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Die erhöhte Sterblichkeit von Jugendlichen ist kein Schicksal, sondern die Folge sozialer Ungleichheiten

Zu Beginn des Erwachsenenalters besteht ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko. Als Erklärung für dieses Phänomen lassen sich drei mögliche Ursachen anführen: ein «innerer Unruhezustand» im Zusammenhang mit der psychologischen Entwicklung der jungen Heranwachsenden; das sozioökonomische Umfeld und die Folgen, die durch die Übernahme neuer Rollen im Erwachsenenalter entstehen; ein Auswahleffekt durch das Vorhandensein einer kleinen Gruppe von besonders gefährdeten Personen. Unter weitgehendem Ausschluss der ersten Hypothese trägt Adrien Remund zur Aufklärung dieses Phänomens in seiner Doktorarbeit bei, die er am 21. Mai 2015 erfolgreich an der Universität Genf verteidigte.

Das erhöhte Sterblichkeitsrisiko, das beim Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter vorübergehend auftritt, ist als Phänomen seit über einem Jahrhundert bekannt. Obwohl die erhöhte Sterblichkeit ausführlich dokumentiert und eine anerkannte demografische Gegebenheit ist, wurde sie bis heute nie hinreichend definiert, gemessen oder erklärt.

Die Doktorarbeit, die Adrien Remund im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES an der Universität Genf verfasst hat, schliesst diese Lücken und zeigt auf, dass die Präsenz einer sehr kleinen, gefährdeten Bevölkerungsgruppe ausreicht, um die Sterblichkeitsrate anzuheben, ohne dass allgemein die Gründe für ein erhöhtes persönliches Sterblichkeitsrisiko bekannt sind.

Im Gegensatz zu der bislang vertretenen Sichtweise bestimmter Demografen sowie zahlreicher Psychologen und (Neuro)psychologen sei folglich die erhöhte Sterblichkeit von Jugendlichen nicht in erster Linie auf die in dieser Lebensphase allgemein verbreiteten gefährlichen Verhaltensweisen zurückzuführen, sondern auf soziale, ökonomische und biologische Ungleichheiten, die in jener Altersgruppe besonders ausgeprägt sind. Nach Ausschluss der am stärksten gefährdeten Personen zeigt die Sterbekurve wieder einen gleichmässigeren Verlauf.

Im Vorfeld dieser Ergebnisse prüfte der Forscher die verschiedenen theoretischen Hypothesen und stützte sich dabei auf bestehende, aber auch auf neuartige methodologische Instrumente. Er analysierte in diesem Rahmen die Mortalitätsstatistik von mehr als 10'000 verschiedenen Bevölkerungsgruppen mithilfe der Human Mortality Database, die Datensätze aus vier Jahrhunderten und vier Kontinenten enthält.

Auf diese Weise konnte Adrien Remund aufzeigen, dass die erhöhte Sterblichkeit junger Erwachsener weder ein universelles Phänomen, noch auf Jugendliche beschränkt ist und sich auch nicht nur auf Unfälle und Suizide zurückführen lässt. So wurde das Phänomen vor dem Zweiten Weltkrieg im Wesentlichen auf die Tuberkulose und die Müttersterblichkeit zurückgeführt.

Der junge Demograf stützte sich darüber hinaus auf die in der Swiss National Cohort zusammengetragenen schweizerischen Sterberegister, um die Ungleichheiten bei der Sterblichkeit der Jugendlichen auch lokal näher zu untersuchen. Zudem studierte Adrien Remund die Überlebensrate zwischen 10 und 34 Jahren einer Kohorte von etwa 375'000 Bürgern der Jahrgänge 1975 bis 1979.

Risikogruppen

Die Daten aus der Schweiz belegen «unerwartet starke» Ungleichheiten, insbesondere hinsichtlich Geschlecht, Bildungsniveau, Haushaltstyp und sozioökonomischem Status. Häufen sich diese Faktoren der Verletzbarkeit, sind Risikoverhältnisse von 1 bis 100 unter den begünstigtsten wie auch den gefährdeten Risikoprofilen anzutreffen. Für den Forscher ist damit der Beweis erbracht, dass es sich nicht um ein unvermeidliches Phänomen handelt.

«Nein, die erhöhte Sterblichkeit junger Erwachsener ist kein unabwendbares Schicksal, denn zahlreiche Bevölkerungsgruppen in der Vergangenheit sowie ein Grossteil der in der Schweiz aufwachsenden Jugendlichen konnten sich diesem entziehen. Natürlich stellen Verkehrsunfälle und Suizide gegenwärtig die grösste Herausforderung der Gesundheitspolitik dar. Die Geschichte lehrt uns jedoch, dass früher andere Ursachen als gewaltsame Todesfälle massgeblich zur erhöhten Sterblichkeit junger Erwachsener beigetragen haben. Und schliesslich, ja, der sozioökonomische Kontext beim Übertritt ins Erwachsenenalter bietet Raum für gewaltige Ungleichheiten in Bezug auf das Sterblichkeitsrisiko, die wahrscheinlich eine bessere Erklärung für die erhöhte Sterblichkeit junger Erwachsener liefern als die Theorien, die sich nur auf die neuropsychologische Entwicklung jugendlicher Menschen stützen», so lautet die Schlussfolgerung von Adrien Remund in seiner Doktorarbeit.

Der Demograf hofft, dass seine Schlussfolgerungen die Strategie des öffentlichen Gesundheitswesens hinsichtlich junger Erwachsene entsprechend beeinflussen. Allerdings vertritt er die Auffassung, dass die Forschung nicht an diesem Punkt beendet sein sollte: «Ich könnte mit Sicherheit meine gesamte Karriere nur diesem Thema widmen», erklärte er am 21. Mai anlässlich der öffentlichen Verteidigung seiner Doktorarbeit.

«Ein wichtiges Standardwerk»

«Diese Doktorarbeit wird als ein wichtiges Standardwerk in die Forschung eingehen», bestätigte Carlo Giovani Camarda, Jurymitglied und Forscher am französischen Nationalen Institut für demografische Studien (INED) in Paris.

Die anderen Mitglieder der Jury hoben zudem die «Kühnheit», «Innovation» und «Interdisziplinarität» der Doktorarbeit hervor. «Sie haben die Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte zu vereinfachen», erklärte France Meslé, Forschungsleiterin am INED.

Adrien Remund wird in den kommenden Monaten zahlreiche Gelegenheiten zum Austausch mit den beiden Forschern haben, da er ein «Early Postdoc.Mobility»-Stipendium vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung erhalten hat, welches ihm die Möglichkeit zu einem Besuch der renommierten Institution INED bietet.

>> Remund, Adrien (2015). Jeunesses vulnérables? Mesures, composantes et causes de la surmortalité des jeunes adultes. Unter der Leitung von Michel Oris. Universität Genf.