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LIVES Award for Early Scholars geht an einen Artikel über den Übergang von der Schule in das Berufsleben

Gewinner des „LIVES Best Paper Award for Early Scholars“ ist Dr. Christian Brzinsky-Fay vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB) in Berlin. Am 11. Oktober 2017 erhielt er anlässlich der Eröffnung der Jahrestagung der Society for Longitudinal and Life Course Studies (SLLS) in Stirling einen Preis von 2'000 Euro. Sein Artikel, der in der Fachzeitschrift Research in Social Stratification and Mobility, erschienen ist, zeigt, dass die in Deutschland und der Schweiz verbreiteten Aus- und Weiterbildungssysteme beruflichen Erfolg bei allen Kohorten unter unterschiedlichen Arbeitsmarktbedingungen erleichtern. Bei seiner Untersuchung kamen jedoch geschlechtsspezifische Ungleichheiten ans Licht.

Christian Brzinsky-Fay untersucht im Rahmen seiner Forschungsarbeit zum Übergang von der Schule in das Berufsleben fünf Kohorten von deutschen Einwohnern, die zwischen 1948 und 1977 geboren wurden. Sein Hauptaugenmerk richtet er dabei auf nicht-lineare Übergänge, bei denen nach einer Ausbildung kein direkter Eintritt in den Arbeitsmarkt erfolgt oder verschiedene „Aktivitätszustände“ ausprobiert werden, bevor eine Beschäftigung aufgenommen wird. Brzinsky-Fay selbst wurde 1972 geboren, kehrte mit 25 Jahren an die Universität zurück und promovierte im Alter von 39 Jahren. Besteht da ein Zusammenhang zwischen seinem eigenen Lebensverlauf und seinem Forschungsthema?

„Auf jeden Fall“, bestätigt er und erklärt: „Die Zeit zwischen meinem Abitur und dem Alter von 25 war prall gefüllt mit verschiedenen „Aktivitätszuständen“, wie freiberuflicher Arbeit (Privatlehrer, telefonische Befragungen), Studium (Probelauf: Chemie, Biologie) und meiner Arbeit in einem Unternehmen (Siemens). Wenngleich ich damals keine konkrete Berufsperspektive verfolgt habe und mich wenig zielstrebig einfach treiben liess, war diese Zeit für mich persönlich doch sehr wichtig, weil ich dabei viele informelle Qualifikationen und soziale Kompetenzen erworben habe. Daher bin ich davon überzeugt, dass mein Interesse am Übergang von der Schule in den Beruf zum Teil auf meine eigenen Erfahrungen zurückzuführen ist.“

Sein persönlicher Lebensweg qualifizierte ihn für den Wettbewerb des LIVES Best Paper Award for Early Scholars, der sich an Forscher richtet, die ihren Doktorgrad vor weniger als sieben Jahren erlangt haben. Für die zweite Preisvergabe in einem diesmal äusserst kompetitiven Wettbewerb wurden insgesamt 55 Artikel aus 15 Ländern eingereicht, wovon nur zwei von aktuellen oder früheren LIVES-Mitarbeitern stammen. Christian Brzinsky-Fay erhielt schliesslich aufgrund der Aktualität seiner Forschungsarbeit aus der Lebensverlaufsperspektive sowieihrer grossen wissenschaftlichen Relevanz und der hervorragenden Anwendung der Methoden die besten Bewertungen.

Bildungsexpansion

Anhand von Daten einer Erwachsenenbefragung des deutschen Nationalen Bildungspanels (NEPS) und der innovativen Methode der Sequenzanalyse betrachtet Christian Brzinsky-Fay die verschiedenen Einstiegsmöglichkeiten in den Arbeitsmarkt nicht als isolierte Ereignisse, sondern vielmehr als Muster von Lebensverläufen. Hierbei stellt er Unterschiede sowohl innerhalb der Kohorten als auch zwischen diesen fest, die alle von der Bildungsexpansion nach dem Zweiten Weltkrieg gekennzeichnet sind und verschiedenen makroökonomischen Rahmenbedingungen unterliegen. Dieser Ansatz ermöglicht es ihm zu untersuchen, ob das System der beruflichen Aus- und Weiterbildung (VET-System), das gemeinhin zu weniger Arbeitslosigkeit unter jungen Erwachsenen führen soll, zu allen verschiedenen Beschäftigungszeiten, also selbst in Zeiten mit weniger günstigen Berufsaussichten, in einem direkten Zusammenhang mit einer geringeren Instabilität und einer besseren beruflichen Integration steht.

Seine Ergebnisse belegen, dass der Anteil an jungen Leuten mit reibungslosen Übergangsmustern bei allen Kohorten zugenommen hat, was weitgehend auf den zunehmenden Besuch von weiterführenden Schulen vor dem Antritt einer Lehrstelle zurückzuführen ist. Wenngleich die Kohorten der Jahre 1965 und 1970 zahlenmässig die grösste Gruppe bilden und am Ende ihrer Pflichtschulzeit die schlechtesten Arbeitsmarktbedingungen vorfanden, weisen sie doch den niedrigsten Anteil von nicht-linearen Übergängen von der Schule in das Berufsleben auf. Dieser Instabilitäts-Cluster, der gegenwärtig abnimmt, war jedoch durch zahlreiche „Aktivitätszustände“ gekennzeichnet, was auf einen höheren Grad an Nicht-Linearität innerhalb einer „instabilen“ Minderheit hindeutet. Insgesamt waren 13 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen aller Kohorten von einer höheren Anzahl an Aktivitätszuständen betroffen, wovon 44 Prozent einen Schulabschluss hatten.

Geringere Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen

Originell an der Arbeit von Christian Brzinsky-Fay ist zudem, dass er nicht nur den ersten Eintritt in das Berufsleben betrachtet, sondern die Situation aller Personen im Alter von 30 Jahren beleuchtet. Anhand dieses Ansatzes kann er ermitteln, ob sich die verschiedenen Typen von Lebensverläufen nachhaltig auf die berufliche Situation auswirken, sobald das Alter, das allgemein als reguläres Erwachsenenalter betrachtet wird, erreicht ist. Er gelangt hierbei zu der Erkenntnis, dass Männer heutzutage ihre im Allgemeinen längeren Ausbildungszeiten kompensieren können und beachtliche soziale Aufstiegsmöglichkeiten aufweisen: Tatsächlich gibt es bei den jüngsten Kohorten verglichen mit der Kohorte von 1950 keine Verzögerung bei den beruflichen und sozioökonomischen Erfolgen. Für gut ausgebildete Frauen sieht die Situation dagegen viel ungünstiger aus: Haben diese erst einmal das reguläre Erwachsenenalter erreicht, laufen sie verstärkt Gefahr, Positionen, die sie eigentlich aufgrund ihres Ausbildungstands verdient hätten, gar nicht zu erreichen. Die Aufstiegsmobilität zwischen der ersten Anstellung und dem Alter von 30 Jahren verläuft bei den Frauen über alle Kohorten hinweg viel flacher.

Christian Brzinsky-Fay appelliert am Ende seines Artikels daran, „den Geschlechterunterschieden eine grössere Beachtung zu schenken.“ Trotz alledem verdeutlicht seine Untersuchung jedoch „das Verdienst, das den berufsbezogenen Aus- und Weiterbildungssystemen zukommt.“ Er kann zu Recht stolz darauf sein, seine eigene Ausbildung weiterverfolgt zu haben. Wir gratulieren ihm herzlich zu seiner Auszeichnung für ein so wichtiges Thema, wie es die Lebensverlaufsstudien sind!

>> Brzinsky-Fay, Christian & Solga, Heike (2016): Compressed, Postponed, or Disadvantaged? School-to-Work-Transition Patterns and Early Occupational Attainment in West GermanyResearch in Social Stratification and Mobility, Vol. 46, Part A, pp. 21-36.