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Prekarität in der Kindheit wirkt sich sehr langfristig auf die Gesundheit aus, vor allem bei Frauen

Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zeigt auf, dass Ungleichheiten oft später nicht mehr aufgeholt werden können. Ein Team an der Universität Genf, das durch den Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES finanziert wird, hat die Gesundheit der über 50-Jährigen in Europa aus diversen Perspektiven untersucht. Festgestellt wurde, dass Männer besser imstande sind, einen schwierigen Lebensbeginn zu kompensieren als Frauen. Die Forscherinnen und Forscher empfehlen, viel früher mit Massnahmen in den Bereichen Ausbildung und Prävention einzugreifen.

Wer am Anfang des Lebens materiell und sozial benachteiligt ist, leidet häufiger unter gesundheitlichen Problemen in der zweiten Lebenshälfte. Das zeigen die Ergebnisse des Projekts „LIFETRAIL“, das Stéphane Cullati seit Ende 2016 mit mehreren Kolleginnen und Kollegen an der Universität Genf im Rahmen des NFS LIVES durchführt.

In Kürze wird ein Artikel von Boris Cheval et al. in der Zeitschrift Age and Ageing 1 veröffentlicht werden. Bereits erschienen ist eine Publikation in Medicine and Science in Sports and Exercise 2. Damit bietet sich die Gelegenheit für eine Standortbestimmung in diesem interdisziplinären Forschungsprojekt, das Soziologen, Psychologen, Epidemiologen und Mediziner zusammenführt. Die demnächst zur Prüfung vorgelegten oder erscheinenden Publikationen zeigen grösstenteils erhebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf.

Aufschlussreiche Längsschnittdaten

Die Grundlage der Arbeiten bildet die Erhebung SHARE (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe), in deren Rahmen rund 25'000 Personen im Alter von 50 bis 96 Jahren in 14 europäischen Ländern zwischen 2004 et 2016 sechs Mal befragt wurden.

Sieben Gesundheitsindikatoren wurden untersucht: die selbstberichtete Gesundheit, das heisst, wie die erfassten Personen subjektiv ihren Gesundheitszustand einschätzen; die Muskelkraft, erfasst mit einem tragbaren Dynamometer; die Leistungsfähigkeit der Lungen, gemessen mit einem Spitzenwert-Durchflussmesser zur Bestimmung der maximalen Geschwindigkeit des Atems; die Schlafqualität; kognitive Störungen; Depressionszustände, erfasst durch einen mehrfach wissenschaftlich abgesicherten Fragebogen; und schliesslich die Gebrechlichkeit, die insbesondere unter Einbezug des Body-Mass-Indexes und des Grads der Autonomie bei diversen täglichen Tätigkeiten bestimmt wurde.

Die Analyse der sozioökonomischen Situation in der Kindheit (im Alter von zehn Jahren) stützt sich auf vier Variablen: den Beruf des Familienoberhaupts (oft der Vater), die Anzahl der Bücher im Haushalt, die Qualität der Unterkunft (Vorhandensein von fliessendem Wasser, Toiletten und Zentralheizung) sowie die Anzahl der Personen pro Wohnraum.

Bedeutung der sozialen Mobilität

Sämtliche Kriterien zeigen in mehr oder minder ausgeprägtem Mass, dass ungünstige sozioökonomische Bedingungen in der Kindheit mit einem schlechteren Gesundheitszustand im mittleren und hohen Alter einhergehen, wobei Männer, denen der soziale Aufstieg gelungen ist, eine Ausnahme bilden.

Wie positiv sich der soziale Aufstieg insbesondere für Männer auswirkt, lässt sich durch einen Vergleich der sozioökonomischen Ausgangslage mit dem im Erwachsenenalter erreichten Niveau in Bezug auf Bildungsstand, Art der ausgeübten Beschäftigung und aktuelle wirtschaftliche Situation beobachten. Personen, die eine Hochschulausbildung abgeschlossen, verantwortungsvolle berufliche Positionen bekleidet und gut verdient haben, sind in gesundheitlicher Hinsicht eindeutig begünstigt, selbst wenn sie in der Kindheit unter Prekarität gelitten haben. Dies ist bei den Frauen in den untersuchten Kohorten weniger häufig der Fall.

Verringerte Muskelkraft

Der von Boris Cheval veröffentlichte Artikel über die Muskelkraft stellt einen signifikanten Zusammenhang zwischen Armut in der Kindheit und körperlicher Schwäche im fortgeschrittenen Alter fest. Selbst bei einer gesunden Lebensweise im Erwachsenenalter (Sport, Tabak, Alkohol, Ernährung) überwiegen die Folgen der Kindheit, und dies vor allem bei den Frauen.

„Frauen, die nie gearbeitet haben, waren offenbar nicht in der Lage, bestimmte Verhaltenskompetenzen zu erwerben“, meint Stéphane Cullati. Die höhere Lebenserwartung von Frauen ist für ihn nur scheinbar ein Paradox: „Dass Menschen länger am Leben gehalten werden, bedeutet nicht unbedingt, dass sie sich einer besseren Gesundheit erfreuen. “

Der Forscher erwartet, dass die geschlechtsspezifischen Unterschiede in Zukunft dank des besseren Zugangs der Frauen zur Ausbildung und zur Arbeitswelt abnehmen werden, doch er warnt vor einer „doppelten Strafe“ für Frauen, die gering qualifizierte Arbeit mit häuslichen Aufgaben verbinden müssen.

Früher ansetzen

Die Ergebnisse des Projekts LIFETRAIL haben klare Konsequenzen für die Politik. „Beispielsweise hinsichtlich der körperlichen Betätigung kann ein hohes Bildungsniveau die Auswirkungen sozioökonomischer Benachteiligung in der Kindheit aufheben“, unterstreicht Boris Cheval. „Doch wenn wir den Atemfluss oder die Muskelkraft betrachten, bleibt der Effekt bei Frauen unabhängig von ihrer sozioökonomischen Entwicklung im späteren Leben markant. Wir sollten deshalb viel früher handeln! “

Ein Teil des Forschungsprojektes, geleitet durch Stefan Sieber, vergleicht die selbstberichtete Gesundheit der Befragten in verschiedenen Wohlfahrtssystemen und kommt zum Schluss, dass Prekarität im Kindesalter überall in Europa unabhängig von politischen und sozialen Unterschieden in den Ländern stark mit einem schlechten späteren Gesundheitszustand korreliert. Es stellen sich daher enorme Herausforderungen.

Nachdem nun der Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Bedingungen in der Kindheit und der Gesundheit im Erwachsenenalter hergestellt ist, wird das Team den zeitlichen Ablauf bestimmter Ereignisse – wie materielle Verluste oder Perioden, die durch Hunger oder den Tod der Eltern gekennzeichnet waren – genauer unter die Lupe nehmen, um besser zu verstehen, welche kritischen Phasen in der Entwicklung eines Kindes zu langfristigen Gesundheitsproblemen führen können. Die Forscherinnen und Forscher testen gegenwärtig ihr Modell aufgrund der Wahrscheinlichkeit, dass jemand wieder zu rauchen beginnt. Wer ist am anfälligsten, wer ist am stärksten von Rückfällen bedroht? Die SHARE-Daten bieten dem tatkräftigen Team noch zahllose weitere Forschungsmöglichkeiten.

  • 1. Association of Early- and Adult-Life Socioeconomic Circumstances with Muscle Strength in Older Age. Age and Ageing. DOI 10.1093/ageing/afy003
  • 2. Effect of Early- and Adult-Life Socioeconomic Circumstances on Physical Inactivity. Medicine and Science in Sports and Exercise. DOI 10.1249/MSS.0000000000001472