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Verlängerung der Erwerbstätigkeit von Senioren: ein Risiko für die Gleichstellung und Gesundheit

Im Januar 2018 wurde ein europäisches Forschungsprojekt ins Leben gerufen, um die Auswirkungen der Verlängerung des Erwerbslebens von Frauen und Männern zu untersuchen. Unter der Leitung von Prof. Nicky Le Feuvre von der Universität Lausanne (UNIL) und auf der Grundlage von Methoden, die im Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES entwickelt wurden, soll im Rahmen des Projekts DAISIE die Situation von erwerbstätigen älteren Menschen in verschiedenen Ländern, einschliesslich der Schweiz, verglichen werden. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf den folgenden drei Branchen: Verkehr, Gesundheit und Finanzen. Im Mittelpunkt der Analysen stehen soziale und geschlechtsspezifische Ungleichheiten.

Einem Aufruf des Netzwerks NORFACE (New Opportunities for Research Funding Agency Cooperation in Europe) zur Unterstützung von Forschungsprogrammen zum Thema Häufung sozialer Ungleichheiten im Lebensverlauf folgend wurden drei Projekte unter der Beteiligung von Schweizer Forscherinnen und Forschern ausgewählt und im Sommer 2017 angekündigt. Insgesamt 170 Teams meldeten sich auf die Ausschreibung, wobei 13 Projekte den Zuschlag für die Finanzierung erhielten. Zwei der prämierten Projekte stehen in Verbindung zum Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES). Eines der beiden Projekte, das den Titel Dynamics of Accumulated Inequalities for Seniors in Employment (DAISIE) trägt, erhält 1,5 Millionen Franken über einen Zeitraum von drei Jahren.

Ziel des Projekts DAISIE unter der Leitung von Nicky Le Feuvre, Professorin für Arbeitssoziologie an der UNIL und Leiterin des Projekts Geschlecht & Berufe (IP206) beim NFS LIVES, ist die Untersuchung der sozialen Aspekte des Älterwerdens am Arbeitsplatz. In den meisten europäischen Ländern stellen eine längere Lebenserwartung und Schwierigkeiten bei der Finanzierung der Pensionskassen in der Tat mehr oder weniger starke Anreize für eine Verlängerung des Erwerbslebens von Senioren dar.

Die Frage, unter welchen Bedingungen eine solche Verlängerung des Erwerbslebens von Menschen möglich bzw. wünschenswert ist, ist daher hochaktuell, denn die Beschäftigung älterer Menschen hat vielschichtige Konsequenzen auf andere Lebensbereiche, wie unter anderem die Gesundheit. Neben den Aspekten Beschäftigung, Finanzierung der Renten und Personalmanagement lässt dieser Gegenstand erkennen, wie wichtig der Austausch zwischen den Generationen für Senioren ist – sei es mit ihren erwachsenen Kindern und Enkelkindern oder auch mit ihren eigenen betagten Eltern.

Eine der Hypothesen des DAISIE-Projekts ist, dass der Appell zur Verlängerung des Erwerbslebens nahezu alle Angehörigen der so genannten „Sandwich-Generation“ der heute über 50-Jährigen in Europa betrifft. Die Folgen dieser Aufforderung wären jedoch nicht für alle Senioren gleich und würden vor allem für jene Menschen eine potenzielle Quelle der Verletzlichkeit darstellen, deren berufliche Laufbahnen Lücken aufweisen und deren Beschäftigung schlechter entlohnt ist – dies betrifft insbesondere Frauen von geringfügiger Qualifikation, auf deren Schultern die grösste Last unbezahlter Betreuungspflichten im Haushalt liegt.

Fünf unterschiedliche nationale Kontexte

Um diese Annahmen zu überprüfen, hat Nicky Le Feuvre KollegInnen aus fünf europäischen Ländern mit ins Boot geholt: der Schweiz, Grossbritannien, Irland, Schweden und der Tschechischen Republik1. Die ersten drei Länder zeichnen sich durch liberal geprägte Sozialversicherungssysteme und eher konservative Beziehungen zwischen den Geschlechtern aus. Die Betreuung abhängiger Menschen, angefangen bei kleinen Kindern, erfolgt hier in erster Linie durch Dienstleistungsanbieter der Marktwirtschaft und/oder die Familien. Schweden hingegen ist für seine umfangreichen öffentlichen Dienstleistungen zugunsten der Vereinbarkeit von Familie und Berufsleben und sein besonderes Augenmerk auf der Gleichstellung der Geschlechter bekannt. In der Tschechischen Republik schliesslich hat sich unter sowjetischem Einfluss eine spezifische Kultur der Erwerbstätigkeit von Frauen herausgebildet, die nunmehr infolge des teilweisen Abbaus öffentlicher Dienstleistungen einer Polarisierung der beruflichen Laufbahnen von Müttern weicht.

Der erste Teil des DAISIE-Projekts wird darin bestehen, die beruflichen Laufbahnen von Senioren beiderlei Geschlechts in diesen fünf sehr gegensätzlichen gesellschaftlichen Kontexten zu analysieren. In der Schweiz beispielsweise geht das Forscherteam von einer starken Einbindung älterer Menschen in die Betreuung ihrer Enkelkinder aus, was „eine strukturelle Voraussetzung dafür ist, dass junge Frauen der Arbeitswelt erhalten bleiben“, unterstreicht Nicky Le Feuvre.

„Wenn Grosseltern nun weitere Jahre ihrer Lebenszeit für ihre berufliche Tätigkeit aufwenden sollen, nur um das finanzielle Gleichgewicht der Pensionsfonds zu erhalten, müssten die Konsequenzen dieser Veränderung insbesondere auch für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf über mehrere aufeinander folgende Generationen gemessen werden“, sagt die Forscherin.

Die Spannungsfelder der Beschäftigung von Senioren

Frühere Forschungsarbeiten von Nicky Le Feuvre und ihren Kolleginnen an der UNIL haben das Ausmass dieses Problems bereits erkennen lassen: „Im Rahmen des Projekts NFP 60 („Gleichstellung der Geschlechter“) haben wir festgestellt, dass viele Frauen einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen, solange ihre Kinder klein sind bzw. bis diese das Jugendalter erreicht haben. In der Endphase ihrer beruflichen Laufbahn sehen sie sich dann – sei es aufgrund einer Scheidung oder weil sie erkannt haben, wie es um ihre Altersversorgung steht – mit der Notwendigkeit konfrontiert, ihre Erwerbstätigkeit zu verstärken, insbesondere um die Anforderungen an die zweite Säule zu erfüllen. Dies steht im Widerspruch zum Konzept eines planmässigen Übergangs von Senioren zu einer allmählichen Senkung ihrer Arbeitszeiten in der Endphase ihrer beruflichen Laufbahn.“

Sie fügt noch hinzu: „Für Menschen mit einer körperlich oder psychisch belastenden Tätigkeit ist diese Notwendigkeit, mit zunehmendem Alter mehr arbeiten zu müssen, mit erheblichen Risiken für die Gesundheit verbunden. Diese werden oft verschleiert aus Angst, vor dem Arbeitgeber als Versager dazustehen oder den Arbeitsplatz zu verlieren. Hinzu kommt in einigen Fällen die Verantwortung für die eigenen im hohen Alter pflegebedürftig gewordenen Eltern oder die Notwendigkeit, erwachsene Kinder beispielsweise nach einem kritischen Lebensereignis (Arbeitslosigkeit, Scheidung, Krankheit) finanziell unterstützen zu müssen, was ebenfalls dazu beiträgt, dass ältere Menschen in der letzten Lebensphase nicht die Füsse hochlegen können.“

Der Beitrag des NFS LIVES

Um die Laufbahnen von Senioren in den fünf Ländern zu untersuchen, wird im Rahmen des Projekts ein gemischter methodischer Ansatz verfolgt, bei dem Sequenzanalysen mit retrospektiven biografischen Interviews auf der Grundlage eines sogenannten „Lebenskalenders“ kombiniert werden, zwei Spezialbereiche des NFS LIVES.

Der quantitative Teil wird auf Daten der Längsschnittbefragung SHARE (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe) in Zusammenarbeit mit Dr. Jacques-Antoine Gauthier der UNIL und Prof. Boris Wernli von FORS beruhen.

Was den qualitativen Teil betrifft, stammen die Befragten aus drei ebenfalls sehr gegensätzlichen Arbeitswelten: Verkehr, ein männlich dominiertes Umfeld, das durch eine körperlich anstrengende Tätigkeit und Schichtarbeit geprägt ist; Gesundheit, ein Bereich, der im Hinblick auf die Belastung mit der Verkehrsbranche vergleichbar ist, in dem jedoch überwiegend Frauen beschäftigt sind; und Finanzen, ein eher gemischter und weniger körperlich anstrengender Tätigkeitsbereich, der derzeit allerdings gewaltigen Umstrukturierungen und technologischen Entwicklungen unterworfen ist.

Die Gleichstellung der Geschlechter geht mit dem Älterwerden Hand in Hand

„Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass Unternehmen oft bestrebt sind, die Auswirkungen des Älterwerdens am Arbeitsplatz auszulagern; sie ermutigen ältere, „ausgebrannte“ oder kranke Mitarbeiter dazu, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder früher in den Ruhestand zu gehen“, erläutert Nicky Le Feuvre. „Eine solche Vorgehensweise des Personalmanagements ist jedoch kaum vereinbar mit der neuen Forderung, die Erwerbstätigkeit von Senioren zu verlängern.“

Nicky Le Feuvre fügt hinzu, dass „Strategien für das Älterwerden am Arbeitsplatz, sofern es diese überhaupt gibt, selten mit Gleichstellungsstrategien verbunden werden. Die beiden Strategien können sogar als widersprüchlich angesehen werden. Einerseits erleichtern Unternehmen den Übergang zu Teilzeitarbeit für Mütter von Kleinkindern, andererseits wirken sich diese „fehlenden Beitragsjahre“ erheblich auf die Bedingungen aus, unter denen Frauen den letzten Abschnitt ihrer beruflichen Laufbahn bewältigen müssen. Nur wenige Unternehmen berücksichtigen, dass die berufliche Gleichstellung von Frauen und Männern und das Älterwerden am Arbeitsplatz zusammenwirken.“

Im Laufe der Forschungsarbeiten werden die Projektpartner von DAISIE enge Beziehungen zu sozioökonomischen Akteuren unterhalten, die im Bereich des Älterwerdens am Arbeitsplatz tätig sind, insbesondere durch die Organisation von Treffen mit Arbeitgebern, Gewerkschaften, Verbänden und politischen Entscheidungsträgern in jedem der untersuchten Länder. Eines der Ziele besteht darin, nützliche Empfehlungen für die Entwicklung von Strategien für das Altersmanagement zu geben, die den wesentlichen Faktoren von Gender, Alter und sozialem Status ganzheitlich Rechnung tragen. Dies wird in der Forschung als intersektoraler Ansatz für Ungleichheiten bezeichnet.