Photo © Annick Ramp / Biel/Bienne Festival of Photography / NCCR LIVES

Die Verletzbarkeit in der Schweiz ins Blickfeld zu rücken, bedeutet auch, ihre Überwindung zu deuten

Der Nationale Forschungsschwerpunkt LIVES hat während sechs Monaten die Arbeit von drei jungen Fotografinnen unterstützt, deren Werke an den Bieler Fototagen vom 29. April bis zum 22. Mai 2016 ausgestellt werden. Eine Publikation mit dem Titel Downs and Ups. Visualisierungen der Vulnerabilität und Resilienz im Lebensverlauf vereint zudem eine Auswahl dieser Bilder und geht in drei Kapiteln auf die Fragen ein, die im Mittelpunkt der Forschungsarbeit zum Lebensverlauf stehen. Im Rahmen des Festivals findet am 13. Mai im Kongresshaus Biel überdies ein Podiumsgespräch zum Thema „Un/Sichtbarkeit: Verletzbarkeit in der Schweiz – Scheinthema oder wahres Tabu?” statt.

Mitte 2015 gewannen drei junge Frauen einen Wettbewerb im Einladungsverfahren, welcher vom NFS LIVES und den Bieler Fototagen lanciert worden war: Aufgabe der Teilnehmenden war es, ein Projekt zu den Begriffen Vulnerabilität und Resilienz vorzuschlagen. Die Künstlerinnen hatten sodann von Juli bis Dezember Zeit, ihre Bildideen umzusetzen. Mit der Ausstellung der drei Bildserien im Rahmen des Festivals, welches am 29. April eröffnet wird, erreicht dieses Abenteuer nun einen Höhepunkt. In Vergessenheit geraten dürften die Werke der drei Künstlerinnen nach Schluss der Ausstellung am 22. Mai jedoch nicht, denn ein Buch zum Thema zeigt eine Auswahl der Fotos in Begleitung von Texten, die dem Leser den wissenschaftlichen Ansatz der Lebensverläufe näherbringen.

Die Fotoprojekte

Simone Haug hat sich in ihrem Projekt mit Akrobaten im Ruhestand beschäftigt – einstigen Nomaden, die sich erst an ein sesshaftes Leben gewöhnen mussten, Vollblut-Artisten, die nicht mehr im Rampenlicht stehen, Ex-Kunstturnern, die sich mit ihrem alternden Körper abfinden müssen. Im Buch Downs and Ups erklärt Prof. Laura Bernardi, wie die verschiedenen Ereignisstränge, die unseren Lebensverlauf beeinflussen, miteinander verknüpft sind, wie sie Stress erzeugen oder im Gegenteil ausgleichende Ressourcen freisetzen können. Familiäre, berufliche, wohnsitzbezogene und gesundheitliche Entwicklungen überlagern sich und führen mitunter zu Konflikten, können in ihren Wechselwirkungen aber auch Wegbereiter für neue Lösungsansätze sein. Das Sicherheitsnetz ist nicht immer dort, wo man es erwartet.

Delphine Schacher hat sich für die Bewohner des Bois des Frères, einer heruntergekommenen Barackensiedlung am Standrand von Genf, interessiert und mit ihren Bildern bei Prof. Dario Spini Kindheitserinnerungen wachgerufen. Der zum Direktor des NFS LIVES aufgestiegene Sohn von Einwanderern beobachtet die verschiedenen Ebenen, auf denen sich diese Lebensverläufe entfalten, mit den Augen eines Erwachsenen und eines Forschers – eine Betrachtungsweise, die vom physischen Körper ausgeht und schliesslich bei den sozialen Normen ankommt, denen wir alle unterworfen sind. Prekarität, Randständigkeit, Improvisationsfähigkeit und Hoffnung prallen in der ebenso rauen wie solidaritätsstiftenden Umgebung der porträtierten Personen – und in der Analyse des Professors – aufeinander.

Annick Ramp hat die Transfrau Sandra eine Zeitlang mit der Kamera begleitet. Ihre Bilder zeigen Sandra in ihrer Verletzlichkeit und ihren Stärken als Folge eines aussergewöhnlichen, von schmerzlichen Erfahrungen, kräftezehrenden Kämpfen und Siegen geprägten Schicksals. Das Buch zeigt auf eindrückliche Weise, wie wichtig es ist, die Lebenswege im Zeitverlauf zu beobachten. Das Augenmerk liegt dabei auf der Kumulierung von Nachteilen und auf der Art und Weise, wie der Einzelne seine eigene Geschichte konstruiert und seine Identität in den entscheidenden Phasen und Wendungen des Lebens entwickelt und festigt.

Stress und Ressourcen

Die Forschung zum Lebensverlauf ist der breiten Öffentlichkeit noch wenig bekannt. In der Schweiz wird sie vom Bund unterstützt, der zu diesem Zweck einen Nationalen Forschungsschwerpunkt geschaffen hat, welcher für die Dauer von zwölf Jahren vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanziert wird. Damit haben seit 2011 rund 150 Forschende auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften an rund zehn Universitäten und Hochschulen die Möglichkeit, verschiedene Longitudinalstudien zum Thema Verletzbarkeit durchzuführen. Der Begriff der Verletzbarkeit ist definiert als ein Mangel an Ressourcen (psychologischer, physiologischer, sozialer, wirtschaftlicher, kultureller oder institutioneller Natur) angesichts belastender und Stress erzeugender Ereignisse oder Phasen des Lebens (Scheidung, Arbeitslosigkeit, Migration, Alter, Trauer usw.).

In diesem Sinne kann jeder Mensch früher oder später von der Verletzbarkeit betroffen sein. Und da es sich um ein dynamisches Phänomen handelt, kann Verletzbarkeit nicht getrennt von ihrem Gegenpol, der Resilienz, betrachtet werden, deren Triebfedern es besser zu verstehen gilt. Das Studium der Lebensverläufe zeigt in der Tat, dass die Individuen zwar durch ihren sozialen und geschichtlichen Hintergrund geprägt sind, gleichzeitig aber auch über eine gewisse Handlungsfähigkeit verfügen und sich im Laufe ihres Lebens permanent weiterentwickeln.

Die breite Öffentlichkeit ansprechen

Ein Teil der finanziellen Mittel des NFS LIVES ist für Projekte im Bereich des Wissenstransfers zugunsten der breiten Öffentlichkeit bestimmt. Dies ist denn auch der Grund für die Zusammenarbeit mit den Bieler Fototagen. Wichtigstes Ziel war es, eine allgemein verständliche Sprache – die Bildsprache – zu verwenden, um essentielle, aber oft vernachlässigte Fragen aufzugreifen. Für ein Forschungszentrum, welches bereits mehrere wissenschaftliche Artikel über atypische Berufe oder die berufliche Eingliederung junger Menschen veröffentlicht hat, war es zudem ein Anliegen, jungen Fotografen ein Sprungbrett für die berufliche Karriere zu bieten.

In Ergänzung zu den drei Fotoausstellungen und zur erwähnten Publikation findet am 13. Mai im Kongresszentrum Biel eine Podiumsdiskussion über die Frage der Sichtbarkeit bzw. Unsichtbarkeit der Vulnerabilität in der Schweiz statt, um einen Dialog mit dem Publikum zu ermöglichen. Wird Verletzbarkeit zu oft oder zu wenig gezeigt? Wo ist sie anzutreffen? Was kann man dagegen tun? Unter der Leitung des Journalisten Dominique Antenen diskutieren Felix Bühlmann, Soziologe beim NFS LIVES, Jérôme Cosandey, Projektleiter Avenir Suisse, Eric Fehr, Stadtpräsident von Biel, Thérèse Frösch, Co-Präsidentin der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS), und die Fotografin Delphine Schacher über diese Fragen.

In einer Stadt, die am Schnittpunkt zwischen dem französischsprachigen und dem deutschsprachigen Kulturraum liegt und eine der höchsten Sozialhilfequoten der Schweiz aufweist, erhofft man sich von dieser Veranstaltungsreihe eine interessante landesweite Debatte.

>> Ausstellungen: Simone Haug: Acrobates !. Delphine Schacher: Bois des Frères. Annick Ramp: Sandra - Ich bin eben doch eine Frau. Vom 29. April bis 22. Mai 2016, PhotoforumPasquArt, Biel.

>> Hélène Joye-Cagnard und Emmanuelle Marendaz Colle (Hrsg.) (2016). Downs and Ups. Visualisierungen der Vulnerabilität und Resilienz im Lebensverlauf. Gent: Snoeck Publishers. 108 S. (dreisprachig F/D/E). Bestellungen unter: office@jouph.ch

>> Podiumsgespräch Un/Sichtbarkeit: Verletzbarkeit in der Schweiz – Scheinthema oder wahres Tabu? 13. Mai um 18.15 Uhr, Kongresshaus Biel (Simultanübersetzung Französisch/Deutsch).

>> Führung: Lebenswege mit Dario Spini, Direktor des NFS LIVES. Führung durch die Ausstellungen von Simone Haug, Annick Ramp und Delphine Schacher, 14. Mai von 16.00 bis 17.30 Uhr.

>> Vollständiges Programm der Bieler Fototage unter http://www.bielerfototage.ch/de