iStock © Photosampler

Kein Niedergang, sondern Wachstum der Mittelklasse in der Schweiz

Die Mittelklasse ist nicht am Schrumpfen. Im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern hat sich die Berufsstruktur in der Schweiz in den 1990er und 2000er Jahren nicht polarisiert. Die zwölfte Ausgabe der Zeitschrift Social Change in Switzerland zeigt, dass die Beschäftigung vor allem in den hochqualifizierten Berufen gewachsen und den niedrig qualifizierten Berufen geschrumpft ist.

Beobachter der digitalen Revolution befürchten, dass die Automatisierung viele qualifizierte Berufe vom Arbeitsmarkt verdränge. Ihre These ist, dass die Beschäftigung nur noch an den Rändern wachse: in den hochbezahlten akademischen Berufen einerseits und den schlecht entlohnten persönlichen Dienstleistungen andrerseits. Als Resultat werde die Mittelklasse ausgehöhlt.

In einer neuen Studie widerlegenDaniel Oesch und Emily Murphy diese These. Auf der Basis der Volkszählungen von 1970 bis 2010 zeigen sie, dass die Beschäftigung in jedem Jahrzehnt in den gut bezahlten Berufen am stärksten zugenommen und, mit Ausnahme des Baubooms in den 1980er Jahren, in den niedrig entlohnten Berufen am deutlichsten abgenommen hat.

Diese Aufwertung der Berufsstruktur erklärt sich mit dem Wachstum der « neuen » Mittelklasse, die von der Bildungsexpansion profitiert hat. Zwischen 1991 und 2016 wuchs der Anteil der Manager, Experten und Techniker an der Erwerbsbevölkerung von 34 auf 48%. Zugleich fiel jener der Industriearbeiter und Handwerker von 23 auf 16% und jener von Bürohilfskräften von 17 auf 8%.

Nur eine Kategorie der Arbeiterklasse hat seit 1991 an Gewicht gewonnen: Die Angestellten in einfachen persönlichen Dienstleistungen vergrösserten ihren Anteil von 13 auf 15%. Dieses Wachstum war jedoch zu schwach, um den Abbau einfacher Stellen in der Landwirtschaft, Industrie und dem Back Office zu kompensieren. Der technologische Fortschritt hat folglich nicht die Mittelklasse ausgehöhlt, sondern die Ränge der Industriearbeiter und Bürohilfskräfte ausgedünnt.

>> Daniel Oesch & Emily Murphy (2017). Keine Erosion, sondern Wachstum der Mittelklasse. Der Wandel der Schweizer Berufsstruktur seit 1970. Social Change in Switzerland No 12, www.socialchangeswitzerland.ch

Kontakt : Daniel Oesch, +34 91 624 85 08, daniel.oesch@unil.ch

Die Reihe Social Change in Switzerland dokumentiert laufend die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz. Die Reihe wird gemeinsam herausgegeben vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS, vom Zentrum für die Erforschung von Lebensläufen und Ungleichheiten der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Lausanne LINES, sowie vom Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES).  Ziel der Reihe ist es, Veränderungen bezüglich Arbeit, Familie, Einkommen, Mobilität, Stimmrecht oder Geschlechterverhältnisse aufzuzeigen. Die Beiträge beruhen auf wissenschaftlichen Untersuchungen und richten sich an ein breiteres Publikum.