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Altersforschung legt aktuelle und künftige Probleme der Gesellschaft offen

Die Gerontologie ist weit mehr als eine Wissenschaft, die sich mit dem Altsein befasst. Mit ihrem interdisziplinären Ansatz bringt sie sehr unterschiedliche Blickwinkel zusammen und ermöglicht so eine Bestandsaufnahme unserer heutigen Welt. Gleichzeitig zeigt sie die Herausforderungen auf, vor denen die Jungen von heute und die weniger Jungen von morgen stehen werden. Der Nationale Forschungsschwerpunkt LIVES trägt zu dieser wissenschaftlichen Bewegung ebenfalls aktiv bei. Die Arbeiten seiner Forscherinnen und Forscher mündeten in mehreren herausragenden Doktorarbeiten sowie kürzlich im Beitrag zu einer wichtigen Veröffentlichung.

Anerkennung für den Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES: Sein Direktor, Dario Spini, und drei Kolleginnen – Daniela Jopp, Stéphanie Pin, Silvia Stringhini – zeichnen verantwortlich für ein Kapitel in der vierten Auflage des Handbook of Theories of Aging, ein Werk von insgesamt über 700 Seiten, das von Vern L. Bengtson und Richard A. Settersten Jr. in den Vereinigten Staaten herausgegeben wird und in dem die bedeutendsten Kapazitäten in diesem Bereich zu Wort kommen.

Biologen, Psychologen, Soziologen sowie Fachleute aus Sozialpolitik und Praxis wurden aufgefordert, den gegenwärtigen Wissensstand über das Altern darzulegen und inzwischen obsolete Theorien beziehungsweise solche, die im Lichte der jüngsten Forschung an deren Stelle treten, aufzuzeigen. Den Herausgebern zufolge soll die Beschreibung neuer Modelle dazu dienen, kommende Herausforderungen vorwegzunehmen und einen Leitfaden für künftige Massnahmen zur Verbesserung der menschlichen Lebensverhältnisse zu entwickeln.

Prozesse und dynamische Entwicklungen

Diese vierte Auflage – rund 30 Jahre nach der ersten von 1988 und weniger als 10 Jahre nach der letzten von 2009 – widmet sich insbesondere den Prozessen des Alterns. Sie zeigt die Fortentwicklung von Soziologie und Psychologie, zweier Wissenschaften, die sich zusehends den unter der Lebensverlaufsperspektive untersuchten dynamischen Entwicklungen wie dem Glück, affektiven Bindungen und dem sozialen Netzwerk widmen. Wie die Herausgeber erklären, steckt dahinter die Idee, sich für die Lebensqualität zu interessieren, also für das «gelungene Altern», und nicht allein «das möglichst lange Altern» zu berücksichtigen.

Das dem Team des NFS LIVES in Auftrag gegebene Kapitel fusst also auf Längsschnittstudien, die in der Schweiz wie auch in vielen anderen Ländern zusehends häufiger werden. Die Autoren benennen vier Hauptergebnisse aus den jüngsten und immer noch laufenden Umfragen zu alten Menschen. Zunächst die Schwierigkeit, den Untersuchungen einen fixen und einheitlichen Zeitrahmen zu geben: Welche Lebensphasen sind für ein globales Verständnis der Auswirkungen des Alterns einzubeziehen, wie weit sollte in die Vergangenheit zurückgegangen werden, wie oft sind entsprechende Massnahmen zu wiederholen und wie grenzt man empirisch die zu beobachtenden Zeiträume in den Lebensverläufen ab?

Uneinheitliche Lebensverläufe

Weitere Probleme sind die Heterogenität der Lebensverläufe und der multidirektionale Aspekt bestimmter Variablen. Das berühmte «Paradox des Wohlbefindens» beispielsweise – eine Theorie, die bis vor Kurzem als gesichert galt und der zufolge die Zufriedenheit mit dem Lebensalter zunimmt - kann nur in reichen Ländern und bei gesunden Personen als belegt gelten. Die Modelle des Alterns dürfen demgemäss die Unterschiede der Kohorte, des Geschlechts sowie des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Status nicht unberücksichtigt lassen.

Auch die Mehrdimensionalität der Lebensverläufe ist zu berücksichtigen, die Tatsache, dass sich jede Existenz innerhalb mehrerer Bereiche entwickelt und dabei sowohl objektiven als auch subjektiven Faktoren unterworfen ist. Angesichts von Schwierigkeiten können Individuen Selektions-, Optimierungs- und Kompensationsmechanismen bei der Konfiguration ihrer unterschiedlichen (ökonomischen, sozialen, körperlichen ...) Ressourcen einsetzen, die der Wissenschaft infolge dieser Komplexität ein Verständnis von Verletzbarkeit und Resilienz erschweren.

Biologisches und soziales Alter

Die Alterungsprozesse setzen auf verschiedenen Ebenen an und so stimmt das biologische nicht immer mit dem sozialen Alter überein. Umweltfaktoren, institutionelle und normative Aspekte müssen bei den unterschiedlichen untersuchten Generationen ebenfalls berücksichtigt werden.

Es ist also schwierig, die zahlreichen dynamischen Abläufe im Bereich des Alterns zu einer einzigen Theorie zusammenzufassen, wie Dario Spini und seine Kolleginnen abschliessend erklären. Wird die Multiplikation durch Längsschnittsstudien auch begrüsst, so verweisen die beteiligten Forscher dennoch auf die Schwierigkeiten, ihre Karriere in einen pluridisziplinären Ansatz einzubinden. Sie sind durchaus erfreut über die zunehmende Finanzierung der Untersuchungen über Lebensverläufe, zeigen sich allerdings zurückhaltend gegenüber den endgültigen Ergebnissen dieser Untersuchungen im Hinblick auf ein globales und universales Verständnis der Mechanismen des Alterns.

Zahlreiche herausragende Doktorarbeiten

Vorsichtig oder zu bescheiden? Die im Rahmen des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES erstellten und teils erst jüngst verteidigten Doktorarbeiten stellen in jedem Fall einen echten Fortschritt bei der Analyse bestimmter Aspekte im Zusammenhang mit dem fortschreitenden Lebensalter dar. Laure Kaeser, Rainer Gabriel, Marie Baeriswyl, Julia Henke und Barbara Masotti, die 2015 und 2016 an der Universität Genf promovierten, führten ihre Forschungsarbeiten allesamt am Interfakultären Zentrum für Gerontologie und Vulnerabilitätsstudien (CIGEV) unter der (Ko-)Direktion von Prof. Michel Oris und mithilfe des Datenmaterials durch, das anlässlich der von Vivre-Leben-Vivere (VLV) durchgeführten und von LIVES finanzierten Untersuchung erhoben wurde. Andere Studien sind im Gange und werden in den kommenden Monaten und Jahren weitere neue Ergebnisse bringen.

Die jungen Forscher und Forscherinnen zeigen, dass bei dem veränderten Bild alter Menschen, das sich in den letzten Jahren vom pflegebedürftigen Alten zum aktiven Senioren gewandelt hat, die Realität der Schwächsten unter ihnen ausgeblendet wird: Vernachlässigt werden diejenigen, die nicht wirklich von der Demokratisierung des Bildungswesens, den institutionellen und sanitären Fortschritten und der allgemeinen Steigerung des Lebensstandards haben profitieren können. Ihre ausgefeilte Analyse der VLV-Erhebung unter 3600 Personen über 65 Jahren, die sich an zwei grosse Erhebungen aus den Jahren 1979 und 1994 anschliesst, ergibt jedoch ein nuanciertes Bild des Alterns in der Schweiz.

Wahrnehmung der Wirtschaftlichen Schwierigkeiten

Julia Henke zum Beispiel, die ihre Arbeit am 17. Juni dieses Jahres verteidigte, vergleicht die objektiven und subjektiven Prekaritätsindikatoren und zeigt so, zu welch begrenzten Schlussfolgerungen ein Heranziehen allein der Armutsgrenze als Kriterium für die Beurteilung der wirtschaftlichen Verletzbarkeit führt. Die Bezüge der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) bieten alleinstehenden, kranken Menschen ohne Sparrücklagen keinen Schutz vor finanziellen Schwierigkeiten. Der Forscherin zufolge müssen bei der Beurteilung der Lebensqualität alter Menschen neben den rein ökonomischen Aspekten auch die psychologischen berücksichtigt werden. Besonderen Wert legt sie auf die Feststellung, dass die Auswahl der Indikatoren nie frei von Hintergedanken ist, da diese unseren Blick auf die Welt beeinflussen, vor allem in einer von Daten bestimmten Gesellschaft wie der unsrigen.

Soziale Partizipation und Wohlbefinden

Die am 16. Juni von Marie Baeriswyl verteidigte Arbeit weist ebenfalls in diese Richtung. Durch genaue Betrachtung der Evolution der sozialen Partizipation im Rentenalter gelangt sie zu der Feststellung, dass das «Auftreten von multi-partizipativen, engagierten, konsumfreudigen Rentnern, die zudem in unterschiedliche private oder öffentliche Gemeinschaften integriert sind, nicht verdecken kann, dass es zunehmend mehr Menschen gibt, die nicht dieselben Möglichkeiten und Ressourcen besitzen.» Beim Vergleich mit den Studien von 1979 und 1994 ist auch interessant festzuhalten, dass ältere Menschen vor 2011 nicht nach der Lebenszufriedenheit befragt wurden, was erneut die Frage aufwirft, was eigentlich gemessen werden soll und was dies über die Paradigmen unserer Zeit aussagt.

Die Forschungsergebnisse von Marie Baeriswyl belegen den Zusammenhang zwischen sozialer Partizipation und Wohlergehen im Ruhestand. Sie widerlegt bestimmte Theorien wie die der Auflösung des sozialen Kapitals in den modernen Gesellschaften und des Verlusts der familiären Solidarität, «Ängste, die lange die Problematisierung des Alterns bestimmt haben», wie die Forscherin anmerkt. Vielmehr verzeichnet sie eine Polarisierung zwischen Personen mit hohem sozialen, ökonomischen und kulturellen Kapital, die gehaltvolle affektive Bindungen und eine aktive Lebensführung aufrechterhalten, und denjenigen, die den Anschluss verloren haben, die häufig aus bildungsfernen Schichten stammen und deren Gesundheitszustand schlechter wird.

Geschlechterspezifische Ungleichheiten setzen sich auch im Rentenalter fort, indem Männer generell stärker öffentlich engagiert und Frauen vermehrt in der Privatsphäre präsent sind. Es dürfte interessant sein, dieses Ungleichgewicht in einigen Jahren erneut zu überprüfen, um zu sehen, ob die zunehmende Partizipation der Frauen am Arbeitsmarkt die Verhaltensweisen im Rentenalter ändert.

Strukturen contra Individuen

Die fesselnde Doktorarbeit endet mit dem Appel, nicht die Bedeutung zu vergessen, die der Gewährleistung institutionalisierter Strukturen der sozialen Partizipation zukommt. Auch solle nicht der «Ideologie der Deinstitutionalisierung» nachgegeben werden, der zufolge alte Menschen für ein aktives Leben allein verantwortlich sind und die die Ungerechtigkeiten negiert, die der unterschiedlichen sozialen Partizipation begüterter und armer Senioren zugrunde liegen.

Sie schliesst sich damit der Schlussfolgerung des Kapitels von Spini et al. im Handbook of Theories of Aging an, nach der zwar mittlerweile als erwiesen gilt, dass Lebenserwartung und Wohlbefinden an das sozioökonomische Umfeld geknüpft sind, zahlreiche Alterstheorien sich aber nach wie vor auf die persönlichen Merkmale fokussieren, anstatt sich dem Kontext zuzuwenden. In einer Zeit, in der das demografische Gewicht der alten Menschen nicht allein den Wohlstandsstaat vor grosse Herausforderungen stellt, sondern auch das Gleichgewicht zwischen Jung und Alt die demokratischen Debatten prägt, wird es umso wichtiger, sich den derzeitigen und künftigen Formen des Alterns zuzuwenden.

>> Vern L. Bengtson & Richard A. Settersten, Jr. (2016). Handbook of Theories of Aging. New York: Springer, 752 p.

>> Dario Spini, Daniela S. Jopp, Stéphanie Pin, und Silvia Stringhini (2016). The Multiplicity of Aging: Lessons for Theory and Conceptual Development From Longitudinal Studies. In Vern L. Bengtson & Richard A. Settersten, Jr. (2016). Handbook of Theories of Aging (p. 669-690). New York: Springer.

>> Julia Henke (2016). Revisiting Economic Vulnerability among Swiss Pensioners: Low Income, Difficulty in Making Ends Meet and Financial Worry. Unter der Leitung von Michel Oris. Universität Genf.

>> Marie Baeriswyl (2016). Participations et rôles sociaux à l’âge de la retraite. Une analyse des évolutions et enjeux autour de la participation sociale et des rapports sociaux de sexeUnter der Leitung von Jean-François Bickel und Michel Oris. Universität Genf.