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Mit ehemaligen Arbeitskollegen in Kontakt zu bleiben, hilft Arbeitslosigkeit zu überwinden

Auf Basis einzigartiger und speziell reichhaltiger Daten der Studie SOCNET zu der Stellensuche Arbeitsloser im Kanton Waadt verfasste Anna von Ow ihre Dissertation. Dafür erhielt sie am 13. Dezember 2016 den Doktortitel in Sozialwissenschaften der Universität Lausanne. Ihre Dissertation zeigt, dass es effizienter und rentabler ist, eine Stelle über das berufliche Netzwerk zu finden als über private Kontakte, die keinerlei arbeitsbezogene Charakteristiken teilen. Auch über rein familiäre oder rein freundschaftliche Kontakte kann eine Stelle gefunden werden, allerdings geschieht dies weniger häufig, braucht mehr Zeit und geht mit einem höheren Risiko einher, Lohneinbussen zu erfahren.

Die Furcht vor Arbeitslosigkeit ist eine der grössten Sorgen der Schweizer Bevölkerung, wie Umfragen Jahr für Jahr zeigen, obwohl die Schweiz vergleichsweise eine sehr hohe Beschäftigungsrate aufweist. Trotzdem gibt es nur wenige Untersuchungen über die geeignetsten Mittel Arbeit zu finden, da umfassende Daten dazu selten sind; auch in Ländern mit hohen Arbeitslosenquoten fehlt es oft an solchen Studien. Dieser Datenmangel hat zu der Befragung SOCNET geführt, welche im Rahmen des Forschungsschwerpunktes LIVES und in Zusammenarbeit mit dem Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) lanciert wurde. Auf Basis dieser umfassenden Befragungsdaten über die Stellensuche wurden schon zwei Doktorarbeiten verfasst: Im letzten Jahr schloss Nicolas Turtschi seine Arbeit ab, und gerade kürzlich verteidigte Anna von Ow ihre Arbeit an der Universität Lausanne mit Prof. Daniel Oesch als Doktorvater.

Die Studie SOCNET gehört zum LIVES Projekt IP204. In diesem Rahmen gewann die Forschungsgruppe Zugang zu allen Personen, die sich 2012 im Kanton Waadt arbeitslos meldeten und konnte sie zu Beginn und am Ende ihrer Arbeitslosigkeit befragen. In den Jahren 2012 und 2013 gaben fast 2000 Personen darüber Auskunft, ob und wie sie eine Stelle gefunden hatten. Zudem verfügt die Studie über Zugang zu den administrativen Daten dieser Personen und in dieser Kombination auch über Informationen zur Arbeitslosendauer und Lohnentwicklung. Ein Vorteil dieser Studie ist, dass sie die ganze Bandbreite der arbeitslosen Bevölkerung abdeckt, die bei ihrer Stellensuche den gleichen institutionellen und makro-ökonomischen Bedingungen begegnete.

Berufliche und kommunale Kontakte

Anna von Ow konzentrierte sich in ihren Analysen auf die Rolle des Sozialkapitals der Arbeitslosen für die Stellensuche. Dabei unterschied sie zwischen zwei Arten sozialer Beziehungen. Zum einen die beruflichen Kontakte: Sie umfassen ehemalige Arbeitskollegen und andere berufliche Bekannte, aber auch sonstige Personen des sozialen Umfeldes wie enge Freunde und Familie, die arbeitsbezogene Charakteristiken mit der stellensuchenden Person teilen. Zum anderen die nicht-beruflichen sogenannten kommunalen Beziehungen: Sie schliessen familiäre und freundschaftliche Beziehungen mit ein, die keine beruflichen Charakteristiken mit der stellensuchenden Person teilen. Dabei fokussierte sich die Forscherin auf die aktivierten und mobilisierten sozialen Beziehungen und auf den spezifischen sozialen Kontakt, der zur Stelle führte.

Die Dissertation von Anna von Ow integriert verschiedene theoretische Ansätze zu sozialen Netzwerken, zum Sozialkapital und Lebensverlauf.  Sie konnte die Wichtigkeit sozialer Beziehungen für den Zugang zum Arbeitsmarkt bestätigen. In der SOCNET Stichprobe haben mehr als 40 Prozent der Arbeitslosen ihre neue Stelle übers Netzwerk gefunden -  genauer genommen, in fast 3 von 4 Fällen über berufliche Kontakte. Während eine Stelle übers berufliche Netzwerk im Durschnitt innerhalb von 25 Wochen gefunden wurde, dauerte dies über kommunale Beziehungen durchschnittlich 33 Wochen. Die Unterschiede in den Löhnen derer, die Angaben hierzu gemacht hatten, sind noch markanter: Während im Fall eines Arbeitsmarktzugang über berufliche Beziehungen im Schnitt pro Monat 254 Franken mehr verdient wurde als vor der Arbeitslosigkeit, mussten diejenigen, die eine Stelle über die kommunalen Kontakte fanden, Einbussen von durchschnittlich 289 Franken in Kauf nehmen.

Kumulierung der Ungleichheiten

Die Resultate der Studie können dahingehend interpretiert werden, dass rein freundschaftliche und rein familiäre Beziehungen in der Stellensuche eher als letzte Alternative zum Zug kommen, und dabei keine sonderlich gute Passung zwischen den Kompetenzen der stellensuchenden Personen und den Jobanforderungen hervorzubringen scheinen. Weiter können die Ergebnisse dahingehend verstanden werden, dass Ungleichheiten sich kumulativ verhalten: Personen, die über ein tieferes Bildungsniveau verfügen, haben weniger Netzwerkcharakteristiken, die potentiell nützlich sind für den Arbeitsmarktzugang. Gleichzeitig gelingt es ihnen weniger, berufliche Kontakte zu aktivieren und zu mobilisieren. Hinzukommt, dass - zumindest hinsichtlich Arbeitslosendauer - Männer und tertiär gebildete Personen kaum Schaden zu nehmen scheinen, wenn sie Jobinformationen von kommunalen Kontakten verwenden, wohl aber sind Frauen und Personen mit maximal obligatorischer Schulbildung unter diesen Umständen länger arbeitslos.

Weitere Unterschiede wurden beobachtet: Junge Arbeitslose verdienen mehr, wenn sie ihre neue Stellen nicht übers Netzwerk fanden. Berufliche Kontakte helfen besonders Personen im Alter zwischen 45 bis 54 Jahren - oft sind diese weit fortgeschritten oder auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Ausserdem nutzen berufliche Kontakte speziell Personen ausländischer Nationalität, während Schweizer Arbeitslose oft über traditionelle Kanäle auf ihre neue Stelle aufmerksam wurden, wie beispielsweise über eine Ausschreibung in der Presse oder im Internet oder über eine Spontanbewerbung. Allerdings muss dabei weiter zwischen europäischer und aussereuropäischer Nationalität unterschieden werden und das Ausbildungsniveau berücksichtigt werden. Anna von Ow geht in ihren zahlreichen Analysen stark in die Tiefe, um das Zusammenspiel der Charakteristiken ihrer Stichprobe mit den verschiedenen Aspekten des Arbeitsmarktzugangs besser zu verstehen.

Mentoringprogramme fördern

Die Forscherin betont die Notwendigkeit die verletzlichsten Arbeitslosen, besonders die über 55 Jährigen und Personen mit tiefer Bildung, darin zu unterstützen, ein neues berufliches soziales Netzwerk aufzubauen oder ein Bestehendes zu aktivieren. Zu diesem Ziel plädiert sie für Mentoringprogramme für Personen mit einem unzureichenden beruflichen Netzwerk.

Für ihre Dissertation wurde Anna von Ow während ihrer Verteidigung am 13. Dezember 2016 mit der Doktorwürde ausgezeichnet. Mehrere Experten hoben hervor, dass es sich um eine ausserordentlich detaillierte und tiefgründige Arbeit handelt. Ausserdem schätzten sie, dass diese Arbeit bereichernde Perspektiven für die Sozialpolitik eröffnen kann, und betonten zudem die grosse Qualität der Daten, welche nun dank der sehr sorgfältigen Arbeit von Anna von Ow in nächster Zukunft der Forschungsgemeinschaft zur Verfügung stehen wird.

>> Anna von Ow (2016). Finding a job through social ties. A survey study on unemployed job seekersUnter der Leitung von Daniel Oesch. Universität Lausanne.