Was heisst es, verletzbar zu sein? Die Forschung zum Lebensverlauf aus dem Blickwinkel der Fernsehserien

Was heisst es, verletzbar zu sein? Die Forschung zum Lebensverlauf aus dem Blickwinkel der Fernsehserien

Das Konzept der Verletzbarkeit setzt sich in den Sozialwissenschaften zur Erklärung bestimmter Destabilisierungsphänomene im Hinblick auf soziale Risiken immer mehr durch. Der Nationale Forschungsschwerpunkt LIVES unterstützt diese theoretischen Überlegungen durch seinen interdisziplinären Ansatz weitgehend und hat kürzlich mit einer wichtigen Veröffentlichung und mehreren bedeutenden wissenschaftlichen Kooperationen zur Entwicklung des Paradigmas des Lebensverlaufs beigetragen. Zum besseren Verständnis dieser Errungenschaften kann sich der Umweg über die Unterhaltung als klärend erweisen. Tatsächlich haben die Drehbuchautoren der beliebtesten Fernsehserien intuitiv verstanden, was die Studien belegen: Gefahr wird nur dann als stressig empfunden, wenn Berufs- und Privatleben miteinander vermischt werden. Der Einzelne muss auf verschiedenen Ebenen gegen Bedrohungen ankämpfen, die sowohl seine körperliche Unversehrtheit als auch seine Beziehungen, seine Identität und seine Werte berühren können. Schliesslich spielt die Zeitlichkeit eine ganz wesentliche Rolle – für die Handlung einer guten Geschichte genauso wie für den realen Lebensverlauf.

Seit es Zeitungen gibt, sind die Leute schon immer leicht der Anziehungskraft von Fortsetzungsromanen mit ihrem Spannungspotenzial und ihren unerwarteten Wendungen erlegen. Im 20. Jahrhundert machten diese gedruckten Erzählungen dann den Fernsehserien Platz, die zu Beginn des dritten Jahrtausends mit dem zunehmenden Angebot und einem leichteren Zugang zu diesen Programmen infolge der digitalen Revolution immer mehr an Bedeutung gewannen. Eine der symbolträchtigsten Serien der 2000er Jahre war die Serie 24, die den Alltag des Anti-Terror-Bundesagenten Jack Bauer schilderte. In der ersten Staffel musste der Protagonist einen Präsidentschaftskandidaten beschützen, während seine eigene Familie bedroht wurde – seine Ehefrau und seine Tochter wurden verschleppt. Hierbei waren die Emotionen der Zuschauer garantiert: Schnell wurden diese durch die Rastlosigkeit und die von der Hauptfigur verkörperte Verzweiflungsenergie in den Bann der Geschichte gezogen. Ohne diese emotionalen Bindungen wäre die Hauptfigur nur ein „einfacher“ Superman ohne menschliche Komplexität gewesen.

Das Erfolgsrezept einer Serie, die Mischung aus beruflichen und privaten Elementen, wurde in den Folgejahren von unzähligen Produktionen verwendet. Diese Spannung in verschiedenen Lebensbereichen – Beziehungen, Lebensraum, Unternehmungen, Gesundheit – bildet auch den ersten Schwerpunkt der Befragung des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES – Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens (NFS LIVES). Dieses von der Universität Lausanne und der Universität Genf gemeinsam in Kooperation mit Forschungsgruppen in Zürich, Bern, Freiburg, Basel, Luzern usw. betriebene Wissenschaftsprogramm hat kürzlich eine Sonderausgabe der renommierten amerikanischen Zeitschrift Research in Human Development herausgebracht, die eine wichtige Etappe in der Theoretisierung des Konzepts der Verletzbarkeit darstellt. Dieses wird als das geeignetste Konzept erachtet, um die verschiedenen, an der Forschung zum Lebensverlauf beteiligten sozialwisschenschaftlichen Disziplinen miteinander zu vereinen.

Verbreitung von Stress

Nach Dario Spini, Laura Bernardi und Michel Oris, Herausgeber dieser Publikation, «stellt die Verletzbarkeit einen Mangel an Ressourcen in einem oder mehreren Lebensbereichen dar, der den Einzelnen oder eine Personengruppe vermehrt der Gefahr folgender Phänomene aussetzt: (1) Negative Folgen der Stressursachen; (2) Unfähigkeit, die Stressursachen effizient zu bewältigen; (3) Unfähigkeit, sich die Stressursachen vor Augen zu führen oder innerhalb einer gewissen Zeit von Chancen zu profitieren.» Die Autoren plädieren für eine «systemische und dynamische» Sicht auf die Verletzbarkeit im Lebensverlauf und schlagen hierzu drei Forschungsrichtungen vor. Zunächst gehen sie davon aus, dass der Vorgang der Stressverbreitung und der Ressourcenmobilisierung mehrdimensional verläuft, das heisst innerhalb von verschiedenen Lebensbereichen, wie wir es bei Jack Bauer gesehen haben. Anschliessend stellen die drei Forscher die These auf, dass dieser Prozess auf mehreren Ebenen stattfindet – von der Mikro- bis zur Makroebene. Dies bedeutet, dass die verletzbare Person nicht analysiert werden kann, ohne dabei auch ihr soziales und normatives Umfeld einzubeziehen. Schliesslich betonen sie, dass die Analyse der Verletzbarkeit im Lebensverlauf multidirektional erfolgen muss: Die Verletzbarkeit entwickelt sich mit der Zeit und ist Veränderungen unterworfen, deren Ursachen sich selten leicht ermitteln lassen und die weder vor retrospektiven Interpretationen noch vor korrigierenden Vorwegnahmen geschützt sind.

Keines der Szenarien der amerikanischen Produktionsstudios veranschaulicht besser die drei oben genannten Perspektiven als die berühmte Fernsehserie Breaking Bad, die mehrere Preise gewonnen hat und in den Jahren 2008 bis 2013 sowohl Kritiker als auch das Publikum überzeugte. Die fünf Staffeln erzählen die Geschichte eines dem Anschein nach ganz banalen Mannes, der Chemielehrer an einem Vorstadtgymnasium ist und sich, als er erfährt, dass er an Krebs erkrankt ist, zu einem Hersteller von Drogen entwickelt, mit denen er seine Familie absichern möchte. Die Handlung mischt geschickt die beiden Aktionsbereiche des Walter White, den gesetzeskonformen und den rechtswidrigen, mit seinen familiären, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Sorgen: Eine schwangere Frau, ein behinderter Sohn, ein Komplize, zu dem er eine fast väterliche Beziehung unterhält, einen Polizisten als Schwager und eine Chemotherapie, der er sich unterziehen und die er finanzieren muss. Das Methamphetamin, das er herstellt, löst verheerende Kettenreaktionen aus, die ihn immer weiter ins Verderben treiben.

Normen in Konflikt

Der Grund für den Erfolg der Serie lag, abgesehen von ihren filmischen Qualitäten, darin, dass sie uns eine Persönlichkeit präsentierte, mit der sich jeder identifizieren kann – ein perfekter Vertreter der Mittelklasse, der in einer Welt gefangen ist, die nicht die Seine ist, und von Gewissenskonflikten geplagt wird, während er sich zu Gesetzesverstössen genötigt sieht. Sein Beispiel zeigt, welches Konfliktpotenzial unsere Referenznormen bieten: Hat man das Recht, in Aufopferung für seine Angehörigen Böses zu tun? Verschleierte die Gesetzeskonformität nur die Feigheit dieses kranken Mannes, der unter dem Einfluss des Adrenalins der Illegalität wieder wirkliches Leben spürt? Garantieren uns die gesellschaftlichen Erwartungen – ein guter Vater/eine gute Mutter zu sein, unseren Lebensunterhalt ehrlich zu verdienen, unser Schicksal hinzunehmen –, dass wir für das Unvorhergesehene ausreichend gerüstet sind, wenn der Sozialstaat geschwächt ist?

Das ist zum Teil das Thema der Mehrebenenachse, die uns NFS LIVES vorstellt. In der Spezialausgabe zum Thema Verletzbarkeit haben Eric Widmer und Dario Spini einen etwas provokativen Artikel veröffentlicht, in dem sie die These der «Misleading Norms» aufwerfen. Hiermit meinen sie Verhaltensweisen, die als selbstverständlich betrachtet werden, sich längerfristig aber als nachteilig erweisen können. Die beiden Forscher führen hierzu insbesondere das Beispiel von Elternpaaren mit Vorschulkindern ins Feld, wo die Mutter sich aus dem Berufsleben zurückzieht, um sich den dominanten Erwartungen der Schweizer Gesellschaft anzupassen. In Anbetracht der steigenden Anzahl von Scheidungen birgt dieses Normbild der Hausfrau das Risiko für spätere grosse Verwundbarkeiten für diejenigen, die versuchen, wieder ins Berufsleben einzusteigen. In geringerem Masse kann das Normbild des Vaters, der für den Lebensunterhalt seiner Familie aufkommt, bei bestimmten Männern dazu führen, dass sie keine ausreichenden Beziehungen zu ihren Kindern aufbauen und sie dies nach einer Scheidung bereuen könnten.

Kleine Geschichten vor dem Hintergrund der grossen Geschichte

Der dritte Ansatz – die multidirektionale Achse – lässt sich leicht anhand der britischen Serie Downton Abbey veranschaulichen. Diese Saga, die 1912 beginnt und bis zur Mitte der 1920er Jahre reicht, schildert verschiedene historische Ereignisse (den Untergang der Titanic, den Ersten Weltkrieg, die Spanische Grippe, den irischen Unabhängigkeitskrieg usw.), die sich auf alle Hauptfiguren auswirken. Die zeitliche Dimension fungiert hier nicht nur als Kulisse, um die Zusammenhänge zu erklären. Dadurch, dass wir die Hauptfiguren über mehrere Jahre hinweg verfolgen und die dargestellten Entwicklungen der jeweiligen verschiedenen Generationen beobachten können, erschliesst sich uns ein innerhalb des Forschungsprojekts zum Lebensverlauf weitreichend diskutiertes Prinzip: Das Ansammeln von Vor- und Nachteilen, das nicht immer so mechanisch verläuft, wie es uns die deterministischen Ansätze glauben lassen könnten. Downton Abbey stellt vor allem die Beziehungen zwischen und innerhalb der sozialen Klassen in den Vordergrund – Aristokraten und Bedienstete –, die ihre Gepflogenheiten und Meinungen bewahren, was uns zum vielschichtigen Ansatz führt. Und, wie bei jeder guten Serie, bereichert der multidimensionale Ansatz die Handlung und verleiht den Personen Tiefgang.

Es fällt auf, dass sowohl in den Artikeln der Spezialausgabe des NFS LIVES in Research in Human Development als auch in den drei genannten Serien die Ungleichstellung zwischen Mann und Frau offenkundig dargestellt wird: In 24 dienen die Ehefrau und die Tochter des Protagonisten nur zu Vorzeigezwecken und werden in der Opferrolle dargestellt; in Breaking Bad ist die Frau der Hauptperson eine Hausfrau, die kurz vor der Entbindung steht und von ihren literarischen Ambitionen enttäuscht ist; und in Downton Abbey sind die Töchter nicht erbberechtigt – dies bildet den wesentlichen Ausgangspunkt des Erzählfadens.

Frauen sind besonders gefährdet

Die Geschlechterthematik ist auch in den Artikeln der von LIVES zum Thema Verletzbarkeit herausgegebenen Sonderausgabe ein zentrales Thema. Diese Sonderausgabe zur multidimensionalen Achse von Laura Bernardi, Grégoire Bollmann, Gina Potarca und Jérôme Rossier verdeutlicht, dass der Übergang zur Elternschaft das Wohlergehen der Frauen in ihrem Bemühen, Familie, Arbeit und Freizeit unter einen Hut zu bringen, viel mehr beeinträchtigt als das der Männer – verschiedene Persönlichkeiten spielen den Wissenschaftlern zufolge dabei nur eine untergeordnete Rolle. Der Artikel von Eric Widmer und Dario Spini über die Mehrebenenachse verdeutlicht sehr gut, wie bereits oben erläutert, dass die Frauen die Hauptlast tragen, wenn sie die Geschlechternorm einhalten und wegen der Kindererziehung zu Hause bleiben. Schliesslich zeigt der Artikel von Michel Oris, Rainer Gabriel, Gilbert Ritschard und Matthias Kliegel über die multidirektionale Achse zum Thema Altersarmut in der Schweiz, dass die verletzbaren Personen wieder vor allem Frauen sind, die vor der Rente nicht ausreichend Kapitalreserven angehäuft haben, das heisst, sie sind in wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und institutioneller Hinsicht verletzbar.

Wenngleich die Fernsehserien nicht das wirkliche Leben widerspiegeln, so versucht die Recherche zum Lebensverlauf, dieses so gut wie möglich einzufangen, um die Verantwortlichkeiten besser zu verstehen. Die Gemeinsamkeit zwischen Unterhaltung und wissenschaftlichen Studien besteht darin, dass sich diese mit den dunkelsten Facetten der Existenz beschäftigen, nämlich der Verletzbarkeit des Menschen. Der Unterschied ist, dass die Forschung zudem ergründen möchte, was nötig ist, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Während die Serien ihre Protagonisten voller Schadenfreude leiden lassen, sind «Happy-Ends» immer weniger angesagt, da sie den Zuschauer weniger ungeduldig auf eine mögliche nächste Staffel machen. Im Gegensatz dazu kann die Forschung nur gewinnen, wenn sie ergründet, warum einige besser als andere über die Runden kommen. Das Verständnis für das Handlungsbewusstsein, oder anders ausgedrückt, die Fähigkeit, auf Belastbarkeit zu reagieren, bildet die wirkliche Herausforderung für künftige Forschungen auf dem Gebiet des Lebensverlaufs – zu diesem Schluss kommen Kenneth Ferraro und Markus H. Schlafer, amerikanische Forscher, die zur Abgabe eines Kommentars in der Sonderausgabe aufgefordert wurden, die der NFS LIVES definitiv zu einem der akademischen Akteure auf internationaler Ebene macht.

>> Dario Spini, Laura Bernardi, Michel Oris (2017). Vulnerability across the Life Course. Research in Human Development. Vol. 14, Issue 1.

>> Ein webinar wird am 24. Februar um 17:00 Uhr, Genfer Ortszeit, stattfinden (= 16:00 Uhr GMT, 11:00 Uhr EST). Klicken Sie hier zu mehr Information.