iStock © ryanking999

„Wie verändert das Internet moderne Liebesbeziehungen?“, fragt ein neues Forschungsprojekt

Gina Potarca, die als Postdoktorandin am LIVES forscht und an der Universität Genf als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig ist, hat vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung ein „Ambizione“-Stipendium erhalten, um die Auswirkungen digitaler Technologien auf zeitgenössische Liebesbeziehungen und Paarbildungen zu untersuchen.

In den letzten Jahren haben sich Internet-Dating-Tools und insbesondere Dating-Apps für Mobiltelefone zu einem der meistgenutzten Mittel der Partnersuche entwickelt. Sie haben das Flirt-und Dating-Verhalten grundlegend verändert und zahllose Begegnungsmöglichkeiten eröffnet. Gleichzeitig ist es durch sie zu einer Minimierung des Suchaufwands und einer Reduzierung der Interventionen Dritter gekommen. Kritiker diskutieren intensiv darüber, wie die neuen Technologien die Art der Partnerschaften verändern. Es wird teilweise mit Nachdruck argumentiert, das Internet führe zu mehr sozioökonomischer Ungleichheit (weil wohlhabende Personen leichter einen passenden wohlhabenden Partner fänden) und langfristige Beziehungen seien in ihrer Existenz bedroht (weil das Überangebot an potenziellen Partnern die Fähigkeit von Menschen untergrabe, in eine Einzelbeziehung zu investieren). Bisher hat sich die wissenschaftliche Forschung noch nicht an dieser Diskussion beteiligt. Sie hat den Fokus vor allem auf Präferenzmuster im frühen Stadium des Online-Dating-Prozesses und der Nachrichtenübermittlung gelegt. Zu welchen Ergebnissen die neue Technologien letztlich führen, wurde indes nicht erforscht.

Im Rahmen von Gina Potarcas Projekt werden die Folgen dieser historisch neuen Rahmenbedingungen der Partnersuche und -auswahl umfassend untersucht. Dabei stehen zwei grundlegende Fragen im Fokus. Erstens: Führt das Internet zur Reproduktion sozialer Ungleichheit durch Heirat? Und zweitens: Tragen die neuen Technologien zu einem Rückgang der Verbindlichkeit von Partnerschaften bei? Durch die Untersuchung der beiden Fragestellungen soll erforscht werden, ob das Internet-Dating etwas daran ändert, wer auf Partnersuche geht, wer mit wem eine Partnerschaft eingeht und wie lange Partnerschaften halten.

Gina Potarcas Projekt wird vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF) im Rahmen des „Ambizione“-Stipendienvergabeverfahrens unterstützt und startet Anfang 2018. Die Untersuchungsreihe folgt einer Forschungsagenda, die inmitten einer technologischen Revolution darauf abzielt, deren demografische Folgen zu beurteilen.

Mögliche Veränderungen durch das Internet

„Wie Online-Tools bei der Anbahnung und Entwicklung von Beziehungen genutzt werden, wird sich nicht nur auf das Wohlergehen, die Gesundheit und das Fortpflanzungsverhalten der Menschen auswirken, sondern auch auf die Reproduktion von Ungleichheit innerhalb der Bevölkerung. Daher müssen wir Erkenntnisse darüber sammeln, inwieweit das Internet moderne Liebesbeziehungen verändert, und die entsprechend weitreichenden langfristigen Auswirkungen auf den soziodemografischen Wandel verstehen“, schrieb die Forscherin in ihrem Projektantrag.

Gina Potarca wird einzigartige länderübergreifende Paneldaten aus den USA, Deutschland und der Schweiz sowie schweizerische und französische Querschnittsdaten verwenden. Im Rahmen ihres Projekts wird es erstmals möglich sein, Online-Partnersuchprozesse länderübergreifend im Zeitverlauf zu beobachten – und zwar auf Grundlage eines geeigneten Längsschnittdesigns und unter Berücksichtigung der Selektionseffekte. Gina Potarca war persönlich an der Aktualisierung der amerikanischen und insbesondere der deutschen Instrumente beteiligt. Dabei sind Funktionen integriert worden, die Auskunft darüber geben, wo sich Paare getroffen haben und wo Singles nach Partnern suchen. Weitere Datenquellen werden demnächst aktualisiert.

Die „Ambizione“-Stipendien richten sich an junge Forschende, die an einer Schweizer Hochschuleinrichtung in Eigenregie ein vierjähriges Projekt durchführen, verwalten und leiten möchten. Mitte Januar 2017 hatten 289 junge Forschende einen „Ambizione“-Antrag gestellt. Nach Abschluss eines zweistufigen Evaluationsverfahrens vergab der SNF im letzten Sommer 89 neue Stipendien, von denen 32 (36 Prozent) an Frauen gingen. Damit wurde die angestrebte Frauenquote unter den Stipendiaten (35 Prozent) erfüllt.