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Mit den Kindern kommt die Ungleichheit, so das Fazit einer interdisziplinären Langzeitstudie

Bei vielen Paaren besteht eine Diskrepanz zwischen ihren egalitären Wertvorstellungen und dem Verhalten, das sie bei der Ankunft des ersten Kindes in der Familie annehmen. Dieses Paradoxon lässt sich durch das Konzept der «geschlechtsspezifischen Masterstatus» erklären. Dies ist der rote Faden eines unter der Leitung von Jean-Marie le Goff und René Levy entstandenen Werks, an dem Soziologen, Psychologen, Sozialpsychologen und Demografen mitgearbeitet haben. Die Studie stützt sich auf Daten von jungen Eltern aus der Genferseeregion. Die erhobenen Informationen flossen nun auch in eine neue Publikation, die einen Vergleich zwischen mehreren europäischen Ländern zieht. Die Schweiz erscheint dabei als besonders traditionalistisches Land.

Weshalb jedoch übernehmen Paare, für die die Gleichstellung von Mann und Frau wichtig ist, bei der Geburt ihres ersten Kindes eine geschlechterstereotype Rollenteilung? Weil der Übergang zur Elternschaft genau der Moment im Lebensverlauf ist, in dem sich die «geschlechtsspezifischen Masterstatus» am stärksten aufdrängen. Das Konzept illustriert, wie der öffentlich und der private Bereich den Partnern zugeteilt werden: «Frauen "können" durchaus einer beruflichen Tätigkeit nachgehen oder sich in anderen Feldern betätigen, sofern dies nicht mit den Anforderungen der Familienarbeit inkompatibel ist. Männer "können" ihrerseits ihre Familienrollen wahrnehmen und anderen von der Berufswelt unabhängigen Tätigkeiten nachgehen, sofern diese nicht ihre Berufsteilnahme beeinträchtigen», so René Levy und Jean-Marie Le Goff in ihrem Vorwort zum Buch Devenir parents, devenir inégaux. Transition à la parentalité et inégalités de genre (z. Dt.: Mit den Kindern kommt die Ungleichheit. Übergang zur Elternschaft und Geschlechterungleichheiten). Das Buch ist soeben im Seismo-Verlag erschienen.

Die Studie Devenir parent

Die Mehrheit der am Werk beteiligten Autoren forscht heute am Nationalen Forschungsschwerpunkt LIVES. In zehn Kapiteln stellen sie die Ergebnisse der Studie Devenir parent vor, in deren Rahmen von 2005 bis 2009 Informationen von Paaren aus dem Raum Genf und Waadt gesammelt wurden. Jeder Partner nahm an drei Befragungswellen teil: kurz vor der Geburt des ersten Kindes, drei bis sechs Monate nach der Geburt und schliesslich nach dem ersten Geburtstag des Kindes. Die quantitative Datenerhebung wurde in einigen Fällen durch qualitative Interviews ergänzt, um die Vorstellungen und Empfindungen der Befragten besser eruieren zu können.

Die umfassende Studie ergab, dass «zuvor egalitär funktionierende Paare ihre Struktur beim Übergang zur Elternschaft traditionalisieren. Diese Entwicklung wird von Faktoren gesteuert, die sich dem Willen der Paare entziehen und von ihrer Stellung in gesellschaftlichen Strukturen abhängig sind». Es werden mehrere Beispiele erwähnt: Fehlen eines richtigen Vaterschaftsurlaubs, das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen, Mangel an und Kosten von ausserfamiliären Betreuungsmöglichkeiten, fehlende Politik zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, mit den Arbeitszeiten unvereinbare Unterrichtszeiten, sowie allgemeiner die Ausgestaltung sozialstaatlicher Einrichtungen. Die Autoren argumentieren weiter, dass die egalitären Überzeugungen der jungen Paare nicht immer mit den von ihren Eltern an sie übertragenen traditionellen und geschlechtsspezifischen Rollenbildern übereinstimmen. Diese werden jedoch bei der Ankunft ihres ersten Kindes wieder aktiviert.

Diese Traditionalisierung der Rollen findet nicht nur im Grad der Erwerbsbeteiligung Ausdruck – für die Mehrheit der Mütter resultiert die Elternschaft in Teilzeitarbeit, die meisten Väter bleiben hingegen unverändert Vollzeit beschäftigt. Sie ist auch in der Kinderbetreuung und den Haushaltsarbeiten spürbar, da Frauen bei diesen Aufgaben systematisch den grösseren und sozial weniger hoch bewerteten Anteil übernehmen. Durch das Fortbestehen dieser Aufgabenverteilung, die nicht mit den von den jungen Paaren gelebten egalitären Werten vereinbar ist, entsteht eine Diskrepanz, die sich auch auf die Zufriedenheit der jungen Mütter in ihrer Ehe auswirkt und dadurch ein bedeutendes Konfliktpotenzial birgt.

Fragen an Jean-Marie Le Goff, Demograf, Lehr- und Forschungsbeauftragter an der Universität Lausanne und Forscher am NFS LIVES

Die Daten wurden vor zehn Jahren erhoben. In der Zwischenzeit haben sich die gesetzlichen Grundlagen zur Tagesbetreuung der Kinder verbessert und das Ausbildungsniveau der Frauen steigt stetig. Schlägt sich dies heute in einem höheren Beschäftigungsgrad für Frauen nieder?

Die These der geschlechtsspezifischen Masterstatus besagt, dass die berufliche Wiedereingliederung der Frauen aus institutionellen und geschichtlichen Gründen auch weiterhin stark ihrem Familienleben untergeordnet ist. Bei den Männern ist es genau andersherum. Wenn wir von Bildung sprechen, so dürfen wir nicht einfach nur das Ausbildungsniveau betrachten, sondern wir müssen auch die absolvierte Ausbildung berücksichtigen. Dies insbesondere, wenn die Ausbildung zu ‘weiblichen’ Arbeitsplätzen tendiert, bei denen Arbeitgeber eher eine flexible Arbeitszeitgestaltung ermöglichen. Das lag zwar nicht wirklich im Fokus der Studie Devenir parent, doch zeigen auch andere Arbeiten auf, dass junge Frauen sich überwiegend für solche Ausbildungen entscheiden. Ausserdem stellt ein hoher Ausbildungsgrad nicht unbedingt einen Schutz dar. Junge Mütter haben immer noch mit Vorurteilen zu kämpfen. Ein Artikel vom 1. November in der Zeitung Le Temps befasste sich beispielsweise mit Frauen, die kurz nach ihrer Rückkehr vom Mutterschaftsurlaub ihre Kündigung erhielten.

Welche Hypothesen würden Sie aufstellen, wenn Sie die Studie heute mit einer vergleichbaren Gruppe erneut durchführen könnten?

Eine neue Erhebung ergäbe im Vergleich zur Situation vor zehn Jahren nicht unbedingt andere Ergebnisse. Vielleicht wünschten sich Väter etwas häufiger ein reduziertes Arbeitspensum, doch nur auf 80 Prozent; bei Frauen ist dieser Einschnitt viel tiefer. Eine neue Entwicklung wirft für mich jedoch viele Fragen auf, nämlich die steigende Zahl ausserehelicher Geburten in der Schweiz. Sie machen mittlerweile fast ein Viertel der Geburten aus. Aus den Arbeiten, die ich mit Valérie-Anne Ryser von FORS durchführe, geht hervor, dass sich unverheiratete Paare von verheirateten Paaren unterscheiden. Sie diskutieren mehr, verhandeln stärker miteinander und sind egalitärer. Sollte der Trend zu ausserehelichen Kindern analog zur Entwicklung in Skandinavien weiter zunehmen, sind somit zwei Szenarien denkbar. Im ersten Fall geht dieser Trend mit einer Verbreitung des egalitäreren Modells einher. Im zweiten Fall wird das unverheiratete Elternsein zur Banalität und von allen Arten von Paaren übernommen, auch von denjenigen mit traditionelleren Werten. Eine Wiederholung der Studie Devenir parent könnte in ein paar Jahren interessant sein, um besser zu verstehen, was um diese ausserehelichen Geburten herum entsteht.

Den Vätern kommt in der Kinderbetreuung weiterhin eine untergeordnete Rolle zu. Gilt diese Feststellung auch für Länder mit egalitäreren Strukturen?

Schwedische Väter scheinen sich durch die Verpflichtung zum Vaterschaftsurlaub stärker einzubringen. Bei der Geburt des ersten Kindes entstehen neue Routinen, insbesondere in der Organisation und der Aufteilung der Kinderbetreuungsaufgaben. Der Vaterschaftsurlaub könnte somit zu mehr Gleichheit beitragen. Was vor der Geburt des Kindes geschieht, darf dabei jedoch nicht vernachlässigt werden, wie bereits im Zusammenhang mit der Ausbildung erwähnt.

In der vergleichenden Studie über die verschiedenen Länder Europas argumentieren Sie, dass die Väter in der Schweiz nicht besonders motiviert sind, ihre Arbeitszeit zu kürzen. Wie sieht dies in den nordeuropäischen Ländern aus?

Teilzeitarbeit hat in Schweden eine ganz andere Bedeutung als in der Schweiz. Sie betrifft meist ältere Arbeitnehmer, die sich so schrittweise aus dem Arbeitsleben zurückziehen. Schweden ist vielmehr geprägt durch ein Gesellschaftsmodell, in dem die Krippe nicht nur als Mittel zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie gilt, sondern in dem sie eine wichtige Rolle in der Sozialisierung der Kinder oder gar bei deren Erziehung spielt. So können sowohl Frauen als auch Männer Vollzeit arbeiten, und niemand hat ein schlechtes Gewissen!

>> Jean-Marie Le Goff et René Levy (dir.) (2016). Devenir parents, devenir inégaux. Transition à la parentalité et inégalités de genre. Genève : Editions Seismo, 352 p. (avec Laura Bernardi, Felix Bühlmann, Laura Cavalli, Guy Elcheroth, Rachel Fasel, Jacques-Antoine Gauthier, Nadia Girardin, Francesco Giudici, Béatrice Koncilja-Sartorius, Vincent Léger, Marlène Sapin, Claudine Sauvain-Dugerdil, Dario SpiniManuel Tettamanti, Isabel Valarino, Eric D. Widmer)

>> Nadia Girardin, Felix Bühlmann, Doris Hanappi, Jean-Marie Le Goff and Isabel Valarino (2016). The transition to parenthood in Switzerland: between institutional constraints and gender ideologies. In Daniela Grunow and Marie Evertsson (ed.) (2016). Couples' Transitions to Parenthood. Analysing Gender and Work in Europe. Cheltenham Glos (UK) : Edward Elgar Publishing