M. Oris and G. Ritschard: Sequence Analysis and Transition to Adulthood

Die «grossen Namen einer kleinen Methode» in einem Buch vereint

Die Genferseeregion ist zu einem wichtigen Motor für die Entwicklung der Sequenzanalyse geworden, einer statistischen Methode, die in den Sozialwissenschaften immer mehr Anerkennung findet: Forscher der Universität Lausanne und der Universität Genf, die sich im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES mit Lebensverläufen befassen, haben - mit anderen! - wesentlich zu den jüngsten Fortschritten beigetragen, die nun in einem von Philippe Blanchard, Felix Bühlmann und Jacques-Antoine Gauthier herausgegebenen Buch im Springer-Verlag zusammengefasst wurden.

Warum fällt eine bestimmte Person ins Prekariat und eine andere nicht? Bis vor einigen Jahren konnten die Sozialwissenschaften keine Aussagen darüber machen, da sie nur über synchrone Modelle verfügten, welche die Situation der Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens erfassten und nicht in einer Längsschnittperspektive. Die Entwicklung der wissenschaftlichen Lebensverlaufsperspektive, die per definitionem diachron und interdisziplinär ausgerichtet ist, führte zu einem vermehrten Interesse für Prozesse. Dafür wurde stark auf Methoden der Naturwissenschaften - insbesondere der Genetik und Bioinformatik - zurückgegriffen, um Folgen von Zuständen und Ereignissen statistisch darstellen zu können.

Mit der Sequenzanalyse können verschiedene Typen individueller Lebenswege konstruiert werden. Dies erleichtert die Untersuchung von Familienkonfigurationen, Berufskarrieren und berufliche Einstiege, Lebensübergänge wie der Eintritt ins Erwachsenenleben, in die Elternschaft oder in den Ruhestand sowie Migrationswege, Gesundheitsverläufe und Alterungsprozesse. Die Methode hat auch ausserhalb der Soziologie Verbreitung gefunden und ist heute nicht mehr wegzudenken aus Gebieten wie der Entwicklungspsychologie, der Geschichte, der Demografie und der Politikwissenschaft.

Die verschiedenen Anwendungen der Methode wurden nun in einem Buch zusammengefasst, dessen Herausgeberschaft aus einer Zusammenarbeit der Universitäten Lausanne und Genf entstanden ist. Advances in Sequence Analysis: Theory, Method, Applications (Fortschritte in der Sequenzanalyse: Theorie, Methode, Anwendungen) ist der zweite Band einer Reihe im Springer-Verlag, die sich der Erforschung der Lebensverläufe und der Sozialpolitik widmet. Sie steht unter der Leitung der drei Vorstandsmitglieder des NFS LIVES Dario Spini, Michel Oris und Laura Bernardi.

Die Frucht einer Zusammenarbeit zwischen Lausanne und Genf

2012 haben sich bei einer Konferenz über die Sequenzanalyse (LaCOSA) rund 30 Anwender dieser Methode aus der ganzen Welt in Lausanne um bekannte Forscher wie Cees Elzinga, Brendan Halpin und Anette Fasang versammelt. Organisiert wurde die Konferenz von Philippe Blanchard vom Institut d’études politiques et internationales (IEPI) sowie von Felix Bühlmann und Jacques-Antoine Gauthier vom Institut des sciences sociales (ISS), die beide auch Mitglieder des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES sind. Ein Drittel der Teilnehmenden und verschiedene Referierende stammten ebenfalls aus dem Umfeld von LIVES, insbesondere das Team von Prof. Gilbert Ritschard der Universität Genf, welches das Instrument TraMineR entwickelt hat, das auf der Sequenzanalyse beruht und für Spezialisten zu einer wichtigen Referenz geworden ist.

«Verglichen mit anderen Methoden wird die Sequenzanalyse nur von einer relativ beschränkten Gemeinschaft angewendet», erklärt Felix Bühlmann. «Deshalb haben wir uns sehr gefreut, dass wir 'die grossen Namen dieser kleinen Methode' dafür gewinnen konnten, an der Konferenz teilzunehmen und sich an einem Sammelband zu beteiligen.»

Innovative Konzepte

«Die Stärke des Buchs liegt in einer scheinbaren Schwäche: Die Methode und die behandelten Themen finden selten Eingang in die wissenschaftlichen Zeitschriften, da diese ein Format verlangen, das für die konzeptuellen und visuellen Innovationen der Sequenzanalyse kaum einzuhalten ist», erläutert Felix Bühlmann.

Für Jacques-Antoine Gautier «leistet die Bandbreite der Beiträge im Buch einen Beitrag zur Stärkung der Gemeinschaft der Anwender dieser Methode. Sie schafft einen Raum für die Reflexion über die Sequenzanalyse und ihren Platz in den Sozialwissenschaften.»

Innerhalb des NFS LIVES greifen verschiedene Studien über die Verletzbarkeit von Personengruppen auf die Sequenzanalyse zurück, da damit die Komplexität der individuellen Werdegänge einfacher dargestellt und so die Etappen und Übergänge, die den Lebensverlauf prägen, besser sichtbar gemacht werden können.

Und die Methode gewinnt immer mehr Anhänger: Führende Spezialisten von LIVES werden sich am 8. Oktober 2014 an einem  Methoden-Workshop mit Forscherinnen und Forschern aus der ganzen Welt austauschen, vor der Jahreskonferenz der Society for Longitudinal and Life Course Studies (SLLS), die dieses Jahr an der Universität Lausanne stattfindet.