürfnis, abgelöst zu werden oder eine Pause einzulegen, ist bei der grossen Mehrheit der Befragten das am häufigsten genannte Problem. Demgegenüber gaben weniger als 15 Prozent der befragten pflegenden Angehörigen an, unter finanziellen Schwierigkeiten zu leiden.

Eine ergänzende dreiteilige Forschungsarbeit der Familienbeobachtungsstelle an der Universität Genf, welche bei der Tagung ebenfalls vorgestellt wurde, hat dieses Bild um weitere Erkenntnisse bereichert.

Familiäre und praktische Hilfe von Angehörigen

Für den quantitativen Teil wurden im Rahmen der von Olga Ganjour und Eric Widmer anhand der Daten der VLV-Studie durchgeführten Analysen, die sich auf 700 Rentnerinnen und Rentner in Genf beziehen, die von pflegenden Angehörigen geleistete familiäre Hilfe mit den formellen Betreuungsangeboten verglichen, die von institutionellen oder privaten Drittanbietern bereitgestellt werden.

Dabei stellt man fest, dass sich die Familien hauptsächlich für die familiäre Betreuung engagieren, um die betagte Person zu beaufsichtigen oder etwas mit ihr ausserhalb des Hauses zu unternehmen. Eine nicht unbedeutende Minderheit der betreuenden Angehörigen übernimmt jedoch auch andere Aufgaben, wie zum Beispiel das Einkaufen, die Pflege von Haus und Garten, das Kochen oder erledigt administrative Aufgaben.

Diese praktische Hilfe im familiären Umfeld generiert erheblich mehr Spannungen innerhalb der Familie als die rein familiäre Betreuung. Diese Beobachtung bestätigt auch der qualitative Teil der Studie unter der Leitung von Myriam Girardin. Der Forscherin zufolge „ist die Betreuung zwischen Ehepartnern mehr oder weniger selbstverständlich. Wird diese jedoch von den Kindern erbracht, kompliziert sich die Situation, da diese anderweitige berufliche, familiäre und soziale Verpflichtungen haben.“

Innerfamiliäre Spannungen

Ihre Gespräche mit pflegenden Angehörigen aus der der betreuten Person nachfolgenden Generation haben gezeigt, dass es aufgrund von Prioritätskonflikten oft zu Spannungen zwischen dem betreuenden Angehörigen und anderen Familienmitgliedern des Betreuenden kommt, etwa dem Ehepartner, den Geschwistern oder den eigenen Kindern.

„Wir haben uns nicht mehr viel zu sagen“, erklärte eine betreuende Angehörige mit Blick auf ihre 12-jährige Tochter. „Am Abend bin ich völlig erschöpft (…), sie fühlt sich nicht wirklich geliebt und findet, dass man ihr nicht genug zuhört. Ich habe nicht die Geduld, mich mit ihr so zu beschäftigen, wie es eine Mutter tun müsste.“

Diese Erschöpfung treibt viele pflegende Angehörige in die soziale Isolation und schwächt ihre eigene Gesundheit. Manche erleiden dann einen Zusammenbruch und müssen übereilt formelle kostenpflichtige Dienste in Anspruch nehmen, wie professionelle Betreuer zu Protokoll gaben, die im Vorfeld der Assises befragt wurden; über diese und ähnliche Erfahrungen berichtete Marie-Eve Zufferey-Bersier, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Beobachtungsstelle und treibende Kraft der Organisation Avenir Famille.

Ein gesellschaftlicher Status

Die Workshops am Nachmittag boten Gelegenheit für einen vertieften Gedankenaustausch über die Rollenteilung zwischen Familien und Institutionen, die Bedürfnisse der pflegenden Angehörigen, ihre Kenntnis des bestehenden Netzwerks und den Zugang zu den entsprechenden Diensten sowie über die Frage des vielerorts geforderten gesellschaftlichen Status als pflegender Angehöriger.

Ein solcher gesellschaftlicher Status würde nach Auffassung der Teilnehmenden der Assises de la famille einen besseren Zugang zu bestimmten Leistungen, wie Schulungen oder Auskünften, und schliesslich auch zu materieller und menschlicher Unterstützung ermöglichen, um sie zu entlasten.

„Die Autonomie ist in unserer Gesellschaft eine so starke soziale Norm, dass sie die betreuenden Angehörigen und die betreuten Personen oft daran hindert, sich ihre Bedürfnisse einzugestehen», betonte Claudine Burton-Jeangros, Professorin für Gesundheitssoziologie an der Universität Genf, in ihrem Resümee der Diskussionen aus ihrem Workshop. „Es bedarf noch einer öffentlichen Debatte darüber, was man diesbezüglich von jedem Einzelnen erwarten darf“, fügte sie hinzu.

Die generationelle Herausforderung

Die Forschungsarbeiten der Familienbeobachtungsstelle verdeutlichen jedenfalls, dass die Schweizer Gesellschaft nicht alles von den pflegenden Angehörigen erwarten darf. Wie Professor Eric Widmer bemerkte, „ist die Familie kein Muss, kein Automatismus, und sie dürfte dies in Zukunft zweifellos noch weniger sein. Sie ist ein persönliches Konstrukt, welches sich im Lebensverlauf jedes Einzelnen entwickelt. Wenn die pflegenden und betreuenden Angehörigen die Lösung der Zukunft sind, ist es höchste Zeit, dass wir uns konkret darüber Gedanken machen, wie wir die hiervon betroffenen Familien unterstützen können. Vor dem Hintergrund der genrationsübergreifenden Beziehungen ist dies eine enorme Herausforderung.“

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In Frankreich versandet die soziale Mobilität jenseits der „Grandes Écoles“

Die soziale Herkunft ist zwar für die berufliche Laufbahn von Absolventen und Absolventinnen mit Abschluss bis Master (Bac+4) immer weniger wichtig, bleibt aber in den Elitehochschulen nach wie vor entscheidend. Ein Artikel von Julie Falcon und Pierre Bataille in der renommierten Fachzeitschrift European Sociological Review stellt den meritokratischen Anspruch der französischen „Eliteschmieden“ infrage und stützt sich dabei auf neue empirische Untersuchungen.

Zwei jungen Forschenden, die beide im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES an der Universität Lausanne doktoriert haben, untersuchten die soziale Mobilität von Absolventen und Absolventinnen verschiedener Studiengänge in Frankreich. Indem sie die verschiedenen Ausbildungstypen und -stufen, die Geschlechter und die Kohorten analysierten und den sozioökonomischen Ausgangspunkt mit dem im Verlauf des Berufsleben erreichten Status verglichen, stellten sie fest, dass der den Grandes Écoles oft zugesprochene Vorzug, Klassenunterschiede durch eine einheitliche „Formatierung“ ausgleichen zu können, stark überschätzt wird.

Während Angehörige gehobener Schichten noch immer fünfmal wahrscheinlicher an einer Grande École studieren als Kinder der Arbeiterklasse, fällt es Absolventinnen und Absolventen dieser renommierten Bildungseinrichtung schwerer, ihren Studienabschluss wirksam auf dem Arbeitsmarkt einzusetzen, wenn sie aus bescheideneren Verhältnissen entstammen – und dies erst recht, wenn es sich um Frauen handelt. Diese Erkenntnis widerspricht früheren Aussagen aus Wissenschaftskreisen, die einen linear abnehmenden Einfluss der sozialen Herkunft postulieren, je höher jemand in der Hierarchie der Studienabschlüsse steigt.

Die Daten der Untersuchung stammen aus der Beschäftigungserhebung Enquête Emploi des französischen Nationalen Instituts für Statistik und Wirtschaftsstudien (INSEE), die bisher noch nicht zu Forschungszwecken dieser Art herangezogen wurden. Julie Falcon, heute Mitarbeiterin im Schweizerischen Bundesamt für Statistik, hat mit dieser Datensammlung während ihres Post-Docs an der Universität Stanford gearbeitet. Sie erklärt: „Das enorme Potenzial dieser Daten für die Analyse der sozialen Mobilität fiel mir sogleich auf, sowohl was die Grösse der Stichprobe betrifft als auch in Bezug auf die historische Dimension und die verfügbaren Detailinformationen, insbesondere in der Kategorie der Grandes Écoles.“

Die Forscherin arbeitete für diese Studie mit Pierre Bataille zusammen, der sich in seiner Doktorarbeit mit dem Lebensverlauf der Absolventinnen und Absolventen der École Normale Supérieure de Saint-Cloud beschäftigte und derzeit als Postdoktorand an der Université libre de Bruxelles tätig ist. Ihm zufolge beschäftigt sich die Debatte um die Grandes Écoles „stets nur mit der Ungleichheit beim Eintritt, nicht aber mit der Ungleichheit beim Abschluss, gerade so, als wäre der Eintritt in diese Art von Bildungseinrichtung eine Garantie dafür, in extrem einflussreiche soziale Kreise aufzusteigen."

„Im Gegenzug“, fügt er hinzu, „sind Studienabschlüsse auf Bachelorebene (Bac+3) in ein schlechtes Licht geraten, weil sie angeblich nicht ‚qualifizierend‘ genug sind, um eine interessante berufliche Zukunft zu garantieren. Wir haben aufgezeigt, dass ein Mastertitel im Gegensatz zur gängigen Meinung mehr soziale Mobilität verleiht als der Abschluss an einer der Grandes Écoles.“

Gleichmachende Wirkung der Universitäten

Die Daten der Enquête Emploi des INSEE, die sich auf mehr als 750'000 zwischen 1918 und 1984 geborene Personen beziehen, bescheinigen die grosse gleichmachende Wirkung der Universitäten. Julie Falcon und Pierre Bataille haben festgestellt, dass in jeder Generation auf der Bachelor- und Masterebene (Bac+3 und Bac+4) die soziale Herkunft am wenigsten Einfluss auf die berufliche Laufbahn ausübt. Dies gilt insbesondere für die Frauen, deren Zugang zur Hochschulbildung sich im 20. Jahrhundert enorm verbessert hat. Die gläserne Decke zu durchbrechen, bleibt allerdings für Absolventinnen der Grandes Écoles viel schwieriger, wenn sie aus unteren und mittleren sozialen Schichten stammen.

Im aktuellen Kontext zunehmender Komplexität der Zulassungsbestimmungen an den Universitäten und den Debatten rund um „ParcourSup“-System, zeigen die Resultate, dass für den grössten Teil jener Generationen, die von der Demokratisierung der Schulen profitieren konnten, hinsichtlich der sozialen Mobilität der nicht selektive Charakter der allermeisten Bachelorstudiengänge an den französischen Universitäten bis heute von grösster Bedeutung war.

Die Forschung zur soziale Mobilität stützte sich in Frankreich bisher mehrheitlich auf ältere Daten der Umfrage Formation et Qualification Professionnelle (FQP) [Berufliche Ausbildung und Qualifizierung], die aus dem Jahre 2003 stammen. Die vorliegende neue Forschungsarbeit verdeutlicht nun, dass sich der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Beschäftigungsaussichten von Absolventen und Absolventinnen der Eliteschulen nicht verringert hat – nicht einmal bei den jüngsten Kohorten. Die beiden Forschenden kommen daher zum Schluss, dass Vermögende nach wie vor eher Anerkennung für ihre Leistungen finden als die Übrigen.

>> Falcon, J. & Bataille, P. (2018). Equalization or reproduction? Long-term trends in the intergenerational transmission of advantages in higher education in France. European Sociological Review, Vol. 34, Issue 3

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Kinder bringen Ungleichheit in die Partnerschaft

Die Lebensläufe von Frauen werden durch die Geburt von Kindern ganz anders geprägt als jene von Männern. In seinem Artikel für die Reihe Social Change in Switzerland zeigt René Levy auf der Basis von drei Studien, warum dies der Fall ist. Er stellt in Bezug auf die Gleichstellung einen beträchtlichen Unterschied zwischen den Einstellungen der Paare und ihrer Alltagspraxis fest. Er führt dies auf strukturelle Gründe zurück, die sich durchaus ändern liessen.

In der Schweiz hat die Mutterschaft nach wie vor einen starken Einfluss auf die berufliche Laufbahn von Frauen. Um diesen Mechanismus zu erklären, zieht René Levy drei Studien bei, die in den letzten 15 Jahren durchgeführt wurden und die immer noch grossen Unterschiede zwischen den Geschlechtern aufzeigen.

Erste Feststellung: mit der Geburt des ersten Kindes ändern Frauen ihren Bezug zur Arbeitswelt. Die Ankunft eines Kindes bedeutet für die meisten Paare, dass die Frau zugleich Familien‐ und teilzeitlich Erwerbsarbeit leistet, während die grosse Mehrheit der Männer vollzeitlich erwerbstätig bleibt, unabhängig von ihrer familiären Situation.

Zweite Feststellung: obwohl die Mehrheit der Paare während der ersten Schwangerschaft egalitäre Absichten äussert, gelingt es nur einer Minderheit, diese Werte nach der Geburt auch in die Tat umzusetzen und die Familienarbeit gemäss ihren Absichten egalitär zu verteilen. Es zeigt sich, dass die Elternschaft zu einer starken „Retraditionalisierung“ der gelebten Realität führt, unabhängig von den vorgängigen Überzeugungen.

Diese beiden Befunde werden noch deutlicher durch die dritte Feststellung: Der Vergleich der Schweiz mit anderen europäischen Ländern sowie der Vergleich von rund hundert Mikroregionen innerhalb der Schweiz zeigen, dass die Existenz von Vaterschaftsurlaub und familienergänzenden Betreuungseinrichtungen entscheidend ist. Davon hängt es ab, inwieweit Paare ihre Idealvorstellung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf effektiv realisieren können.

René Levy kommt zum Schluss, dass die mangelnde Umsetzung von Gleichstellungsmassnahmen langfristige Auswirkungen hat. Sie beeinträchtigt nicht nur die finanzielle Absicherung der Frauen nach der Pensionierung, sondern vermittelt den Kindern auch Rollenbilder, die dazu beitragen, dass sich die Ungleichheiten auf die nächste Generation übertragen.

>> René Levy (2018). Der Übergang in die Elternschaft reaktiviert die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern: eine Analyse der Lebensläufe von Männern und Frauen in der Schweiz. Social Change in Switzerland No 14. Retrieved from www.socialchangeswitzerland.ch

Kontakt: René Levy, +41 21 903 11 32, rene.levy@unil.ch

Die Reihe Social Change in Switzerland dokumentiert laufend die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz. Die Reihe wird gemeinsam herausgegeben vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS, vom Zentrum für die Erforschung von Lebensläufen und Ungleichheiten der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Lausanne LINES, sowie vom Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES).  Ziel der Reihe ist es, Veränderungen bezüglich Arbeit, Familie, Einkommen, Mobilität, Stimmrecht oder Geschlechterverhältnisse aufzuzeigen. Die Beiträge beruhen auf wissenschaftlichen Untersuchungen und richten sich an ein breiteres Publikum.

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Welchen Einfluss hat das soziale Netzwerk auf die Berufswünsche junger Menschen?

Ein LIVES-Team unter der Leitung von Prof. Eric Widmer hat die Ausschreibung um die Durchführung der Jugendbefragung ch-x des Bundes für 2020-21 gewonnen. Die ersten Tests des computergestützten Fragebogens werden im Juni 2018 stattfinden. Die Forschenden werden eine Kartographie des Sozialkapitals junger Menschen, die zu Beginn des Jahrtausends geboren wurden, im Zusammenhang mit ihrer psychischen Gesundheit und ihren Zukunftsplänen auf nationaler Ebene erstellen.

Alle zwei Jahre wird ein neues Team von WissenschaftlerInnen beauftragt, eine Befragung aller jungen Menschen in der Schweiz durchzuführen, die im Alter von 19 Jahren in die Armee einberufen werden. Der Fragebogen wird auch 3000 gleichaltrigen jungen Frauen und ausländischen Staatsangehörigen im ganzen Land vorgelegt, wodurch eine ausserordentlich vollständige Darstellung derselben Kohorte ermöglicht wird. Jede der Jugendbefragungen ch-x bezieht sich auf ein anderes Thema und wird im Rahmen eines offenen Auswahlverfahrens vergeben.

Für die Umfrage 2020-21 hat ein Projekt von Eric Widmer, Professor für Soziologie an der Universität Genf und Co-Leiter des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES, in Zusammenarbeit mit Ivan de Carlo, Eva Nada, Marlène Sapin und Gil Viry den ersten Platz dieser Ausschreibung belegt. Mit Hilfe von Eva Nada und Myriam Girardin, die am Aufbau des Projekts beteiligt sind, untersuchen die Forschenden die Zusammenhänge zwischen dem Sozialkapital der Befragten und ihrer Wahl von Ausbildung und Beruf. Die Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Westschweiz (HETS) führt den qualitativen Teil des Projekts durch.

Wo sehen junge Menschen sich in zehn Jahren? Und welche Bedeutung hat ihr persönliches Netzwerk für diese Wünsche? Zwischen Juni und September 2018 werden etwa 100 Stellungspflichtige den Fragebogen, mit dem die für das Projekt erforderlichen Daten erfasst werden sollen, auf digitalen Tablets testen. Anschliessend muss die Umfrage dann vom Wissenschaftlichen Ausschuss und den Mitgliedern der Kommission ch-x validiert werden.

Wenn in den Jahren 2020-21 die eigentliche Datenerhebung für alle Befragten stattfindet, verfügen die Forschenden in der Folge über einzigartiges Material, um eine Kartographie der sozialen Netzwerke junger Menschen in der Schweiz zu erstellen, bei der Geschlecht, sozialer Hintergrund und geographische Lage berücksichtigt werden.

Netzwerke in Form einer Kette oder Brücke

Die Forschung ist besonders daran interessiert, die Wirkung von Netzwerken des „Ketten“-Typs, d. h. Netzwerke, die aus stark miteinander verbundenen Menschen bestehen, mit Netzwerken des „Brücken“-Typs zu vergleichen, bei denen das Individuum von Menschen umgeben ist, unter denen es nur wenig oder gar keine Interaktion gibt. Ein Netzwerk, das Aspekte der Typen „Kette“ und „Brücke“ kombiniert, entspricht im Allgemeinen einem höheren Sozialkapital, bei dem die durch den „Kettentyp“ erzeugte Solidarität der Gruppe mit der Vielfalt der Kontakte und der Autonomie ergänzt wird, die der Typ „Brücke“ bietet.

Als erste Frage gilt es daher herauszufinden, welche sozialen Faktoren mit diesem Sozialkapital verbunden sind. „Aufgrund der Grösse der Stichprobe von ch-x können wir präzise bewerten, auf welche Weise die soziale Herkunft, die familiäre Struktur, aber auch der Wohnort und die geographische Mobilität ganz spezifische Beziehungssituationen für junge Erwachsene erzeugen, die wiederum unterschiedliche Ressourcen mobilisieren“, unterstreicht Eric Widmer.

Die Teilnehmenden werden zu den Personen (insgesamt maximal 15) befragt, die in den vergangenen zwölf Monaten eine wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt haben, sei es in der Familie, unter Freunden, in der Schule, im beruflichen Umfeld oder in Vereinen, Gruppen oder Verbänden, denen sie angehören. Dabei wird darauf hingewiesen, dass diese Rolle positiv sein kann, in Form von Unterstützung, Beratung und Ermutigung, durchaus aber auch negativ, wenn diese Menschen sie entmutigen, sie von etwas abhalten oder sie verärgern.

Ambivalenz und Konflikt

Das Netzwerk kann in der Tat eine Konfliktquelle darstellen, wie Eric Widmer erläutert: „Wir gehen davon aus, dass Menschen, die gegenüber den Personen ihres unmittelbaren Umfelds ambivalente Gefühle hegen, aufgrund der damit einhergehenden Belastung weniger ehrgeizige Berufswünsche verfolgen, was sich unmittelbar auf ihre psychische Gesundheit auswirkt. Diese Kausalität kann allerdings auch umgekehrt werden, denn ein geringer Ehrgeiz kann Konflikte verursachen.“

Eine Reihe von Fragen, die von früheren Forschungen bestätigt wurden, werden sich mit der psychischen Gesundheit beschäftigen, um die Zusammenhänge zwischen Netzwerken, psychischer Verfassung und Berufswünschen statistisch zu analysieren. Der Zusammenhang zwischen Sozialkapital, psychischer Gesundheit und Werdegang sowie Eingliederung wurde in der Schweiz bislang noch nicht eingehend untersucht, so das Forscherteam.

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Junge Erwachsene in der Schweiz: ein Studium lohnt sich

Was ist 15 Jahre später aus den Jugendlichen geworden, die im Jahr 2000 die obligatorische Schulzeit beendet haben? Der Beitrag von Thomas Meyer in der Reihe Social Change in Switzerland zeigt, dass im Alter von 30 Jahren die Mehrheit von ihnen erwerbstätig ist und durchschnittlich fast 6000 Franken brutto pro Monat verdient. Der Artikel thematisiert darüber hinaus die erheblichen Lohnvorteile einer Ausbildung auf Tertiärstufe sowie die nach wie vor eklatanten Unterschiede zwischen Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt.

Basierend auf der Schweizer Längsschnittstudie TREE (Transitionen von der Erstausbildung ins Erwerbsleben) zeigt Thomas Meyer, dass sich die Übergänge zwischen Ausbildung und Beschäftigung seit Beginn des 21. Jahrhunderts zunehmend länger hinziehen. Für viele Jugendliche in der Schweiz sind diese Übergänge von Brüchen, Neuorientierungen und Zwischenjahren geprägt.

Fast die Hälfte der untersuchten Kohorte verließ das Bildungssystem mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (in der Regel einem Lehrabschluss); 40% machte einen Abschluss auf der Tertiärstufe (Universität, Fachhochschule oder höhere Berufsausbildung) – das sind doppelt so viele wie in der vorherigen Generation – und 10% blieben ohne nachobligatorische Ausbildung.

Die Arbeitsmarktsituation im Alter von 30 Jahren ist überwiegend günstig: Die Quote der Erwerbstätigen ist hoch, die Erwerbslosigkeit tief, und das mittlere Einkommen liegt brutto bei fast 6000 Franken monatlich. Lehrabsolventinnen und –absolventen sind zwar deutlich seltener prekär beschäftigt als junge Erwachsene ohne Bildungsabschluss. Mit Blick auf Erwerbssituation und Durchschnittseinkommen unterscheiden sich die beiden Gruppen dagegen nicht statistisch bedeutsam voneinander.

Wer einen Hochschulabschluss oder einen Abschluss der höheren Berufsbildung in der Tasche hat, verdient durchschnittlich über 1000 Franken monatlich mehr als Personen ohne Abschluss auf Tertiärstufe. Der schweizerische Arbeitsmarkt nimmt zwar Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger auf allen Qualifikationsstufen gut bis sehr gut auf. Besonders gross – und entsprechend vorteilhaft entlohnt – ist aber die Nachfrage nach hoch gebildeten Arbeitskräften.

Thomas Meyer unterstreicht schliesslich, in welchem Ausmass das Geschlecht und die Familien­situation nach wie vor Erwerbslaufbahn und Einkommen beeinflussen: Während junge Väter fast ausschliesslich vollzeitlich erwerbtätig sind, verlässt jede fünfte junge Mutter den Arbeitsmarkt, drei von vier Müttern arbeiten Teilzeit, und der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern beträgt 800 Franken pro Monat.

>> Thomas Meyer (2018). Von der Schule ins Erwachsenenleben: Ausbildungs- und Erwerbsverläufe in der Schweiz. Social Change in Switzerland No 13. Retrieved from www.socialchangeswitzerland.ch

Kontakt : Thomas Meyer, +41 31 631 38 23, thomas.meyer@soz.unibe.ch

Die Reihe Social Change in Switzerland dokumentiert laufend die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz. Die Reihe wird gemeinsam herausgegeben vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS, vom Zentrum für die Erforschung von Lebensläufen und Ungleichheiten der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Lausanne LINES, sowie vom Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES).  Ziel der Reihe ist es, Veränderungen bezüglich Arbeit, Familie, Einkommen, Mobilität, Stimmrecht oder Geschlechterverhältnisse aufzuzeigen. Die Beiträge beruhen auf wissenschaftlichen Untersuchungen und richten sich an ein breiteres Publikum.

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Verlängerung der Erwerbstätigkeit von Senioren: ein Risiko für die Gleichstellung und Gesundheit

Im Januar 2018 wurde ein europäisches Forschungsprojekt ins Leben gerufen, um die Auswirkungen der Verlängerung des Erwerbslebens von Frauen und Männern zu untersuchen. Unter der Leitung von Prof. Nicky Le Feuvre von der Universität Lausanne (UNIL) und auf der Grundlage von Methoden, die im Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES entwickelt wurden, soll im Rahmen des Projekts DAISIE die Situation von erwerbstätigen älteren Menschen in verschiedenen Ländern, einschliesslich der Schweiz, verglichen werden. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf den folgenden drei Branchen: Verkehr, Gesundheit und Finanzen. Im Mittelpunkt der Analysen stehen soziale und geschlechtsspezifische Ungleichheiten.

Einem Aufruf des Netzwerks NORFACE (New Opportunities for Research Funding Agency Cooperation in Europe) zur Unterstützung von Forschungsprogrammen zum Thema Häufung sozialer Ungleichheiten im Lebensverlauf folgend wurden drei Projekte unter der Beteiligung von Schweizer Forscherinnen und Forschern ausgewählt und im Sommer 2017 angekündigt. Insgesamt 170 Teams meldeten sich auf die Ausschreibung, wobei 13 Projekte den Zuschlag für die Finanzierung erhielten. Zwei der prämierten Projekte stehen in Verbindung zum Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES). Eines der beiden Projekte, das den Titel Dynamics of Accumulated Inequalities for Seniors in Employment (DAISIE) trägt, erhält 1,5 Millionen Franken über einen Zeitraum von drei Jahren.

Ziel des Projekts DAISIE unter der Leitung von Nicky Le Feuvre, Professorin für Arbeitssoziologie an der UNIL und Leiterin des Projekts Geschlecht & Berufe (IP206) beim NFS LIVES, ist die Untersuchung der sozialen Aspekte des Älterwerdens am Arbeitsplatz. In den meisten europäischen Ländern stellen eine längere Lebenserwartung und Schwierigkeiten bei der Finanzierung der Pensionskassen in der Tat mehr oder weniger starke Anreize für eine Verlängerung des Erwerbslebens von Senioren dar.

Die Frage, unter welchen Bedingungen eine solche Verlängerung des Erwerbslebens von Menschen möglich bzw. wünschenswert ist, ist daher hochaktuell, denn die Beschäftigung älterer Menschen hat vielschichtige Konsequenzen auf andere Lebensbereiche, wie unter anderem die Gesundheit. Neben den Aspekten Beschäftigung, Finanzierung der Renten und Personalmanagement lässt dieser Gegenstand erkennen, wie wichtig der Austausch zwischen den Generationen für Senioren ist – sei es mit ihren erwachsenen Kindern und Enkelkindern oder auch mit ihren eigenen betagten Eltern.

Eine der Hypothesen des DAISIE-Projekts ist, dass der Appell zur Verlängerung des Erwerbslebens nahezu alle Angehörigen der so genannten „Sandwich-Generation“ der heute über 50-Jährigen in Europa betrifft. Die Folgen dieser Aufforderung wären jedoch nicht für alle Senioren gleich und würden vor allem für jene Menschen eine potenzielle Quelle der Verletzlichkeit darstellen, deren berufliche Laufbahnen Lücken aufweisen und deren Beschäftigung schlechter entlohnt ist – dies betrifft insbesondere Frauen von geringfügiger Qualifikation, auf deren Schultern die grösste Last unbezahlter Betreuungspflichten im Haushalt liegt.

Fünf unterschiedliche nationale Kontexte

Um diese Annahmen zu überprüfen, hat Nicky Le Feuvre KollegInnen aus fünf europäischen Ländern mit ins Boot geholt: der Schweiz, Grossbritannien, Irland, Schweden und der Tschechischen Republik1. Die ersten drei Länder zeichnen sich durch liberal geprägte Sozialversicherungssysteme und eher konservative Beziehungen zwischen den Geschlechtern aus. Die Betreuung abhängiger Menschen, angefangen bei kleinen Kindern, erfolgt hier in erster Linie durch Dienstleistungsanbieter der Marktwirtschaft und/oder die Familien. Schweden hingegen ist für seine umfangreichen öffentlichen Dienstleistungen zugunsten der Vereinbarkeit von Familie und Berufsleben und sein besonderes Augenmerk auf der Gleichstellung der Geschlechter bekannt. In der Tschechischen Republik schliesslich hat sich unter sowjetischem Einfluss eine spezifische Kultur der Erwerbstätigkeit von Frauen herausgebildet, die nunmehr infolge des teilweisen Abbaus öffentlicher Dienstleistungen einer Polarisierung der beruflichen Laufbahnen von Müttern weicht.

Der erste Teil des DAISIE-Projekts wird darin bestehen, die beruflichen Laufbahnen von Senioren beiderlei Geschlechts in diesen fünf sehr gegensätzlichen gesellschaftlichen Kontexten zu analysieren. In der Schweiz beispielsweise geht das Forscherteam von einer starken Einbindung älterer Menschen in die Betreuung ihrer Enkelkinder aus, was „eine strukturelle Voraussetzung dafür ist, dass junge Frauen der Arbeitswelt erhalten bleiben“, unterstreicht Nicky Le Feuvre.

„Wenn Grosseltern nun weitere Jahre ihrer Lebenszeit für ihre berufliche Tätigkeit aufwenden sollen, nur um das finanzielle Gleichgewicht der Pensionsfonds zu erhalten, müssten die Konsequenzen dieser Veränderung insbesondere auch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf über mehrere aufeinander folgende Generationen gemessen werden“, sagt die Forscherin.

Die Spannungsfelder der Beschäftigung von Senioren

Frühere Forschungsarbeiten von Nicky Le Feuvre und ihren Kolleginnen an der UNIL haben das Ausmass dieses Problems bereits erkennen lassen: „Im Rahmen des Projekts NFP 60 („Gleichstellung der Geschlechter“) haben wir festgestellt, dass viele Frauen einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen, solange ihre Kinder klein sind bzw. bis diese das Jugendalter erreicht haben. In der Endphase ihrer beruflichen Laufbahn sehen sie sich dann – sei es aufgrund einer Scheidung oder weil sie erkannt haben, wie es um ihre Altersversorgung steht – mit der Notwendigkeit konfrontiert, ihre Erwerbstätigkeit zu verstärken, insbesondere um die Anforderungen an die zweite Säule zu erfüllen. Dies steht im Widerspruch zum Konzept eines planmässigen Übergangs von Senioren zu einer allmählichen Senkung ihrer Arbeitszeiten in der Endphase ihrer beruflichen Laufbahn.“

Sie fügt noch hinzu: „Für Menschen mit einer körperlich oder psychisch belastenden Tätigkeit ist diese Notwendigkeit, mit zunehmendem Alter mehr arbeiten zu müssen, mit erheblichen Risiken für die Gesundheit verbunden. Diese werden oft verschleiert aus Angst, vor dem Arbeitgeber als Versager dazustehen oder den Arbeitsplatz zu verlieren. Hinzu kommt in einigen Fällen die Verantwortung für die eigenen im hohen Alter pflegebedürftig gewordenen Eltern oder die Notwendigkeit, erwachsene Kinder beispielsweise nach einem kritischen Lebensereignis (Arbeitslosigkeit, Scheidung, Krankheit) finanziell unterstützen zu müssen, was ebenfalls dazu beiträgt, dass ältere Menschen in der letzten Lebensphase nicht die Füsse hochlegen können.“

Der Beitrag des NFS LIVES

Um die Laufbahnen von Senioren in den fünf Ländern zu untersuchen, wird im Rahmen des Projekts ein gemischter methodischer Ansatz verfolgt, bei dem Sequenzanalysen mit retrospektiven biografischen Interviews auf der Grundlage eines sogenannten „Lebenskalenders“ kombiniert werden, zwei Spezialbereiche des NFS LIVES.

Der quantitative Teil wird auf Daten der Längsschnittbefragung SHARE (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe) in Zusammenarbeit mit Dr. Jacques-Antoine Gauthier der UNIL und Prof. Boris Wernli von FORS beruhen.

Was den qualitativen Teil betrifft, stammen die Befragten aus drei ebenfalls sehr gegensätzlichen Arbeitswelten: Verkehr, ein männlich dominiertes Umfeld, das durch eine körperlich anstrengende Tätigkeit und Schichtarbeit geprägt ist; Gesundheit, ein Bereich, der im Hinblick auf die Belastung mit der Verkehrsbranche vergleichbar ist, in dem jedoch überwiegend Frauen beschäftigt sind; und Finanzen, ein eher gemischter und weniger körperlich anstrengender Tätigkeitsbereich, der derzeit allerdings gewaltigen Umstrukturierungen und technologischen Entwicklungen unterworfen ist.

Die Gleichstellung der Geschlechter geht mit dem Älterwerden Hand in Hand

„Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass Unternehmen oft bestrebt sind, die Auswirkungen des Älterwerdens am Arbeitsplatz auszulagern; sie ermutigen ältere, „ausgebrannte“ oder kranke Mitarbeiter dazu, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder früher in den Ruhestand zu gehen“, erläutert Nicky Le Feuvre. „Eine solche Vorgehensweise des Personalmanagements ist jedoch kaum vereinbar mit der neuen Forderung, die Erwerbstätigkeit von Senioren zu verlängern.“

Nicky Le Feuvre fügt hinzu, dass „Strategien für das Älterwerden am Arbeitsplatz, sofern es diese überhaupt gibt, selten mit Gleichstellungsstrategien verbunden werden. Die beiden Strategien können sogar als widersprüchlich angesehen werden. Einerseits erleichtern Unternehmen den Übergang zu Teilzeitarbeit für Mütter von Kleinkindern, andererseits wirken sich diese „fehlenden Beitragsjahre“ erheblich auf die Bedingungen aus, unter denen Frauen den letzten Abschnitt ihrer beruflichen Laufbahn bewältigen müssen. Nur wenige Unternehmen berücksichtigen, dass die berufliche Gleichstellung von Frauen und Männern und das Älterwerden am Arbeitsplatz zusammenwirken.“

Im Laufe der Forschungsarbeiten werden die Projektpartner von DAISIE enge Beziehungen zu sozioökonomischen Akteuren unterhalten, die im Bereich des Älterwerdens am Arbeitsplatz tätig sind, insbesondere durch die Organisation von Treffen mit Arbeitgebern, Gewerkschaften, Verbänden und politischen Entscheidungsträgern in jedem der untersuchten Länder. Eines der Ziele besteht darin, nützliche Empfehlungen für die Entwicklung von Strategien für das Altersmanagement zu geben, die den wesentlichen Faktoren von Gender, Alter und sozialem Status ganzheitlich Rechnung tragen. Dies wird in der Forschung als intersektoraler Ansatz für Ungleichheiten bezeichnet.


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Aktivierung der Schwächsten? Paradoxe Entwicklungen bei der Invalidenversicherung

Die letzten drei Reformen der IV in der Schweiz zielten darauf ab, Kostensteigerungen einzudämmen und die Versicherten zu mehr Einsatz für ihre berufliche Wiedereingliederung zu bewegen. Emilie Rosenstein hat die Entwicklung quantitativ und qualitativ analysiert und zeigt auf, wie ambivalent die durchgeführten Veränderungen wirken: In ihrer Doktorarbeit legt sie die Diskrepanzen dar, die zwischen den angestrebten Zielen und den erzielten Ergebnissen bestehen, und beschreibt die konkreten Auswirkungen der geförderten Normen auf die Situation von Menschen mit Behinderungen.

„Gewiss (ist), dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen.“ Dieser Auszug aus der Präambel der Bundesverfassung rundet die Doktorarbeit von Emilie Rosenstein ab, die sich den Widersprüchen der Invalidenversicherung (IV), eines wichtigen Instruments der Schweizer Sozialpolitik, widmet. Laut der Untersuchung begünstigt die IV, die sich eigentlich die Integration der Versicherungsnehmer zum Ziel gesetzt hat, bestimmte Formen der Exklusion.

Emilie Rosenstein hat die von Prof. JJean-Michel Bonvin betreute Doktorarbeit in Soziologie am 12. Februar 2018 an der Universität Genf verteidigt. Darin analysiert die Forscherin die jüngsten Entwicklungen der Invalidenversicherung (IV) auf Grundlage zweier theoretischer Bezugsrahmen: dem „Konzept der Verwirklichungschancen“ des Nobelpreisträgers Amartya Sen zum einen und dem vom Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS LIVES) entwickelten Lebensverlaufsansatz zum anderen. Das Konzept der Verwirklichungschancen untersucht die Sozialsysteme unter dem Gesichtspunkt der Fähigkeit von Individuen, Entscheidungen zu treffen, die nach der begründeten Meinung der Betroffenen förderlich für sie wären, während der Lebensverlaufsansatz Verletzbarkeit als einen Mangel an Ressourcen definiert, welcher im Zeitverlauf auf verschiedenen Ebenen mehrere Lebensbereiche beeinträchtigt.

Im Rahmen ihrer Forschungsarbeit greift Emilie Rosenstein auf quantitative und qualitative Methoden zurück und stützt sich auf umfangreiche Daten, um die Folgen der in den Jahren 2004, 2008 und 2012 umgesetzten IV-Revisionen zu analysieren. Ein vorrangiges Ziel dieser Revisionen bestand darin, die Anzahl der Rentenbezüger und -bezügerinnen zu verringern, insbesondere in der Gruppe der jungen Menschen mit psychischer Beeinträchtigung, die seit den 1990er Jahren stark gewachsen ist.

Um die gesetzten Ziele zu erreichen, haben sich diese Reformen primär an den folgenden drei Leitlinien orientiert: an einer strengeren Beurteilung des Rentenanspruchs, an einer schnelleren Intervention durch die IV, die vor allem durch die frühzeitige Erkennung einer Arbeitsunfähigkeit greifen soll, sowie an der Entwicklung von Massnahmen zur beruflichen Wiedereingliederung und zur Vermittlung in den Arbeitsmarkt.

Gegensätzliche Ergebnisse

Die Untersuchungen von Emilie Rosenstein haben gegensätzliche Ergebnisse hervorgebracht: Zwar ist die Anzahl Rentenbezügerinnen und -bezüger auf nationaler Ebene deutlich gesunken. Der Anteil der jüngsten Leistungsempfänger im Alter zwischen 18 und 34 Jahren ist aber nicht zurückgegangen. Und nach wie vor sind psychische Erkrankungen die Hauptursache für die Gewährung von Invalidenrenten. Fast jede zweite Bezügerin bzw. jeder zweite Bezüger einer Invalidenrente leidet unter einer solchen Krankheit.

Die in Zusammenarbeit mit Prof. Felix Bühlmann von der Universität Lausanne von der Forscherin angestellten Sequenzanalysen zu repräsentativen Stichproben bei IV-Leistungsempfängern im Kanton Waadt erlauben es, den Werdegang der Versicherten im Zeitverlauf und über die verschiedenen IV-Revisionen hinweg besser zu verstehen.

Sie zeigen, dass IV-Leistungen mittlerweile deutlich häufiger verweigert werden und dass die Antragsbearbeitung merklich beschleunigt worden ist. Bei der Anordnung von beruflichen Wiedereingliederungsmassnahmen ist eine Zunahme zu verzeichnen. Allerdings handelt es sich hierbei nach wie vor um eine Randerscheinung.

Strengere Kriterien und Anforderungen

Laut Emilie Rosenstein „beruht der Rückgang der Rentenbezügerinnen und -bezüger eher auf strengeren Kriterien zur Leistungsgewährung als darauf, dass Menschen insbesondere infolge von Wiedereingliederungsmassnahmen vermehrt aus dem Leistungsempfängerkreis der Invalidenversicherung ausscheiden.“

In ihrer Doktorarbeit weist die Forscherin auf verschiedene Paradoxien hin, die durch die aufeinanderfolgenden Reformen hervorgerufen wurden. Sie hinterfragt das Konzept der Aktivierung von gesundheitlich angeschlagenen, teilweise in einem Zustand grosser Verletzbarkeit befindlichen Menschen, die aufgefordert werden, ihre berufliche Wiedereingliederung zu planen.

Ein nicht zu vernachlässigender Widerspruch besteht darin, dass die IV die Versicherten zwecks Ausgabensenkung dazu drängt, sich schnellstmöglich zu äussern. Dabei setzt sie darauf, durch eine frühzeitige Intervention mittel- und langfristige Rentenzahlungen zu vermeiden. Dieser Druck wirkt auf die Versicherten aber abschreckend – weil sie den Umfang der angebotenen IV-Leistungen nicht kennen, weil sie gesundheitlich nicht stabil genug sind, um in diesem Stadium Entscheidungen zu treffen, oder weil sie ihre gesundheitliche Beeinträchtigung noch nicht akzeptiert haben.

Diese Verschiebung zwischen dem zeitlichen Rhythmus der IV und dem der Versicherten stellt ein Hindernis für berufliche Umschulungen dar. „Das Paradigma der Aktivierung erscheint somit zutiefst paradox, birgt es doch das Risiko der Nichtinanspruchnahme von Förderleistungen – ein Phänomen, das eigentlich reduziert werden soll,“ bemerkt die Forscherin besorgt.

Glaubwürdigkeitsrisiko

Aus diesem Grund sind Wiedereingliederungsprojekte aus Sicht von Emilie Rosenstein mit einem „Glaubwürdigkeitsrisiko“ behaftet, weshalb sie zu scheitern drohen, wenn man die Erwartungen und Bedürfnisse der Versicherten nicht ausreichend berücksichtigt. „Durch den Einsatz des Projekts als Eingliederungsinstrument kann es somit potenziell zu einem selektiven oder sogar ausgrenzenden Vorgehen kommen“, so die Forscherin.

Sie kritisiert ausserdem die „erhebliche Asymmetrie zwischen der individuellen Verantwortung der Versicherten für ihr Wiedereingliederungsprojekt und den beschränkten Möglichkeiten zur Planung ihrer Berufschancen.“ Mit Blick auf die Verwirklichungschancen ruft Emilie Rosenstein dazu auf, sich mehr Gedanken über die erforderlichen „Konversionsfaktoren“ am Arbeitsmarkt und in der Gesamtgesellschaft zu machen, um Ungleichheiten zwischen gesunden und invaliden Personen abzubauen und dadurch eine reale Möglichkeit zur beruflichen Wiedereingliederung – und nicht nur ein förmliches Recht darauf – zu schaffen.

Gefühl mangelnden Anspruchs

Die Doktorarbeit wird durch eine Reihe von Gesprächen mit Versicherten bereichert, die die Forscherin dazu nutzt, auf Schamgefühle oder den Eindruck von IV-Nutzern hinzuweisen, keinen Anspruch auf Leistungen zu haben. Diese Dokumente bestätigen die Hypothese, wonach ein Teil der Versicherten eine Art Selbstselektion vornimmt und Gefahr läuft, nicht in den Genuss der Leistungen der IV zu kommen – entweder aus Unkenntnis über ihre Rechte oder weil sie nicht als invalide Personen wahrgenommen werden möchten bzw. fürchten, als Profiteure des Systems stigmatisiert zu werden.

Vor der öffentlichen Verteidigung ihrer Doktorarbeit hatte Emilie Rosenstein mehrfach die Gelegenheit, ihre Untersuchungen Fachleuten aus diesem Bereich vorzulegen. Entsprechend lobte die Doktoratsjury ganz besonders die Bemühungen der Forscherin, den betroffenen Akteuren die Erkenntnisse ihrer Untersuchung näherzubringen. Die Jury empfahl Emilie Rosenstein, auf eine Veröffentlichung ihrer empirischen Ergebnisse in renommierten wissenschaftlichen Zeitschriften hinzuarbeiten.

Mittlerweile ist bereits die siebte Revision der IV im Gange. Dank ihres nun erworbenen Doktortitels verfügt Emilie Rosenstein künftig über die notwendigen Voraussetzungen, um sich zum Sprachrohr von Menschen zu machen, die in der Regel nicht gehört werden. Ihnen mehr zuzuhören, würde sich lohnen, wie Emilie Rosensteins Doktorarbeit zeigt.

>> Emilie Rosenstein (2018). Activer les publics vulnérables ? Le cas de l'Assurance-invalidité. Unter der Leitung von Jean-Michel Bonvin. Universität Genf

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Prekarität in der Kindheit wirkt sich sehr langfristig auf die Gesundheit aus, vor allem bei Frauen

Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zeigt auf, dass Ungleichheiten oft später nicht mehr aufgeholt werden können. Ein Team an der Universität Genf, das durch den Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES finanziert wird, hat die Gesundheit der über 50-Jährigen in Europa aus diversen Perspektiven untersucht. Festgestellt wurde, dass Männer besser imstande sind, einen schwierigen Lebensbeginn zu kompensieren als Frauen. Die Forscherinnen und Forscher empfehlen, viel früher mit Massnahmen in den Bereichen Ausbildung und Prävention einzugreifen.

Wer am Anfang des Lebens materiell und sozial benachteiligt ist, leidet häufiger unter gesundheitlichen Problemen in der zweiten Lebenshälfte. Das zeigen die Ergebnisse des Projekts „LIFETRAIL“, das Stéphane Cullati seit Ende 2016 mit mehreren Kolleginnen und Kollegen an der Universität Genf im Rahmen des NFS LIVES durchführt.

In Kürze wird ein Artikel von Boris Cheval et al. in der Zeitschrift Age and Ageing 1 veröffentlicht werden. Bereits erschienen ist eine Publikation in Medicine and Science in Sports and Exercise 2. Damit bietet sich die Gelegenheit für eine Standortbestimmung in diesem interdisziplinären Forschungsprojekt, das Soziologen, Psychologen, Epidemiologen und Mediziner zusammenführt. Die demnächst zur Prüfung vorgelegten oder erscheinenden Publikationen zeigen grösstenteils erhebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf.

Aufschlussreiche Längsschnittdaten

Die Grundlage der Arbeiten bildet die Erhebung SHARE (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe), in deren Rahmen rund 25'000 Personen im Alter von 50 bis 96 Jahren in 14 europäischen Ländern zwischen 2004 et 2016 sechs Mal befragt wurden.

Sieben Gesundheitsindikatoren wurden untersucht: die selbstberichtete Gesundheit, das heisst, wie die erfassten Personen subjektiv ihren Gesundheitszustand einschätzen; die Muskelkraft, erfasst mit einem tragbaren Dynamometer; die Leistungsfähigkeit der Lungen, gemessen mit einem Spitzenwert-Durchflussmesser zur Bestimmung der maximalen Geschwindigkeit des Atems; die Schlafqualität; kognitive Störungen; Depressionszustände, erfasst durch einen mehrfach wissenschaftlich abgesicherten Fragebogen; und schliesslich die Gebrechlichkeit, die insbesondere unter Einbezug des Body-Mass-Indexes und des Grads der Autonomie bei diversen täglichen Tätigkeiten bestimmt wurde.

Die Analyse der sozioökonomischen Situation in der Kindheit (im Alter von zehn Jahren) stützt sich auf vier Variablen: den Beruf des Familienoberhaupts (oft der Vater), die Anzahl der Bücher im Haushalt, die Qualität der Unterkunft (Vorhandensein von fliessendem Wasser, Toiletten und Zentralheizung) sowie die Anzahl der Personen pro Wohnraum.

Bedeutung der sozialen Mobilität

Sämtliche Kriterien zeigen in mehr oder minder ausgeprägtem Mass, dass ungünstige sozioökonomische Bedingungen in der Kindheit mit einem schlechteren Gesundheitszustand im mittleren und hohen Alter einhergehen, wobei Männer, denen der soziale Aufstieg gelungen ist, eine Ausnahme bilden.

Wie positiv sich der soziale Aufstieg insbesondere für Männer auswirkt, lässt sich durch einen Vergleich der sozioökonomischen Ausgangslage mit dem im Erwachsenenalter erreichten Niveau in Bezug auf Bildungsstand, Art der ausgeübten Beschäftigung und aktuelle wirtschaftliche Situation beobachten. Personen, die eine Hochschulausbildung abgeschlossen, verantwortungsvolle berufliche Positionen bekleidet und gut verdient haben, sind in gesundheitlicher Hinsicht eindeutig begünstigt, selbst wenn sie in der Kindheit unter Prekarität gelitten haben. Dies ist bei den Frauen in den untersuchten Kohorten weniger häufig der Fall.

Verringerte Muskelkraft

Der von Boris Cheval veröffentlichte Artikel über die Muskelkraft stellt einen signifikanten Zusammenhang zwischen Armut in der Kindheit und körperlicher Schwäche im fortgeschrittenen Alter fest. Selbst bei einer gesunden Lebensweise im Erwachsenenalter (Sport, Tabak, Alkohol, Ernährung) überwiegen die Folgen der Kindheit, und dies vor allem bei den Frauen.

„Frauen, die nie gearbeitet haben, waren offenbar nicht in der Lage, bestimmte Verhaltenskompetenzen zu erwerben“, meint Stéphane Cullati. Die höhere Lebenserwartung von Frauen ist für ihn nur scheinbar ein Paradox: „Dass Menschen länger am Leben gehalten werden, bedeutet nicht unbedingt, dass sie sich einer besseren Gesundheit erfreuen. “

Der Forscher erwartet, dass die geschlechtsspezifischen Unterschiede in Zukunft dank des besseren Zugangs der Frauen zur Ausbildung und zur Arbeitswelt abnehmen werden, doch er warnt vor einer „doppelten Strafe“ für Frauen, die gering qualifizierte Arbeit mit häuslichen Aufgaben verbinden müssen.

Früher ansetzen

Die Ergebnisse des Projekts LIFETRAIL haben klare Konsequenzen für die Politik. „Beispielsweise hinsichtlich der körperlichen Betätigung kann ein hohes Bildungsniveau die Auswirkungen sozioökonomischer Benachteiligung in der Kindheit aufheben“, unterstreicht Boris Cheval. „Doch wenn wir den Atemfluss oder die Muskelkraft betrachten, bleibt der Effekt bei Frauen unabhängig von ihrer sozioökonomischen Entwicklung im späteren Leben markant. Wir sollten deshalb viel früher handeln! “

Ein Teil des Forschungsprojektes, geleitet durch Stefan Sieber, vergleicht die selbstberichtete Gesundheit der Befragten in verschiedenen Wohlfahrtssystemen und kommt zum Schluss, dass Prekarität im Kindesalter überall in Europa unabhängig von politischen und sozialen Unterschieden in den Ländern stark mit einem schlechten späteren Gesundheitszustand korreliert. Es stellen sich daher enorme Herausforderungen.

Nachdem nun der Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Bedingungen in der Kindheit und der Gesundheit im Erwachsenenalter hergestellt ist, wird das Team den zeitlichen Ablauf bestimmter Ereignisse – wie materielle Verluste oder Perioden, die durch Hunger oder den Tod der Eltern gekennzeichnet waren – genauer unter die Lupe nehmen, um besser zu verstehen, welche kritischen Phasen in der Entwicklung eines Kindes zu langfristigen Gesundheitsproblemen führen können. Die Forscherinnen und Forscher testen gegenwärtig ihr Modell aufgrund der Wahrscheinlichkeit, dass jemand wieder zu rauchen beginnt. Wer ist am anfälligsten, wer ist am stärksten von Rückfällen bedroht? Die SHARE-Daten bieten dem tatkräftigen Team noch zahllose weitere Forschungsmöglichkeiten.

  • 1. Association of Early- and Adult-Life Socioeconomic Circumstances with Muscle Strength in Older Age. Age and Ageing. DOI 10.1093/ageing/afy003
  • 2. Effect of Early- and Adult-Life Socioeconomic Circumstances on Physical Inactivity. Medicine and Science in Sports and Exercise. DOI 10.1249/MSS.0000000000001472
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„Wie verändert das Internet moderne Liebesbeziehungen?“, fragt ein neues Forschungsprojekt

Gina Potarca, die als Postdoktorandin am LIVES forscht und an der Universität Genf als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig ist, hat vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung ein „Ambizione“-Stipendium erhalten, um die Auswirkungen digitaler Technologien auf zeitgenössische Liebesbeziehungen und Paarbildungen zu untersuchen.

In den letzten Jahren haben sich Internet-Dating-Tools und insbesondere Dating-Apps für Mobiltelefone zu einem der meistgenutzten Mittel der Partnersuche entwickelt. Sie haben das Flirt-und Dating-Verhalten grundlegend verändert und zahllose Begegnungsmöglichkeiten eröffnet. Gleichzeitig ist es durch sie zu einer Minimierung des Suchaufwands und einer Reduzierung der Interventionen Dritter gekommen. Kritiker diskutieren intensiv darüber, wie die neuen Technologien die Art der Partnerschaften verändern. Es wird teilweise mit Nachdruck argumentiert, das Internet führe zu mehr sozioökonomischer Ungleichheit (weil wohlhabende Personen leichter einen passenden wohlhabenden Partner fänden) und langfristige Beziehungen seien in ihrer Existenz bedroht (weil das Überangebot an potenziellen Partnern die Fähigkeit von Menschen untergrabe, in eine Einzelbeziehung zu investieren). Bisher hat sich die wissenschaftliche Forschung noch nicht an dieser Diskussion beteiligt. Sie hat den Fokus vor allem auf Präferenzmuster im frühen Stadium des Online-Dating-Prozesses und der Nachrichtenübermittlung gelegt. Zu welchen Ergebnissen die neue Technologien letztlich führen, wurde indes nicht erforscht.

Im Rahmen von Gina Potarcas Projekt werden die Folgen dieser historisch neuen Rahmenbedingungen der Partnersuche und -auswahl umfassend untersucht. Dabei stehen zwei grundlegende Fragen im Fokus. Erstens: Führt das Internet zur Reproduktion sozialer Ungleichheit durch Heirat? Und zweitens: Tragen die neuen Technologien zu einem Rückgang der Verbindlichkeit von Partnerschaften bei? Durch die Untersuchung der beiden Fragestellungen soll erforscht werden, ob das Internet-Dating etwas daran ändert, wer auf Partnersuche geht, wer mit wem eine Partnerschaft eingeht und wie lange Partnerschaften halten.

Gina Potarcas Projekt wird vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF) im Rahmen des „Ambizione“-Stipendienvergabeverfahrens unterstützt und startet Anfang 2018. Die Untersuchungsreihe folgt einer Forschungsagenda, die inmitten einer technologischen Revolution darauf abzielt, deren demografische Folgen zu beurteilen.

Mögliche Veränderungen durch das Internet

„Wie Online-Tools bei der Anbahnung und Entwicklung von Beziehungen genutzt werden, wird sich nicht nur auf das Wohlergehen, die Gesundheit und das Fortpflanzungsverhalten der Menschen auswirken, sondern auch auf die Reproduktion von Ungleichheit innerhalb der Bevölkerung. Daher müssen wir Erkenntnisse darüber sammeln, inwieweit das Internet moderne Liebesbeziehungen verändert, und die entsprechend weitreichenden langfristigen Auswirkungen auf den soziodemografischen Wandel verstehen“, schrieb die Forscherin in ihrem Projektantrag.

Gina Potarca wird einzigartige länderübergreifende Paneldaten aus den USA, Deutschland und der Schweiz sowie schweizerische und französische Querschnittsdaten verwenden. Im Rahmen ihres Projekts wird es erstmals möglich sein, Online-Partnersuchprozesse länderübergreifend im Zeitverlauf zu beobachten – und zwar auf Grundlage eines geeigneten Längsschnittdesigns und unter Berücksichtigung der Selektionseffekte. Gina Potarca war persönlich an der Aktualisierung der amerikanischen und insbesondere der deutschen Instrumente beteiligt. Dabei sind Funktionen integriert worden, die Auskunft darüber geben, wo sich Paare getroffen haben und wo Singles nach Partnern suchen. Weitere Datenquellen werden demnächst aktualisiert.

Die „Ambizione“-Stipendien richten sich an junge Forschende, die an einer Schweizer Hochschuleinrichtung in Eigenregie ein vierjähriges Projekt durchführen, verwalten und leiten möchten. Mitte Januar 2017 hatten 289 junge Forschende einen „Ambizione“-Antrag gestellt. Nach Abschluss eines zweistufigen Evaluationsverfahrens vergab der SNF im letzten Sommer 89 neue Stipendien, von denen 32 (36 Prozent) an Frauen gingen. Damit wurde die angestrebte Frauenquote unter den Stipendiaten (35 Prozent) erfüllt.

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Innovative Methoden zur Erforschung der „Secondos“ und zur Bekämpfung von Stereotypen

Im Springer-Verlag ist ein neues Buch aus der Reihe Life Course Research and Social Policies erschienen. Dieser von drei Mitgliedern des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES herausgegebene siebte Band unterstreicht die Bedeutung der bei Forschungsarbeiten über die Situation von Zugewanderten der zweiten Generation angewandten Methodik. In den 16 am Lebensverlaufsansatz orientierten Kapiteln des Buches wird deutlich, wie wichtig eine genaue Charakterisierung der MigrantInnengruppen und eine durchdachte Auswahl der für einen Vergleich herangezogenen Bezugssysteme ist, um diese besonders von Verallgemeinerung und Diskriminierung betroffene Bevölkerung zu erforschen.

Die Schweiz ist ein Einwanderungsland. Seit Generationen strömen Menschen aus den unterschiedlichsten Staaten und sozialen Schichten in unser Land. In der Genferseeregion sind immerhin 40 Prozent der Bevölkerung ausländischer Herkunft, wenn man als Kriterium die Nationalität der Eltern oder Grosseltern heranzieht. Die aktuelle wie auch die künftige Situation der „Secondos“ ist somit von fundamentalem Interesse: „Ihre Entwicklung wird stark dadurch beeinflusst, wie die Zugewanderten der ersten Generation aufgenommen werden“, so Claudio Bolzman, der als Professor an der Hochschule für Soziale Arbeit Genf (HETS / HES-SO) tätig ist. Zusammen mit Laura Bernardi und Jean-Marie Le Goff von der Universität Lausanne hat er dieses Werk herausgegeben.

Aus Sicht der Integrationsforschung bilden die zweiten Generationen besonders aufschlussreiche Bevölkerungsgruppen, da sie sich sehr gut für eine Längsschnittstudie eignen, bei der eine bestimmte Stichprobe von Menschen wiederholt über einen langen Zeitraum beobachtet wird. Dabei interessieren sich die Forscher im Rahmen einer retrospektiven Untersuchung dafür, wie das Leben der Eltern oder Grosseltern im Herkunftsland verlaufen ist, verfolgen aber auch den Lebensverlauf ihrer Kinder und Enkel im Aufnahmeland. Trotz der grossen Zahl an Zugewanderten der zweiten Generation haben die Forscherinnen und Forscher des NFS LIVES festgestellt, dass die bestehenden Studien vielfach auf unvollständigen Beschreibungen und ungeeigneten methodischen Ansätzen beruhen.

Definieren, über was und wen gesprochen wird

Entscheidend für eine systematische Untersuchung der Secondos, die häufig mit einer sehr hartnäckigen Stereotypisierung zu kämpfen haben, ist die Methodik. Claudio Bolzman kritisiert, dass nie wirklich klar ist, über was und wen gesprochen – und noch weniger, was eigentlich verglichen wird: „So heisst es in den französischen Medien häufig, aus den Maghreb-Staaten stammende Personen integrierten sich schlecht. Über all jene, die erfolgreich sind, wird allerdings meist nicht berichtet.“ Die Autoren stellen in ihrem Werk Instrumente vor, die geeignet sind, diese Bevölkerungsgruppen nicht nur im Schweizer, sondern auch im europäischen, afrikanischen und nordamerikanischen Kontext zu verstehen. So lassen sich alle darin beschriebenen Methoden auf andere Migrationskontexte übertragen.

Um die in zweiter Generation in der Schweiz lebenden Zugewanderten angemessen untersuchen zu können, müssen die Merkmale der zu erforschenden Bevölkerungsgruppen aus Sicht der Autoren zunächst einmal korrekt vordefiniert werden. Laut Claudio Bolzman „tendieren die Studien dazu, sich auf die jeweilige nationale Herkunft zu konzentrieren. Dabei müsste man viel mehr in die Tiefe gehen.“ Die gesellschaftliche Rolle, die lokale Verankerung in einem Quartier sowie die betroffene Generation stellen Schlüsselfaktoren dar. Aber auch Vergleichskriterien sind sehr wichtig. „Es muss definiert werden, was verglichen wird. Nur so lässt sich die Frage beantworten, warum innerhalb derselben Gruppe manche erfolgreich sind und andere nicht“, erklärt er.

Vergleichen, was sich vergleichen lässt

Die Autoren möchten zum Verständnis jener Weichenstellungen und Übergänge beitragen, die darüber entscheiden, ob sich ein Lebensverlauf zur einen oder anderen Seite neigt. So werden beispielsweise im Kapitel von Andrés Guarin und Emmanuel Rousseaux die Faktoren ermittelt, die Einfluss auf die Arbeitslosigkeit beziehungsweise den Zugang zum Erwerbsleben von Secondos unterschiedlicher Herkunft in der Schweiz haben. Es stützt sich auf einen Längsschnittansatz und nutzt Data Mining, eine Analysetechnik aus der Grundlagenforschung, um die Variablen zu vertiefen und zu kontrollieren.

Menschen mit Migrationshintergrund sind in hochqualifizierten Berufen ebenso unterrepräsentiert wie in gering qualifizierten Tätigkeitsbereichen. Guarin und Rousseaux folgern daraus, dass es unangemessen sei, Zugewanderte der zweiten Generation mit der Schweizer Gesamtbevölkerung zu vergleichen, da sie nicht in dieselben gesellschaftlichen Gruppen eingeordnet werden können. Entsprechend haben sie die von ihnen ausgewählte Kohorte von Secondos mit Menschen derselben sozioprofessionellen Kategorien verglichen. Durch diesen Ansatz konnten die Forscher nachweisen, dass das Bildungsniveau der Eltern enormen Einfluss auf das Risiko einer möglichen Arbeitslosigkeit beziehungsweise den beruflichen Erfolg der eigenen Kinder hat. Ihr Artikel unterstreicht zudem, dass Vorurteile bezüglich der nationalen oder ethnischen Herkunft den Zugang zum Erwerbsleben erschweren.

Ansätze miteinander verbinden

Durch die Kombination quantitativer und qualitativer Analysemethoden lässt sich ein klarerer und detaillierterer Überblick über die verschiedenen Lebenssituationen gewinnen. Andrés Gomensoro und Raúl Burgos Paredes schlagen daher vor, das Instrument des „Lebenskalenders“ mit einem personalisierten Gespräch zu verbinden, um quantitative tatsachenbasierte Informationen mit subjektiven qualitativen Informationen zu kombinieren. Ziel ist es, „gesellschaftliche Phänomene aufzudecken, die durch statistische Analysen bisher nicht erfasst worden sind“, erklärt Claudio Bolzman.

Diese beiden Ansätze werden an albanischsprachigen Zugewanderten getestet, die demnächst die Volljährigkeit erreichen. Sie bilden eine der am meisten stigmatisierten Bevölkerungsgruppen der Schweiz und haben nach wie vor Probleme beim Zugang zum Arbeitsmarkt. Die Autoren wollten herausfinden, was innerhalb dieser Bevölkerungsgruppe den Unterschied ausmacht. Sie fanden heraus, dass in den meisten Erfolgsfällen bestimmte soziale oder institutionelle Ressourcen vorhanden waren – wie etwa ein besonders engagierter Lehrer, einflussreiche Personen im Familien- oder Freundeskreis, ein gut funktionierendes Quartier oder besondere kantonale Bestimmungen.

Grenzen überwinden

Die Berücksichtigung des transnationalen Charakters der Gesellschaft ist ein weiterer methodischer Aspekt, der besonders relevant ist. Gesellschaften werden immer noch viel zu oft unter Bezugnahme auf den Staat definiert, also in Abhängigkeit vom politischen und institutionellen Kontext eines Landes. Dabei ist das Leben vieler Menschen durch nahe Verwandte im Ausland und die häufige Nutzung des Internets längst nicht mehr so stark durch Grenzen bestimmt wie früher.

Zudem wirken sich internationale Entwicklungen durchaus auf das Leben der Bevölkerungsgruppen vor Ort aus. Durch eine starke Globalisierung oder Internationalisierung der Gesellschaften entsprechen ihre formalen Grenzen längst nicht mehr dem realen Leben der Menschen. So zeigen Marina Richter und Michael Nollert in dem von ihnen verfassten Kapitel auf, dass die Kinder spanischer Migrierter in engem Kontakt zu ihrem Netzwerk ausserhalb des Aufnahmelandes stehen. Und Peggy Levitt, Kristen Lucken und Melissa Barnett haben herausgefunden, dass immer mehr junge Inder in den USA unter Bezugnahme auf indische Vorbilder Hinduismus und Islam im amerikanischen Kontext ganz neu interpretieren.

Zukunftsweisende Wege

Am Ende ihres Werks skizzieren Bolzman, Bernardi und Le Goff mögliche Forschungsansätze für die Zukunft und formulieren eine Reihe von Empfehlungen. Sie erinnern daran, wie wichtig es ist, die Forschungspopulationen korrekt zu identifizieren und sich nicht nur auf marginalisierte Gruppen zu konzentrieren. Denn nur so sei es möglich, die Erfolgsfaktoren zu ermitteln. Die Autoren rufen dazu auf, die Situation der Zugewanderten nicht nur bis ins junge Erwachsenenalter hinein zu erforschen, sondern sich für den gesamten Lebensverlauf zu interessieren. Unter Berücksichtigung eines vergleichenden Ansatzes müssten dabei auch Übergangssituationen, die Beziehungen zwischen den Generationen sowie transnationale Aspekte in die Überlegungen mit einbezogen werden.

>> Bolzman, C., Bernardi, L., Le Goff, J.-M. (eds.) (2017). Situating Children of Migrants across Borders and Origins. A Methodological Overview. Dordrecht, The Netherlands: Springer, Life Course Research and Social Policies, Vol. 7

Autor: Yann Bernardinelli (Les Mots de la Science)

Hinweis für die Forschenden

Die neue Version der LIVES-Cohort-Daten für die Jahre 2013 bis 2016 (Wellen 1 bis 4 für die 2013 rekrutierten Personen) ist nun auf der Website des Schweizer Haushaltspanels (SHP) verfügbar. Die LIVES Cohort-Studie sammelt jährlich Informationen über den Lebenslauf von Jugendlichen, die seit ihrer Kindheit in der Schweiz leben. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf Personen mit Migrationshintergrund und Kindern von Eingewanderten. Diese Daten umfassen mehrere Messgrössen für psychosoziale Vulnerabilität wie Identität und Diskriminierung (W2, 2014); Anomie (W2, 2014); Stress (ab W4, 2016 und jährlich wiederholt), Zufriedenheit mit verschiedenen Lebensbereichen (W3, 2015) sowie andere psychologische (W3, 2015), politische (W2, 2014), gesundheitliche und soziale Variablen (W1-4, 2013-2016). Der Zugriff auf die Daten ist kostenfrei und kann über die SHP-Website erfolgen.

Aufruf für Beiträge zur Zeitschrift Social Change in Switzerland

Aufruf für Beiträge zur Zeitschrift Social Change in Switzerland

Die Zeitschrift Social Change in Switzerland hat vor kurzem ihre 12. Nummer publiziert. Ziel der Reihe ist es, die Forschungsergebnisse zum sozialen Wandel in der Schweiz einem breiteren Publikum zu vermitteln. Alle Beiträge werden vorgängig von den Herausgebern begutachtet. Die HerausgeberInnen laden potentielle AutorInnen ein, Vorschläge für Artikel zum sozialen Wandel in der Schweiz einzureichen.

Diese Zeitschrift wird seit 2015 an der Universität Lausanne von FORS, LINES und dem Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES herausgegeben. Jede Publikation wird von einer professionellen Medienmitteilung begleitet und erhält in der Regel ein breites Medienecho.

Die Artikel von Social Change haben eine Länge von 8 bis 10 Seiten. Sie wenden sich an ein Publikum von Nicht-SpezialistInnen und werden auf französisch oder deutsch verfasst. Die Redaktion organisiert die Übersetzung in die jeweils andere Sprache. Alle Beiträge werden vorgängig von den Herausgebern begutachtet.

Social Change in Switzerland publiziert innovative empirische Resultate, die einen bestimmten Aspekt des sozialen Wandels oder der Sozialstruktur in der Schweiz erhellen. Frühere Beiträge untersuchten die Eliten der Schweiz, die soziale Mobilität im 20. Jahrhundert, die schulische Ungleichheit oder den Wahlentschied der Arbeiter seit 1970.

Vorschläge für Artikel können in der Form eines Abstracts eingereicht werden bei Daniel Oesch, dem verantwortlichen Herausgeber von Social Change in Switzerland.

>> http://www.socialchangeswitzerland.ch/

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Kein Niedergang, sondern Wachstum der Mittelklasse in der Schweiz

Die Mittelklasse ist nicht am Schrumpfen. Im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern hat sich die Berufsstruktur in der Schweiz in den 1990er und 2000er Jahren nicht polarisiert. Die zwölfte Ausgabe der Zeitschrift Social Change in Switzerland zeigt, dass die Beschäftigung vor allem in den hochqualifizierten Berufen gewachsen und den niedrig qualifizierten Berufen geschrumpft ist.

Beobachter der digitalen Revolution befürchten, dass die Automatisierung viele qualifizierte Berufe vom Arbeitsmarkt verdränge. Ihre These ist, dass die Beschäftigung nur noch an den Rändern wachse: in den hochbezahlten akademischen Berufen einerseits und den schlecht entlohnten persönlichen Dienstleistungen andrerseits. Als Resultat werde die Mittelklasse ausgehöhlt.

In einer neuen Studie widerlegenDaniel Oesch und Emily Murphy diese These. Auf der Basis der Volkszählungen von 1970 bis 2010 zeigen sie, dass die Beschäftigung in jedem Jahrzehnt in den gut bezahlten Berufen am stärksten zugenommen und, mit Ausnahme des Baubooms in den 1980er Jahren, in den niedrig entlohnten Berufen am deutlichsten abgenommen hat.

Diese Aufwertung der Berufsstruktur erklärt sich mit dem Wachstum der « neuen » Mittelklasse, die von der Bildungsexpansion profitiert hat. Zwischen 1991 und 2016 wuchs der Anteil der Manager, Experten und Techniker an der Erwerbsbevölkerung von 34 auf 48%. Zugleich fiel jener der Industriearbeiter und Handwerker von 23 auf 16% und jener von Bürohilfskräften von 17 auf 8%.

Nur eine Kategorie der Arbeiterklasse hat seit 1991 an Gewicht gewonnen: Die Angestellten in einfachen persönlichen Dienstleistungen vergrösserten ihren Anteil von 13 auf 15%. Dieses Wachstum war jedoch zu schwach, um den Abbau einfacher Stellen in der Landwirtschaft, Industrie und dem Back Office zu kompensieren. Der technologische Fortschritt hat folglich nicht die Mittelklasse ausgehöhlt, sondern die Ränge der Industriearbeiter und Bürohilfskräfte ausgedünnt.

>> Daniel Oesch & Emily Murphy (2017). Keine Erosion, sondern Wachstum der Mittelklasse. Der Wandel der Schweizer Berufsstruktur seit 1970. Social Change in Switzerland No 12, www.socialchangeswitzerland.ch

Kontakt : Daniel Oesch, +34 91 624 85 08, daniel.oesch@unil.ch

Die Reihe Social Change in Switzerland dokumentiert laufend die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz. Die Reihe wird gemeinsam herausgegeben vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS, vom Zentrum für die Erforschung von Lebensläufen und Ungleichheiten der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Lausanne LINES, sowie vom Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES).  Ziel der Reihe ist es, Veränderungen bezüglich Arbeit, Familie, Einkommen, Mobilität, Stimmrecht oder Geschlechterverhältnisse aufzuzeigen. Die Beiträge beruhen auf wissenschaftlichen Untersuchungen und richten sich an ein breiteres Publikum.

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