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Die Grenzen der Einelternschaft sind fliessend. Ein neues Buch hilft uns, Bilanz zu ziehen

Der 8. Band der Reihe Life Course Research and Social Policies, die unter Leitung des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES vom Springer-Verlag herausgegeben wird, behandelt eine zentrale Problematik der Lebensverlaufsforschung, nämlich die zunehmende Komplexität der Familienformen. Eine immer grössere Zahl von Menschen durchlebt im Lebensverlauf die Erfahrung des Alleinerziehens. Die Einelternschaft, die allgemein mit einem grösseren Risiko der Verletzbarkeit verbunden wird, ist ein dynamischer Prozess. Sie begrenzt sich nicht auf bestimmte Stereotypen und stellt die Sozialpolitik vor neue Herausforderungen.

Die Veröffentlichung, die in diesen Tagen unter dem Titel Lone Parenthood in the Life Course als Open Access Publikation erscheint, geht aus einem Kolloquium hervor, das 2014 vom Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES veranstaltet wurde. Das Buch umfasst 15 Kapitel mit verschiedenen Ansichten zur Einelternschaft und ermöglicht eine vergleichende, interdisziplinäre Sicht auf dieses im 21. Jahrhundert so häufig zu beobachtende Phänomen.

Das von Laura Bernardi, Professorin am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Lausanne und Vizedirektorin des NFS LIVES, sowie Dimitri Mortelmans, Professor für Soziologie an der Universität Antwerpen, herausgegebene Werk schildert die vielfältigen Situationen von Alleinerziehenden in mehreren Ländern, wobei die Komplexität dieser Familien aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet wird:  Zugang zum Arbeitsmarkt und zu Sozialleistungen, Gesundheit, Wohlstand, Repräsentationen, Sozialkapital usw.

„Die zunehmende Verschiedenartigkeit von Einelternhaushalten wurde in der wissenschaftlichen Literatur noch nicht hinreichend untersucht“, hält Laura Bernardi fest. Tatsächlich haben sich die gesellschaftlichen Profile innerhalb von drei Jahrzehnten sehr unterschiedlich entwickelt. Früher handelte es sich bei Alleinerziehenden vornehmlich um Witwen und nur in seltenen Fällen um geächtete ledige „Mädchenmütter“. Heute ist ein viel grösserer Anteil der Bevölkerung von der Einelternschaft betroffen, vor allem geschiedene oder getrennt lebende Frauen. Dabei hat die durchschnittliche Dauer der Einelternschaft jedoch deutlich abgenommen, da ein sehr hoher Anteil der Betroffenen nach einigen Jahren des Alleinlebens wieder eine neue Partnerschaft eingeht. Hinzu kommen auch immer häufiger Fälle, in denen das Sorgerecht abwechselnd ausgeübt wird.

Die Komplexität der verschiedenen Familienformen verstehen

„Diese Veränderungen machen es schwierig, die Grenzen der Einelternschaft präzise zu definieren. Soziodemografische und administrative Kriterien überschneiden sich nicht immer und entsprechen zudem mitunter sehr wenig der Dynamik der Wohnverhältnisse der Kinder oder der tatsächlichen Erfahrung der Eltern“, hält Laura Bernardi weiter fest.

So wird zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter, die gemeinsam mit ihren Kindern mit einem neuen Partner zusammenzieht, von den Institutionen manchmal nicht mehr als Einelternhaushalt angesehen. In den meisten Fällen endet der Status von Alleinerziehenden allerdings nicht mit dem Eingehen einer neuen Partnerschaft, selbst wenn der Elternteil nicht mehr mit seinen Kindern allein lebt. Wie Laura Bernardi hierzu meint, „die gesetzlichen Pflichten lasten weiterhin auf den Schultern des sorgeberechtigten Elternteils, auch wenn natürlich vom wirtschaftlichen und emotionalen Standpunkt betrachtet alles vom Engagement des neuen Partners gegenüber dem Kind abhängt.“

Der Forscherin zufolge sollten die Administrativdaten sowie die Daten aus wissenschaftlichen Befragungen mehr Einzelheiten über die konkreten Lebensbedingungen der Kinder liefern und Aufschluss darüber geben, wer sich wie lange um die Kinder kümmert und wie die verschiedenen Kosten untereinander aufgeteilt werden.

In der Schweiz und anderswo

Die Einleitung des Buches enthält einen Überblick über die letzten Forschungsarbeiten, die zur Einelternschaft in Verbindung mit den verschiedenen Dimensionen des Verlaufs des Lebens durchgeführt wurden, sowie mehrere Datensätze, die einen Querschnitt der Entwicklung der Einelternschaft seit den 1960-Jahren in etwa zwanzig Ländern ermöglichen, darunter die Schweiz, Russland, die USA und mehrere europäische Länder.

In den folgenden Kapiteln werden mehrere Forschungsthemen im Kontext der verschiedenen Länder erarbeitet. Das Kapitel über die Schweiz, das von Laura Bernardi und Ornella Larenza verfasst wurde, berichtet über eine qualitative Studie, die bei 40 Alleinerziehenden in den Kantonen Genf und Waadt durchgeführt wurde. Hier wird beschrieben, dass der Übergang zur Einelternschaft meist ein nicht-linearer und schrittweiser Prozess ist, dessen Anfang und manchmal sogar Ende von den Betroffenen zeitlich nur schwer bestimmt werden können, was auf ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu ihrem(n) (Ex)-Partner(n) und die Einstellung zu ihrer familiären Situation hindeutet.

Ist es jedoch angesichts immer mehr nichttraditioneller Familien wirklich hilfreich, die Grenzen der Einelternschaft genau abzustecken? Ja, bekräftigt Laura Bernardi: „Denn wenn die Notwendigkeit einer genauen Definition der Einelternschaft vor dem Hintergrund häufig nur übergangsweise getroffener Vorkehrungen auch fragwürdig erscheinen mag, so bleibt doch die Notwendigkeit zu bestimmen, wer gesetzlich und praktisch für die Kinder verantwortlich ist.“ Andererseits ist die Forscherin der Ansicht, dass die Politik „die Rechte und Pflichten von Eltern innerhalb eines erweiterten Rahmens von komplexen familiären Konfigurationen überdenken müsste, anstatt Alleinerziehende als homogene Bevölkerungsgruppe von Bedürftigen zu klassifizieren.“

Einelternschaft und Armutsrisiko

Die Geläufigkeit dieses Phänomens sollte jedoch nicht verschleiern, dass Einelternfamilien nach wie vor einem höheren Armutsrisiko ausgesetzt sind als andere Bevölkerungsgruppen. Diese Risiken entstehen vor allem dann, wenn mehrere Faktoren aufeinandertreffen: frühe Mutterschaft, fehlende Ausbildung, Arbeitslosigkeit, gesundheitliche Probleme. Die Einelternschaft stellt somit die Weichen für geschlechts- und klassenspezifische Ungleichheiten, die durch die Sozialstrukturen noch deutlicher spürbar sind.

So verdeutlicht ein Kapitel des Werkes auch, dass Länder mit einer weniger fortgeschrittenen Geschlechtergerechtigkeit auch diejenigen sind, in denen der Armutsanteil von alleinerziehenden Müttern am höchsten ist. Die geringe Eingliederung von Frauen in den Arbeitsmarkt und die Schwierigkeit, Berufstätigkeit und Familienleben miteinander zu vereinen, erhöhen das Risiko erheblich, Sozialhilfe in Anspruch nehmen zu müssen.

Die Forschung zeigt jedoch, dass die Berufstätigkeit alleinerziehender Frauen deren Wohlbefinden ebenso steigert wie ihr persönliches Glücksempfinden und die Gesundheit und sie gleichzeitig stressresistenter macht als solche, die sich ausschliesslich um ihre Kinder kümmern. Dies verdeutlichte zum Beispiel Emanuela Struffolino, eine der Autorinnen des Buches, im Jahre 2016 in einem anderen Artikel, der zusammen mit Laura Bernardi und Marieke Voorpostel auf der Basis von Daten des Schweizer Haushaltspanels verfasst wurde1.

Für universale (Sozial-)Politiken

Eine wichtige Erkenntnis des Buches ist die Feststellung, dass eine Sozialpolitik, die gezielt Alleinerziehende als homogene Gruppe anspricht, weniger wirksam ist als universale Massnahmen. Wie Laura Bernardi ausführt, können sich zielgerichtete, einseitige Massnahmen sogar als kontraproduktiv erweisen, da sie die Gefahr bergen, Alleinerziehende von einer Beschäftigung oder dem Eingehen einer neuen Partnerschaft abzuhalten.

Ihr zufolge „lassen sich mit einer Politik, die allen Eltern ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Familie garantiert, im Hinblick auf eine Verringerung von Armut und gesundheitlichen Risiken bessere Ergebnisse erzielen als mit gezielten, stigmatisierenden Massnahmen.“

Und weil die Einelternschaft letztendlich vor allem für sehr junge Frauen ohne Qualifikation ein Risiko darstellt, sieht Laura Bernardi die Förderung von Bildungsmöglichkeiten für alle Personen ungeachtet des Alters und des Elternstatus eine der wichtigsten Strategien zur Verbesserung dieser Situation. „Der Übergang von der Schule zum Arbeitsmarkt sollte flexibel gestaltet werden und es jungen Müttern ermöglichen, fachliche Kompetenzen zu erwerben, um so der Negativspirale aus Nachteilen entgegenzuwirken.“

>> Laura Bernardi & Dimitri Mortelmans (eds.) (2017). Lone Parenthood in the Life Course. Dordrecht, The Netherlands: Springer, Life Course Research and Social Policies, Vol. 8.

  • 1. Struffolino E., Bernardi L., Voorpostel M. (2016) Self-reported Health among Lone Mothers in Switzerland:Do Employment and Education Matter? Population-E, 71 (2) pp. 187-214. DOI: 10.3917/pope.1602.0187. Winner of the Population Young Author Prize 2016.