iStock © Valentin Russanov

Sex in all seinen Facetten... Eine völlig neue wissenschaftliche Befragung von 40.000 Jugendlichen

Ein Sechstel der in der Schweiz ansässigen Personen zwischen 24 und 27 Jahren wird in den nächsten Tagen kontaktiert, um einen Fragebogen mit einem elektronischen «Lebenskalender» zu beantworten. Ziel der Untersuchung ist es, eine Verbindung zwischen Lebensverlauf und sexuellen Erfahrungen herzustellen, um besser zu verstehen, welche Umstände zu Risikofreudigkeit, sexuellem Missbrauch, sexuellen Störungen oder auch zu einem erfüllten Sexualleben führen.

Sexting, Viagra, die Pille danach, ein Ende der Tabuisierung von Homosexualität, wachsendes Bewusstsein für das Transgender-Phänomen: In der Sexualität hat sich vieles geändert im Laufe der letzten zwanzig Jahre, die unter anderem von der Entstehung des Internets und der Bagatellisierung von Aids gekennzeichnet waren. Eine Gruppe von Forscherinnen und Forschern des Universitätsspitals Lausanne (CHUV), des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES der Universität Lausanne und des Universitätsspitals Zürich werden deshalb versuchen, eine Bestandsaufnahme der Sexualpraktiken heutiger Jugendlicher zu erstellen. Dazu wird im Juni bei mehreren Zehntausend Personen, die zwischen 1989 und 1993 geboren sind, eine grosse Umfrage durchgeführt.

25 Jahre – in diesem Alter ist es durchaus möglich, seine ersten Intimbeziehungen mit etwas mehr der Distanz zu betrachten. Mit dieser in die Tiefe gehenden Umfrage soll eine Fülle an Informationen über die zeitliche Abfolge der sexuellen Erfahrungen von Jugendlichen und deren Zusammenhang mit anderen Ereignissen in Bereichen wie physische und psychische Gesundheit, Gefühlsbeziehungen, Bildung, berufliche Eingliederung usw. gesammelt werden.

Sexualität und Wohlbefinden

«Sexualität lässt sich nicht von den anderen Lebensbereichen trennen», erklärt Prof. Joan-Carles Suris, Hauptantragsteller dieses Projekts, das vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanziert wird. «Bleibt Ihre Sexualität beispielsweise qualitativ oder auch hinsichtlich der Häufigkeit hinter Ihren Erwartungen zurück oder gestaltet sich aufgrund von verschiedenen Faktoren, die mit einem Missbrauch oder Störungen in Zusammenhang stehen, problematisch, so beeinträchtigt dies Ihr allgemeines Wohlbefinden, was sich auf Ihre sozialen Beziehungen und Ihre Produktivität bei der Arbeit oder im Studium auswirken kann.»

Zu den Fällen einer problematischen Sexualität zählt der Forscher auch das Eingehen von Risiken im Zusammenhang mit ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit Gelegenheitspartnern – ein Phänomen, das recht häufig mit Substanzgebrauch einhergeht. Zudem gibt es die Frage der unerwünschten Beziehungen, die zwar nicht zwangsläufig von Gewalt geprägt sein müssen, aber dennoch zu Leiden führen können.

Was die Störungen anbelangt, so betreffen diese sowohl Frauen als auch Männer: Scheidentrockenheit bei den einen, ein häufiger Grund für Schmerzen beim Geschlechtsverkehr; Erektionsprobleme oder vorzeitige Ejakulation bei den anderen, was bei den Betroffenen oft zu starkem Stress führt.

All diese Thematiken und noch viele andere müssen besser in ihrer Längsauswirkung verstanden werden, das heisst, anhand der Ereignisse, die den Lebensverlauf jedes Einzelnen besonders geprägt haben, nachverfolgt werden, wobei das Individuum stets als Ganzes zu begreifen ist.

Die letzte bei Jugendlichen durchgeführte Umfrage zur Sexualität war im Jahr 1995 – einer Zeit, in der sich die schnellen gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre noch nicht vollzogen hatten. Heute sind die Herausforderungen nicht mehr ganz die gleichen. Die vorliegende neue Studie hat sich daher sehr viel ehrgeizigere Ziele gesetzt, sowohl im Hinblick auf die behandelten Themen als auch auf die zur Erfassung eingesetzten Methoden.

Der Online-Lebenskalender

Über ein Stichprobenverfahren des Bundesamtes für Statistik werden die Jugendlichen schriftlich kontaktiert. Sie haben dann die Möglichkeit, ins Internet zu gehen und – in aller Anonymität – für den zweiten Teil der Befragung ein äusserst innovatives Instrument zu benutzen. Es handelt sich hierbei um einen elektronischen «Lebenskalender», eine visuelle und interaktive Methode, mit der all die verschiedenen Ereignisse im Laufe des Lebens festgehalten werden können. Mithilfe von Studierenden der Universität Lausanne wurde eine Testphase durchgeführt, um die Software intuitiver und flexibler zu machen. Die Pilotphase hat gezeigt, dass der Lebenskalender im Vergleich zu den traditionell verwendeten Fragebögen ein weitaus effizienteres Mittel ist, um das autobiografische Gedächtnis zu stimulieren und sich so mehr Ereignisse zu vergegenwärtigen.

Die nun beginnende Befragung wird daher vermutlich auf starkes Interesse stossen: aufgrund ihrer Thematik, da Daten zur Sexualität von Jugendlichen sowohl in der Schweiz als auch auf internationaler Ebene fehlen; und aufgrund der Befragungsmethode, da sie über die traditionelle Verwendung von Lebenskalendern in Papierform hinausgeht, die erst lange entziffert und verschlüsselt werden müssen, um eine Analyse überhaupt zu ermöglichen.

Ein interdisziplinäres Team

Für diese neue Studie hat Prof. Suris, selbst Mitglied des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Lausanne (IUMSP) und Verantwortlicher der Forschungsgruppe für die Gesundheit von Jugendlichen (GRSA), Spezialisten auf dem Gebiet der Lebensverlaufsstudien um sich versammelt. Er wird bei diesem Projekt vom Statistiker Prof. André Berchtold und vom Sozialpsychologen Davide Morselli unterstützt, die beide Mitglieder des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES sind. Prof. Brigitte Leeners, Spezialistin auf dem Gebiet der sexuellen Dysfunktionen am Universitätsspital Zürich, und die Doktorandin Yara Barrense-Dias, die dem IUMSP angegliedert ist, ergänzen das Basisteam, das noch mit anderen Partnern, wie Christina Akre und Raphaël Bize (IUMSP), Sylvie Berrut (Santé PluriELLE / LOS), Annick Berchtold (Abiris) oder Caroline Jacot-Descombes (Sexuelle Gesundheit Schweiz) zusammenarbeitet.

Dem ersten Bericht, der für Anfang 2018 erwartet wird, werden mehrere wissenschaftliche Publikationen zu verschiedenen Aspekten des Projekts folgen, bei denen das Team mit zahlreichen Tabus in Berührung kommen könnte.

Sexting, neue Praktiken, neue Stellungen

Gemeinsam mit Prof. Suris und Christina Akre hat Yara Barrense-Dias bereits im vergangenen Februar einen erstaunlichen, leicht verständlichen und dennoch wenig beachteten Bericht zum Phänomen «Sexting» veröffentlicht, das als elektronischer Versand von Material mit sexuellem Charakter verstanden wird. Die Forscher stellten fest, dass diese Praktik «von den Jugendlichen mehrheitlich positiv als einfacher Austausch zwischen zwei einverstandenen Personen definiert wird», und rufen dazu auf, die Praktik nicht zu verteufeln, sondern eher die Schuldigen für unerwünschten Datentransfer oder Belästigungen zu ermitteln und den Opfern ihre Schuldgefühle zu nehmen und sie zu unterstützen.

Genau dieser Wunsch, die Entwicklung von Praktiken und Problematiken ohne moralischen Zeigefinger zu erfassen und dennoch das Ziel der Prävention und Früherkennung nicht aus den Augen zu verlieren, wird vom gesamten Team verfolgt, das an der Studie zu Gesundheit und Sexualverhalten der Jugendlichen in der Schweiz beteiligt ist. «Wir haben keine Vorurteile. Das macht die Forschung so interessant», erklärt Prof. Suris. Daher sein Appell an die 40.000 jugendlichen Empfänger der Briefsendung, die demnächst verschickt wird: «Bitte, bitte, bitte nehmen Sie teil!»