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Acht Prozent Working Poor in der Schweiz. Ohne Sozialtransfers wäre die Quote doppelt so hoch

In einem Artikel für die Reihe Social Change in Switzerland zeigt Eric Crettaz die vier Mechanismen auf, die zu Erwerbsarmut in der Schweiz führen. Er verwendet neue Daten, um neben der monetären Armut auch das Phänomen der materiellen Entbehrung zu untersuchen. Seine Analyse zeigt, welche Personengruppen am stärksten betroffen sind. Das Sozialversicherungssystem ermöglicht es, die Zahl der von Armut betroffenen Arbeitnehmer¬innen und Arbeitnehmer zu halbieren.

Erwerbsarmut ist in der Schweiz eine Realität. Rund acht Prozent der Haushalte, in denen mindestens eine Person erwerbstätig ist, verdienen weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens. Ohne die verschiedenen Formen sozialer Transferleistungen läge der Anteil der «Working Poor» in der Schweiz bei 15 Prozent.

Anhand der Daten aus der SILC-Erhebung (Survey on Income and Living Conditions) 2015 misst Eric Crettaz neben der monetären Armut auch die Quote der materiellen Entbehrung. Materielle Entbehrung ist gegeben, wenn aus finanziellen Gründen drei von neun Indikatoren fehlen, wie beispielsweise die Möglichkeit, in den Urlaub zu fahren, eine unvorhergesehene Ausgabe zu decken, die Wohnräume angemessen zu beheizen, verschiedene Gebrauchsgegenstände zu besitzen usw.

Die Quote der materiellen Entbehrung verweist somit auf eine dauerhaft schwierige finanzielle Situation und liegt in der Schweiz bei drei Prozent der Haushalte mit erwerbstätigen Mitgliedern. Betroffen sind hauptsächlich gering qualifizierte Personen unter 40 Jahren, die aus Ländern ausserhalb Europas zugewandert sind, sowie Einelternhaushalte. Paare mit mehr als drei Kindern sowie Selbständigerwerbende sind zwar unter den «Working Poor» besonders stark vertreten, von materieller Entbehrung jedoch in geringerem Masse betroffen.

Dieser Unterschied erklärt sich insbesondere durch die vier Mechanismen, die gemäss Eric Crettaz zu Erwerbsarmut führen: ein unterdurchschnittliches Arbeitspensum der Mitglieder des Haushalts; ein tiefes Lohnniveau; mehrere Kinder pro erwachsener Person; keine oder ungenügende soziale Transferleistungen, insbesondere wenn Leistungsansprüche nicht geltend gemacht werden. Alleinerziehende und Personen mit Migrationshintergrund sind daher sowohl von der monetären Armut als auch von materieller Entbehrung besonders stark betroffen, da bei ihnen mehrere dieser Faktoren aufeinandertreffen.

>> Crettaz, E. (2018). Working Poor in der Schweiz: Ausmass und Mechanismen. Social Change in Switzerland No 15. Retrieved from https://www.socialchangeswitzerland.ch

Kontakt:  Eric Crettaz, +41 22 388 95 32, eric.crettaz@hesge.ch

Die Reihe Social Change in Switzerland dokumentiert laufend die gesellschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz. Die Reihe wird gemeinsam herausgegeben vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften FORS, vom Zentrum für die Erforschung von Lebensläufen und Ungleichheiten der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Lausanne LINES, sowie vom Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES).  Ziel der Reihe ist es, Veränderungen bezüglich Arbeit, Familie, Einkommen, Mobilität, Stimmrecht oder Geschlechterverhältnisse aufzuzeigen. Die Beiträge beruhen auf wissenschaftlichen Untersuchungen und richten sich an ein breiteres Publikum.